Der Mythos Che lebt

Auf den Spuren des argentinischen Revolutionärs in Kuba

Von Kathrin Zeiske *

Der Mythos von Ernesto »Che« Guevara ist nicht totzukriegen. Drei Tage vor seinem 81. Geburtstag am 14. Juni lief in deutschen Kinos der erste Teil von Steven Soderberghs Epos über Che Guevaras Leben an. Auch in Kuba ist der Revolutionär nach wie vor unvergessen und präsent.

»Ich dachte erst, es wären Frauen. Alle hatten sie lange Haare, bis auf die Schultern.« Noch heute ruft die erste Begegnung mit dem kubanischen Revolutionsheer bei dem 82-jährigen Perfecto Domínguez Kopfschütteln hervor. Ganz genau erinnert er sich an den Kommandanten, der an diesem Tag vor einer Schlange Bauern saß, die Reis und Bohnen an seine Kolonne verkauften. Es war Ernesto Guevara; von allen schlicht »Che« genannt.

Zum »geborenen Kubaner« erklärt

42 Jahre nach seiner von der CIA forcierten Hinrichtung in Bolivien ist er präsent wie nie; seine Person und seine Beteiligung an den lateinamerikanischen und afrikanischen Befreiungsbewegungen der 50er und 60er Jahre wird weiterhin kontrovers diskutiert. Sein Antlitz ist darüber hinaus als ideologiefreie Pop-Ikone in jedem Land der Erde bekannt. In Kuba jährte sich der Sieg der Revolution in diesem Jahr zum 50. Mal. Dort gilt »Che« als Märtyrer und Nationalheld, und so mancher hat noch persönliche Erinnerungen an ihn.

Zunächst hatte es unter den Kubanern jedoch Verwunderung hervorgerufen, den jungen Argentinier an der Seite Fidel Castros zu wissen, der mit einem kleinen Heer von der Sierra Maestra aus versuchte, das Land von der Diktatur Fulgencio Batistas zu befreien. Breite Schichten der Bevölkerung unterstützen sie dabei, allen voran die Bewegung 26. Juli, der auch der damalige Tagelöhner Perfecto Domínguez angehörte.

»Batista folterte und mordete. Er lebte in Dekadenz, und wir konnten den Hunger nicht mehr ertragen«, erzählt der für sein Alter immer noch kräftig wirkende Mann. Die Untergrundorganisation versuchte, das Regime mit Sabotageakten in den Städten mürbe zu machen, und versorgte gleichzeitig das Revolutionsheer in den Bergen mit Lebensmitteln, Medikamenten und Waffen. Auch Perfecto stieß an jenem 23. Dezember 1958 mit geschmuggelten Waffen zur Kolonne Ernesto Guevaras. »Che sah müde und angespannt aus. Es waren die Tage, die alles entschieden haben«, erzählt er mit lauter Stimme, denn sein Hörgerät hat er wie so oft nicht gefunden.

Schon knapp mehr als zwei Jahre war es her, dass Fidel und Raúl Castro aus dem mexikanischen Exil mit 80 Männern nach Kuba übergesetzt waren, um die vormals gescheiterten Revolutionsbestrebungen erneut anzugehen. Unter ihnen vier Nichtkubaner; einer davon der argentinische Arzt Ernesto Guevara, der sich schon bald als hervorragender Militärstratege erweist. Fidel ernennt ihn zum Kommandanten und vertraut ihm die 2. Kolonne an. Am 29. Dezember 1958 kann Che Guevara die Schlacht um die Stadt Santa Clara gegen eine zehnfache Übermacht für das Revolutionsheer entscheiden. Der Weg nach Havanna liegt damit frei, Batista verlässt in der Nacht zum 1. Januar das Land. Die kubanische Revolution hat gesiegt, und einen Monat später wird Che, der Argentinier, zum »geborenen kubanischen Staatsbürger« erklärt.

Liborio Noval, einer der großen Fotografen der kubanischen Revolution, lernte den »Kommandanten Che« an einem Sonntag im Jahre 1961 kennen. »Man hatte mich geschickt, um Aufnahmen von ihm zu machen, dem Industrieminister, wie er Freiwilligenarbeit leistet beim Bau neuer Wohnungen für Familien aus den Armenvierteln«, erinnert sich Noval, ein älterer Herr mit der notorischen Zigarre zwischen den Lippen. Guevara fragte ihn, ob er zum Arbeiten gekommen sei, und er antwortete mit einem »Ja«, wobei er sich jedoch mehr auf seinen Fotoauftrag bezog. »Dann häng deine Kamera dort drüben an den Nagel und hilf mir«, bedeutete ihm der pragmatische Staatsmann.

»So arbeitete ich mit ihm, viele Sonntage lang«, berichtet der Sohn eines Exilspaniers, der fast sein ganzes Leben lang für die kubanische Presse gearbeitet hat. »Nebenbei schoss ich Fotos, und oft fragte mich der Kommandant Che interessiert nach meiner Kamera.« Che hatte sich als Fotograf in Mexiko sein Geld verdient und dokumentierte die Revolution nicht nur in Texten, sondern auch in Bildern. War er ein guter Fotograf? »Wenn er ein hervorragender Fotograf gewesen wäre, hätte er nicht der herausragende Revolutionär sein können, der er war«, antwortet Liborio Noval ernst. Wenn er sich vorbeugt, fällt aus seinem offenen grauen Hemd ein Amulett mit den Gesichtszügen Ernesto Guevaras heraus. Idealistisch, humorvoll und unprätentiös

Das ehemalige Wohnhaus Ernesto Guevaras in Havanna liegt nur wenige Fahrtminuten vom Platz der Revolution entfernt im Viertel Nuevo Vedado. Für einen Revolutionshelden und Minister scheint es bescheiden: ein völlig unprätentiöses Familienhaus. Wenig bekannt: Che war auch Ehemann und Familienvater. »Meine Mutter möchte mit niemandem sprechen«, bedauert Aleida Guevara, die älteste Tochter von ihm und Aleida March. »Sie widmet sich dem Ausbau des Forschungszentrums Che Guevara; ansonsten lebt sie sehr zurückgezogen«, erklärt die rundliche Frau mit rotblonden Haaren.

