Alternative Ansätze in Lateinamerika

Verstaatlichung der Rohstoffe und Integration

Von Benjamin Beutler, Santa Cruz de la Sierra *

Südamerika rückt zusammen, die Abhängigkeit von den USA bröckelt. Das ist Gegenstand von zwei Publikationen des Forschungs- und Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika.

Die südamerikanische Emanzipation schreitet weiter voran. Ein Beleg dafür ist das Gründungsvorhaben der »Union der südamerikanischen Nationen« auf dem Energiegipfel Mitte April in Venezuela. Der Berliner Gutachter und Publizist Thomas Fritz hat in seinen zwei letzten Veröffentlichungen für das Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika (FDCL) zwei zentrale Bereiche dieses politischen Umbruchs unter die Lupe genommen: die bolivianische Nationalisierung und die lateinamerikanische Integration.

Das über 50-seitige Arbeitspapier »Die Plünderung ist vorbei: Boliviens Nationalisierung der Öl- und Gasindustrie« betrachtet die Facetten des ehrgeizigen Vorhabens der bolivianischen Regierung der Bewegung zum Sozialismus (MAS), dem Staat die Verfügungsgewalt über die Rohstoffe zurückzugeben. Zunächst beschreibt der Autor die frühen Verstaatlichungen der Jahre 1937 und 1969, um anschließend auf die Privatisierungen à la IWF im Öl- und Gassektor der 1990er Jahre einzugehen. Die Konzerne durften, so Fritz, »frei über die Preise, die Vermarktung, den Transport, die Belieferung des Binnenmarktes, den Export und die Weiterverarbeitung der von ihnen geförderten Energieträger entscheiden«. So habe es keine Verpflichtung gegeben, die Versorgung des Binnenmarktes sicherzustellen. Überhöhte Preise für oft nicht verfügbare Energie war das Ergebnis, das Land wurde regelrecht ausgesaugt. Doch Widerstand regte sich gegen diese »neoliberale Schocktherapie«. Der durch die indigene Bevölkerung organisierte Kampf gegen soziale und wirtschaftliche Ausgrenzung mündete in die direkte Konfrontation mit dem bolivianischen Staat. Die historische Wahl von Präsident Evo Morales war ein Ergebnis der Stärke der sozialen Bewegungen, in ihm sahen sie den Vertreter einer ihrer Hauptforderungen: Nationalisierung der Rohstoffe. Sein Nationalisierungsdekret vom Mai 2006 soll diesen Traum verwirklichen. Doch wie weit geht diese Politik, und wie weit kann sie gehen? Äußerst genau geht der Autor auf die Hindernisse der Nationalisierung ein, beschreibt die Druckmittel der privaten Unternehmen, internationalen Organisationen, Regierungen und des innenpolitischen Gegners. Auch das angestrebte sozioökonomische Entwicklungsmodell Boliviens, der »amazonisch-andine Kapitalismus« der MAS, wird kritisch analysiert. Und wie steht es mit der Ökologie angesichts der verheerenden Umweltzerstörung durch den Ressourcenabbau? All diese Fragen werden informativ und einfach in dem September 2006 herausgekommenen Heft besprochen.

Das zweite Papier geht über den nationalen Analyserahmen hinaus. Erschienen Anfang des Jahres beleuchtet es die aktuelle integrationspolitische Landkarte Südamerikas. In »ALBA contra ALCA« entwirrt Fritz das Dickicht bestehender regionaler Handelsbündnisse und stellt das von Venezuela forcierte ALBA (Bolivarianische Alternative für Amerika) dem von den USA geplanten neoliberalen ALCA (Amerikanische Freihandelszone) gegenüber. Die Lektüre gibt dem Leser einen Überblick über die wichtigsten ALBA-Ziele, ein Schwerpunkt ist die geplante energetische Integration des Kontinents. Offen bleibt, ob es sich bei ALBA tatsächlich um ein auf die Belange der mehrheitlich armen Bevölkerung Lateinamerikas abzielendes Projekt handelt. Die Vision jedoch ist da.

Thomas Fritz: Die Plünderung ist vorbei, FDCL, Berlin 2006.
Thomas Fritz: ALBA contra ALCA, FDCL, Berlin 2007.


* Aus: Neues Deutschland, 8. Mai 2007


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