Fidel Castro zur gegenwärtigen Weltordnung, 11.05.2007 (Friedensratschlag)
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"Das (Bretton-Woods-)System war von Kopf bis Fuß für die Ausbeutung und Ausplünderung entworfen worden"

Fidel Castro zur gegenwärtigen Weltordnung, zum Klimawandel und zur Energiegewinnung - Zwei Beiträge (Dokumentation)

DIE TRAGÖDIE, DIE UNSERE GATTUNG BEDROHT

ÜBERLEGUNGEN DES COMANDANTE EN JEFE

Ich kann nicht wie ein Volkswirt bzw. Wissenschaftler sprechen. Ich tue es einfach als ein Politiker, der die Argumente der Volkswirte oder Wissenschaftler in dem einen oder anderen Sinn ergründen will. Ich versuche ebenfalls die Motivation von jedem derjenigen zu erkennen, der sich über diese Themen äußert. Vor nur zweiundzwanzig Jahren führten wir in Havanna eine große Anzahl von Treffen mit führenden Persönlichkeiten aus der Politik und Führern der Gewerkschaften und der Bauern- und Studentenorganisationen durch, die als Vertreter der genannten Sektoren in unser Land eingeladen waren. Alle stimmten darin überein, dass die riesige 1985 angehäufte Auslandsschuld der Länder Lateinamerikas das größte Problem zu jenem Zeitpunkt war. Jene Schuld betrug 350 Milliarden Dollar. Damals besaßen die Dollar eine viel höhere Kaufkraft als der heutige Dollar.

Wir schickten allen Regierungen der Welt Abschriften der Ergebnisse jener Treffen – mit einigen Ausnahmen, logischerweise, denn es hätte beleidigend erscheinen können. Zu jener Zeit hatten die Petro-Dollar den Markt überflutet und die großen transnationalen Banken forderten praktisch von den Ländern die Aufnahme sehr hoher Darlehen. Es ist überflüssig zu sagen, dass die Wirtschaftsbeauftragten solche Verpflichtungen akzeptierten ohne jemand um Rat zu fragen. Jene Zeitperiode fiel mit der Herrschaft der repressivsten und blutigsten Regierungen zusammen, die unser Kontinent je erlitten hat und die vom Imperialismus aufgezwungen worden waren. Sehr hohe Summen wurden für Waffen, Luxus und Konsumgüter ausgegeben. Die anschließende Verschuldung stieg auf 800 Milliarden Dollar, während die jetzigen katastrophalen Gefahren erzeugt wurden, die auf einer Bevölkerung lasten, die sich in kaum zweieinhalb Jahrzehnten verdoppelt hat und hiermit die Zahl derjenigen, die verurteilt sind, in äußerster Armut zu leben. Lateinamerika ist heute das Gebiet der Welt, wo der Unterschied zwischen den meist begünstigten Bevölkerungsschichten und denen der geringsten Einkommen am größten ist.

Schon lange vor dem, was jetzt zur Debatte steht, konzentrierte sich der Kampf der Dritten Welt auf solche ebenfalls beängstigende Probleme wie den ungleichen Handel. Jahr für Jahr wurde entdeckt, dass die Preise der Exportartikel der Industrieländer, die im Allgemeinen aus unseren Rohstoffen hergestellt werden, einseitig stiegen, während die unserer Grundexportartikel gleich blieben. Der Kaffee und der Kakao – um zwei Beispiele zu nennen – erreichten ungefähr 2 000 Dollar pro Tonne. Man konnte in Städten wie New York eine Tasse Kaffee, ein Schoko-Mixgetränk für wenige Cent trinken; heutzutage verlangt man hierfür mehrere Dollar, vielleicht 30 bzw. 40 Mal den Preis von damals. Um einen Traktor, einen LKW, ein medizinisches Gerät zu erwerben, benötigt man heute für den Import als Äquivalenz das mehrfache Volumen an Erzeugnissen wie damals; ein ähnliches Schicksal erlitten die Jute und Agavefasern und andere in der Dritten Welt erzeugte Fasern, die durch synthetische ersetzt wurden. Während das gegerbte Leder, der Kautschuk und die für viele Stoffe verwendeten Naturfasern durch synthetisches Material der hoch entwickelten petrochemischen Industriezweige ersetzt wurden. Durch die hohen Subventionen der Industrieländer für ihre Landwirtschaft befanden sich die Zuckerpreise auf einem Tiefstand.

Die ehemaligen Kolonien bzw. Neokolonien, denen man nach dem Zweiten Weltkrieg eine wunderbare Zukunft versprochen hatte, waren noch nicht von den Illusionen von Bretton Woods erwacht. Das System war von Kopf bis Fuß für die Ausbeutung und Ausplünderung entworfen worden.

