Boom und diffuse Ängste

Lateinamerika wächst dynamisch, Chinas Direktinvestitionen steigen rasant. Das führt in der Region auch zu Kritik. USA sorgen sich um ihren Einfluß

Von Rainer Rupp *

China ist zu einem der wichtigsten Geldgeber in Lateinamerika geworden. Während im Jahr 2000 die Investitionen noch kaum wahrgenommen wurden, haben sie zehn Jahre später fast neun Prozent des Gesamtvolumens der Mittel erreicht, die von außen in die Region fließen. Das stellt ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) fest. Dennoch bleiben die USA mit 17 Prozent Hauptinvestor in Lateinamerika, gefolgt von den Niederlanden (13 Prozent) und China. Kanada und Spanien folgen mit jeweils vier Prozent.

Obama erfolglos

Nachdem US-Präsident Barack Obama im März erstmals Brasilien, Chile und El Salvador besucht hatte, wurde seine Reise in diesen von wirtschaftlicher Dynamik charakterisierten Teil des Gesamtkontinents von Kommentatoren daheim als wenig ergiebig kritisiert. Zugleich lamentierten US-Medien, daß China mit seiner Wirtschaftskraft die Vereinigten Staaten aus diesem Teil der Welt – der von Washington seit fast zweihundert Jahren als der eigene Hinterhof angesehen wird – herauszudrängen versuche. Tatsache ist, daß die USA immer noch Lateinamerikas wichtigster Wirtschaftspartner sind, obwohl sie im letzten Jahrzehnt dort an Einfluß verloren haben. Diese Entwicklung dürfte sich in dem Maß verstärken, wie Obama versucht, im Rahmen seiner Beschäftigungspolitik die Exporte in die Region zu erhöhen, statt den eigenen Markt stärker für Fertigprodukte von dort zu öffnen.

Der chinesisch-lateinamerikanische Warenaustausch ist von umgerechnet zwölf Milliarden Dollar im Jahr 2000 auf mehr als 140 Milliarden im Jahr 2010 gewachsen. Zugleich hat sich das Handelsbilanzdefizit der Region mit China von 950 Million Dollar auf über 32 Milliarden Dollar ausgeweitet. 15 Milliarden Dollar flossen allein 2010 als chinesische Direktinvestition, vorrangig in Aufkäufe und Beteiligungen an Unternehmen. Insgesamt wurden im zurückliegenden Jahrzehnt mehr als 90 Prozent der China-Dollars in die Förderung und die Infrastruktur zum Abtransport von industriellen und landwirtschaftlichen Rohstoffen gelenkt.

Der Umsatz der Gesamtregion mit der asiatischen Wirtschaftssupermacht ist jedoch nicht gleichmäßig über die Länder Lateinamerikas verteilt. So kamen im Stichjahr 2008 etwa 90 Prozent aller Exporte von dort nach China aus vier Ländern: Argentinien, Brasilien, Chile und Peru. Allerdings wird auch in Lateinamerika, insbesondere in Brasilien, zunehmend Kritik laut, daß die Region immer stärker von China abhängig sei.

Für Brasilien und Chile ist die Volksrepublik der größte Abnehmer ihrer Exporte. Für Argentinien, Kolum­bien, Peru und Venezuela zweitgrößter. Ausgeführt werden hauptsächlich Eisen- und Kupfererze, Kupfer und Sojaprodukte. Während China die Rohstoffe der Region mit Kußhand nimmt, ist das bei Fertigprodukten ganz anders. Etwa 92 Prozent der Erzeugnisse der lateinamerikanischen verarbeitenden Industrie stehen in bezug auf Qualität und technisches Niveau in direktem Wettbewerb zu chinesischen Produkten. Wegen des niedrigen Niveaus der Löhne in China und wegen der auch aus Sicht Lateinamerikas unterbewerteten Währung Renminbi (Volksgeld) würde die Beibehaltung dieser ungleichen Struktur der Handelsbeziehungen langfristig zur Deindustrialisierung Lateinamerikas führen. Berichten zufolge hat allein im Jahr 2010 Brasilien 70000 Arbeitsplätze in der herstellenden Industrie verloren, wodurch dem Staat Einnahmen von zehn Milliarden Dollar entgangen seien. Um diese Fragen ging es auch beim fünftägigen Staatsbesuch der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff Mitte April in China, bei dem brasilianischen Kommentatoren zufolge »greifbare« Fortschritte erzielt werden konnten.

Furcht vor Dominanz

Dennoch wächst in vielen lateinamerikanischen Ländern eine diffuse Angst vor Chinas angeblichen Absichten, »sich die Kontrolle über die Rohstoffe der Region zu sichern«. Dies ist eine Sorge, die durch Aussagen des brasilianischen Generalskonsuls in Schanghai laut veröffentlichten Wikileaks-Dokumenten genährt wurde. Ähnlich mißtrauische Bemerkungen gibt es laut Wikileaks von anderen Vertretern lateinamerikanischer Regierungen: »Wir lassen uns von China nicht überrollen«, wird ein Mitarbeiter der kolumbianischen Botschaft in Peking zitiert, ein mexikanischer Handelsdelegierter soll gesagt haben: »Wir wollen nicht Chinas nächstes Afrika werden.«

Tatsächlich ist es 2010 im Handel mit verarbeiteten Produkten bereits zu ernsten Auseinandersetzungen zwischen China und Argentinien gekommen. Nachdem Buenos Aires wegen »unfairen Wettbewerbs« Antidumping-Strafzölle auf chinesische Schuhe und Textilien erhoben hatte, stoppte Peking als Vergeltung alle Importe von Sojaöl, Argentiniens wichtigstem Ausfuhrgut. Trotz inzwischen gemachter Konzessionen hat China den Import noch nicht wieder aufgenommen. Hoffnung verbreitet dagegen der neue Bericht der UN-ECLAC-Kommission, daß Regierung und Unternehmen der Voksrepublik in den kommenden Jahren ihre Investitionen breiter streuen werden. Dabei solle auch der verarbeitende Sektor stärker berücksichtigt werden, was Arbeitsplätze in der Re­gion schaffen werde.

* Aus: junge Welt, 7. Mai 2011


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