In alter Freundschaft

Solidarität und Kommerz: Wirtschaftsbeziehungen zwischen China und Kuba seit Jahrzehnten stabil. Neue Projekte konzentrieren sich auf Erdölbranche und Biotechnologie

Von Michael R. Krätke *

Es ist eine längere Geschichte. Vor 47 Jahren war Kuba das erste Land in Lateinamerika, das offizielle Beziehungen zur Volksrepublik China aufnahm. Die Revolutionsregierung in Havanna brach damals die Beziehungen zu Taiwan ab und wandte sich der Volksrepublik zu. Bereits im November 1960 wurde ein Abkommen über technische und wirtschaftliche Zusammenarbeit unterzeichnet. Zwar kühlten in den sechziger Jahren die Beziehungen rasch ab, die Sowjetunion übernahm die Rolle des »großen Bruders«. Aber seit 1989 spielt China wieder eine herausragende Rolle für den karibischen Inselstaat.

Trotz der enormen Entfernungen ist die Volksrepublik heute für Kuba der zweitwichtigste Handelspartner – und der entscheidende Geldgeber, um Entwicklungsprojekte (»Programas de la Revolución«) zu finanzieren. Die fernöstliche Weltwirtschaftsmacht kann es sich leisten, die von den USA seit 40 Jahren über Kuba verhängten Blockaden und Sanktionen zu ignorieren. Für Peking ist Kuba das Tor zur Karibik und zum lateinamerikanischen Raum, für Havanna ist China ein überaus verläßlicher und großzügiger Partner, der auf langfristige Kooperation setzt.

Seit Anfang der 1990er Jahre wird die technische und wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder von einer gemischten kubanisch-chinesischen Kommission vorangetrieben. Sie handelt Abkommen über Finanzhilfen, Handel und gemeinsame Investitionsprojekte aus und wacht über die Gemeinschaftsprojekte. Als die Sowjetunion unterging, sprang die Volksrepublik ein. Ein wachsender Teil der chinesischen Finanzhilfen an Kuba sind de facto Geldgeschenke, wie man sie auch unter Brüdern nicht alle Tage macht. Im November 2004 wurde ein solcher Zuschuß in Höhe von 50 Millionen Yuan (etwa 6,1 Millionen US-Dollar) für die weitere Entwicklung des kubanischen Schul- und Hochschulsystems vereinbart. Weitere 50 Millionen Yuan wurden für den Ausbau des kubanischen Gesundheitssystems dazugelegt. Im Dezember 2005 erhielt Kuba wiederum 25 Millionen Yuan zur Finanzierung von Entwicklungsprojekten – alles geschenkt. Auch das Volumen der zinslosen Kredite aus Peking ist sprunghaft gestiegen, ebenso wie das des Handels. Zugenommen haben außerdem Zahl und Bedeutung der Joint-Ventures beider Länder. In absehbarer Zeit wird der kubanisch-chinesische Handel einen Umfang von mehr als einer Milliarde US-Dollar haben. Der Warenaustausch zwischen China und ganz Lateinamerika hat in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt um 42 Prozent jährlich zugelegt.

Kuba ist heute für China ein wichtiger Handelspartner in Lateinamerika, und China der zweitwichtigste Partner der Kubaner. An erster Stelle steht da immer noch Venezuela, das Kuba täglich 90000 Barrel (ein Barrel hat 159 Liter) Öl zu Vorzugsbedingungen liefert. Kuba exportiert in der Hauptsache Rohstoffe und Agrarprodukte nach China – Rohzucker, Metalle, Zitrusfrüchte, Tabak, Muscheln. China liefert zwar auch Nahrungsmittel wie Reis und Bohnen, aber in allererster Linie kommen Industrieprodukte (Haushaltsgeräte, Zugmaschinen, Fahrzeuge, Eisenbahnwaggons, Ausrüstungen für die Produktion von Fahrrädern, Textilien, Computer und Ausrüstungen für die Telekommunikation) auf die Karibikinsel. Das Land hat inzwischen fast 9000 Busse von der chinesischen Firma Yutong bezogen, um sein öffentliches Verkehrssystem auszubauen und zu modernisieren.

Kubas Handelsbilanz mit China ist allerdings chronisch defizitär, was das Interesse Havannas an einer Erweiterung und Diversifizierung des Güter- und Leistungsaustausches erklärt. 2003 hat das Land – als erstes in Lateinamerika – von China ein offizielles Tourismusgütesiegel erhalten. Zwar besuchen jährlich kaum 10000 chinesische Urlauber Kuba, aber die Tendenz ist rasch steigend.

Natürlich verfolgt Peking eigene, langfristige Interessen. Kuba ist ein potentiell reiches Land, reich an natürlichen Ressourcen aller Art, keineswegs auf die Rolle des Rohzuckerexporteurs festgelegt. Im Osten der Insel liegen einige der wichtigsten Nickelvorkommen der Welt. Die Volksrepublik braucht wachsende Mengen Nickel als Legierungsmetall für ihre florierende Stahlindustrie. Beide Länder haben deshalb ein Gemeinschaftsprojekt zur Erschließung von Lagerstätten auf der Insel gestartet, und China wird gut 500 Millionen Dollar in den kubanischen Nickelbergbau investieren. Kuba indes hat sich verpflichtet, zwischen 2005 und 2010 mindestens 4000 Tonnen Nickel pro Jahr nach China zu liefern. Neben den Joint-Ventures im Bergbau wurde ein Vertrag über Erdölförderung zwischen der Cubapetróleo und der zweitgrößten staatlichen Ölgesellschaft Chinas, Sinopec, abgeschlossen. Damit wird die Erschließung der Ölvorkommen im kubanischen Teil des Golfs von Mexiko möglich – ohne die US-Ölmultis. Bemerkenswert sind die Versuche in jüngster Zeit, die Kooperation im Dreieck, d.h. mit Beteiligung Venezuelas, auszubauen (z.B. beim Bau eines Kraftwerks und eines neuen Stahlwerks in Kuba).

Die Glanzstücke der Zusammenarbeit finden sich in einer Zukunftsindustrie: der Biotechnologie. Hier gehört Kuba zu den in der Forschung weltweit führenden Nationen. Seit 2005 arbeiten chinesische und kubanische Unternehmen in der biotechnologischen Forschung und Entwicklung eng zusammen. In China wurde dank der Zusammenarbeit Biotec Pharmaceutical gegründet, ein Unternehmen, das weltweit führend in Erforschung, Entwicklung, Produktion und Vertrieb von monoklonalen Antikörpern, die zur Krebsbehandlung eingesetzt werden, ist.

* Aus: junge Welt, 16. August 2008


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