Zu Beginn dieser Bewusstwerdung waren solche weiteren, äußerst widrigen Faktoren noch nicht aufgetaucht, wie z. B. die, dass die Industrieländer so einer unerwarteten Energievergeudung erliegen würden. Jene zahlten weniger als zwei Dollar pro Barrel. Die Quelle des Kraftstoffs lag - mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, wo er sehr reichlich vorhanden war – hauptsächlich in Ländern der Dritten Welt, vor allem im Mittleren Osten, außerdem in Mexiko, Venezuela und später in Afrika. Aber nicht alle Länder, die kraft einer weiteren frommen Lüge als „Entwicklungsländer“ bezeichnet wurden, waren Erdöl-Länder, 82 von ihnen sind die ärmsten und sind in der Regel gezwungen, Erdöl zu importieren. Sodass eine schreckliche Situation auf sie zukommt, wenn die Nahrungsmittel in Biokraftstoffe verwandelt werden, bzw. in Agro-Kraftstoffe, wie die Bewegungen der Bauern und indigenen Bevölkerung unserer Region sie zu bezeichnen vorziehen.

Die Idee der Erderwärmung als Damoklesschwert, das über dem Weiterbestehen unserer Gattung hängt, war vor kaum 30 Jahren für die riesige Mehrheit der Erdbevölkerung nicht einmal bekannt; selbst heute ist noch sehr große Ignoranz und Verwirrung über diese Themen vorhanden. Wenn man die Sprecher der Transnationalen und ihren Medien hört, dann leben wir in der besten der Welten: eine vom Markt beherrschte Wirtschaft, mehr transnationales Kapital, mehr hoch entwickelte Technologie bedeuten ein stetiges Wachstum der Produktivität, des BIP, des Lebensniveaus und aller Träume der Welt für die menschliche Gattung. Der Staat soll bei nichts eingreifen, er sollte sogar besser nicht vorhanden sein, ausgenommen als Instrument des großen Finanzkapitals.

Aber die Realitäten sind hartnäckig. Deutschland, eines der höchst entwickelten Industrieländer der Welt, wird durch die Tatsache um den Schlaf gebracht, dass 10 Prozent seiner Bevölkerung arbeitslos ist. Die härtesten und am wenigsten verlockenden Arbeiten werden von den Immigranten ausgeführt, die aus Verzweiflung in ihrer wachsenden Armut durch jedes mögliche Schlupfloch in das industrialisierte Europa eindringen. Scheinbar berechnet niemand die Zahl der Erdeinwohner, die eben genau in den nicht entwickelten Ländern zunimmt.

Mehr als 700 Vertreter von sozialen Organisationen waren gerade zu einem Treffen in Havanna zusammengekommen, um mehrere der Themen zu diskutieren, die bei diesen Überlegungen angesprochen werden. Viele von ihnen haben ihre Standpunkte dargelegt und uns unlöschbare Eindrücke hinterlassen. Es ist ein reichhaltiges Material zum Nachdenken vorhanden, und zwar außer den jeden Tag sich ereignenden neuen Geschehnissen.

Gerade jetzt wollten, als Folge der Freilassung eines Terror-Monsters, zwei junge Menschen, die eine Rechtspflicht beim aktiven Wehrdienst erfüllten, das Konsumverhalten in den Vereinigten Staaten genießen. Sie haben einen Omnibus angegriffen, schlugen mit Gewalt eine der Eingangstüren zum Terminal für Inlandsflüge des Flughafens ein, gelangten bis zu einem Zivilflugzeug, drangen mit den Geiseln dort ein und forderten die Beförderung in US-amerikanisches Gebiet. Einige Tage vorher hatten sie einen auf Posten stehenden Soldaten ermordet, um zwei Selbstladegewehre zu rauben, und im Flugzeug selbst nahmen sie mit vier Schüssen einem mutigen Offizier das Leben, der unbewaffnet war und den sie im Omnibus als Geisel gefangen genommen hatten und der die Flugzeugentführung zu verhindern suchte. Die Straflosigkeit und die materiellen Vorteile, mit denen seit fast einem halben Jahrhundert jede gewalttätige Aktion gegen Kuba belohnt werden, stimuliert solche Taten. Seit vielen Monaten geschah nichts dergleichen. Die außergewöhnliche Freilassung des bekannten Terroristen war ausreichend, dass der Tod erneut unsere Familien aufsucht. Die Täter wurden noch nicht vor Gericht gestellt, weil sie bei den Ereignissen beide verletzt wurden, und zwar einer von ihnen durch Schüsse, die beim Kampf gegen den heldenhaften Offizier der Streitkräfte von dem anderen im Flugzeug abgegebenen wurden. Viele Menschen im Ausland warten auf die Reaktion der Gerichte und des Staatsrats angesichts eines über die Ereignisse tief entrüsteten Volkes. Es ist eine ganze Menge Gelassenheit und Kaltblütigkeit notwendig, um solchen Problemen zu begegnen.