Ihre Erinnerungen hat die ehemalige Untergrundkämpferin, die schließlich Ches Privatsekretärin wurde, in einem Buch niedergeschrieben. Nur ein einziges Mal hat sie es öffentlich in Havanna vorgestellt. Sie sagt, sie habe es für ihre Kinder geschrieben, damit diese ein Zeugnis von ihrem Vater hätten, fernab von Anekdoten und offiziellen Schriften. Das Buch stelle keinen anderen Menschen dar, sondern »den Che, den man kennt«: Ein Mann der seine Ideale lebt, keine Privilegien für die Familie zulässt, wohl aber liebevolle Postkarten mit manchmal recht eigenem Humor aus sämtlichen Ländern des sozialistischen Lagers an die Ehefrau sendet. »Ich bin doch ein verdammter Familienmensch«, schreibt er.

Nach Kongo und später nach Bolivien geht er schweren Herzens, und doch überzeugt, den Kampf der revolutionären Bewegungen auf der Welt voranbringen zu müssen. Die einstige Guerillera Aleida bleibt bei den Kindern. Die Revolution reichte nicht bis an den Herd.

Ches alte Mitkämpfer berichten hingegen gerne von der gemeinsamen Zeit. »Das ist der Comandante Che, und hier, mit Gewehr und Rucksack, das bin ich«, sagt Miguel Retamar und beginnt, von den zwei Jahren in der Sierra Maestra zu erzählen, als er an der Seite Guevaras kämpfte. Heute hat er schneeweiße Haare, doch wenn er redet, wirkt er genauso wie der junge Mann auf dem Foto: voller Enthusiasmus. »Der Che hat immer an unseren Sieg geglaubt. Wir waren abgemagert, zerlumpt und schlecht bewaffnet, aber sein Mut hat uns beflügelt«, bestätigt der 71-Jährige mit strahlenden Augen.

»Aber ändern muss sich auch etwas«

In Santa Clara ist Che Guevara ein Museum und ein Mausoleum gewidmet. Dort, wo er einst die Entscheidungsschlacht der kubanischen Revolution gewann, ragt Ches gigantische Statue in der gleißenden Sonne über einen fußballfeldgroßen Paradeplatz. Zahlreiche Reisebusse parken vor dem Eingang des Mausoleums, in dem seit 1997 die sterblichen Reste des Revolutionärs liegen.

In vielen neueren Biografien wird der Mythos Che demontiert. Längst erscheint er nicht mehr als der »vollkommene Mensch unserer Zeit«, wie ihn der begeisterte Schriftsteller Jean-Paul Sartre 1960 nach einem Treffen in Kuba bezeichnete. Auch in der Linken wird seine Einflussnahme auf die Ausformung eines bürokratischen und autoritären Staates nach der kubanischen Revolution kritisiert. In Kuba heißt es jedoch nach wie vor: »Die Kinder sollt ihr im Sinne des Che erziehen.« So lautet das bekannte Zitat von Fidel Castro. Doch die junge Generation, die Enkelkinder der Revolution, stellen die Regierung Kubas vor neue Herausforderungen. »Wir wollen Protagonisten unseres Lebens sein«, fordert Yolanda, die gerade ihr Journalismusstudium an der Universität von Havanna abgeschlossen hat und nun im Rundfunk arbeitet.

Als Kritikerin oder gar Regimegegnerin betrachtet sie sich aber nicht. »Eine tatsächliche politische Opposition sehe ich nicht auf Kuba. Aber alle sind zermürbt von der schwierigen Wirtschaftslage, und dass es kaum etwas zu kaufen gibt. Es gibt viel zu kritisieren, aber wir sind auch stolz auf die Revolution. Che ist ein Vorbild«, sagt die junge Frau mit großen Ohrringen und modischem Top. »Aber ändern muss sich auch was«, fügt sie schnell hinzu. Doch sie ist zuversichtlich. »Raúl Castro ist sehr viel pragmatischer und realistischer eingestellt als Fidel. Und nun setzen viele Kubaner auf Obama.« Der neue US-Präsident baut auf eine Annäherung. Auch die kubanische Regierung hat sich zu bilateralen Gesprächen bereit gezeigt. Was hätte der Antiimperialist Che Guevara wohl zu diesen Prozessen gesagt?

»Wein doch nicht, gleich kommt der Che«, sagt Perfecto Domínguez, der ehemalige Untergrundkämpfer, den einst Guevaras lange Haare irritierten, zu seinem jüngsten Enkelsohn. Der hat sich beim abendlichen Baseballspiel das Knie aufgeschlagen.

* Aus: Neues Deutschland, 17. Juni 2009


Zurück zur Kuba-Seite

Zur Lateinamerika-Seite

Zurück zur Homepage