Der apokalyptische Chef des Imperiums erklärte vor mehr als fünf Jahren, dass die Streitkräfte der Vereinigten Staaten bereit sein sollten, um vorbeugend und überraschend 60 oder mehr Länder der Welt anzugreifen. Es handelt sich hierbei um nicht weniger als ein Drittel der internationalen Gemeinschaft. Scheinbar reichen ihm der Tod, das Foltern und das Exil von Millionen Menschen nicht aus, um sich der Naturreichtümer und der Früchte der Arbeit anderer Völker zu bemächtigen.

Während dessen hat das beeindruckende internationale Treffen, das gerade in Havanna stattfand, in mir eine persönliche Überzeugung bestätigt: jede unheilvolle Idee muss vernichtenden Kritiken unterworfen werden, und zwar ohne jegliche Konzession.

Fidel Castro Ruz
7. Mai 2007



DIE DEBATTE WEITET SICH AUS

BETRACHTUNGEN DES COMANDANTE EN JEFE

Der namhafte Denker der Linken Atilio Borón, der bis vor Kurzem den Lateinamerikanischen Rat der Sozialwissenschaften (CLACSO) führte, schrieb für das kürzlich in Havanna beendete VI. Hemisphäre-Treffen zum Kampf gegen die TLC und für die Integration der Völker einen Artikel, den er mir freundlicherweise mit einem Begleitschreiben zusandte.

Ausgehend von wortgetreu übernommenen Sätzen und Abschnitten seines Artikels habe ich den Kern seiner Ausführungen folgendermaßen zusammengefasst:

Bereits die vorkapitalistischen Gesellschaften kannten das Erdöl, das in Oberflächendepots lagerte und das sie zu nicht kommerziellen Zwecken wie zum Imprägnieren des Holzes für Schiffsrümpfe oder von Textilien oder für die Beleuchtung durch Fackeln. Daher auch seine ursprüngliche Bezeichnung „Erdöl“.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts – die großen Vorkommen in Pennsylvanien waren entdeckt und die technischen Entwicklungen realisiert, angekurbelt durch die allgemeine Einführung des Verbrennungsmotors – mutierte das Petroleum zum Energiewunder des 20. Jahrhunderts.

Die Energie gilt als eine Ware. Und das, auch Marx wie darauf hin, geschieht nicht infolge der Verderbtheit oder Herzlosigkeit dieses oder jenes einzelnen Kapitalisten, sondern es ist die Folge der Logik des Akkumulationsprozesses, der zum unaufhörlichen „Merkantilismus“ sämtlicher Bestandteile, materiellen Güter und Symbole des gesellschaftlichen Lebens neigt. Dieser Merkantilsystemprozess hat auch bei den Menschen nicht Halt gemacht und simultan auch die Natur mit einbezogen. Der Boden und seine Produkte, die Flüsse, Berge und Wälder waren Gegenstand seines unaufhaltsamen Raubzuges. Natürlich entgingen auch die Nahrungsmittel dieser höllischen Dynamik nicht. Der Kapitalismus macht alles zur Ware, was in seine Reichweite kommt.

Nahrungsmittel werden zu Energieträgern, um Vernunftwidriges einer Zivilisation zu ermöglichen, die zur Wahrung von Vermögen und Vorrechten einiger Weniger die Umwelt und den ökologischen Zustand, denen das Entstehen von Leben auf der Erde zu verdanken ist, brutal attackiert.

Das Verwandeln von Nahrungsmitteln in energetisches Material ist monströs.

Der Kapitalismus schickt sich an, eine massive Euthanasie der Armen zu praktizieren; speziell der Armen des Südens, denn gerade hier befinden sich die größten Bestände der Erde an der zur Herstellung von Biobrennstoff erforderlichen Biomasse. Mögen auch die offiziellen Diskurse noch so stark versichern, es handle sich nicht um eine Wahl zwischen Nahrungsmitteln und Brennstoffen, so beweist doch die Realität, dass eben diese und keine andere die Alternative ist: der Boden wird entweder zur Nahrungsmittelproduktion oder zur Herstellung von Biobrennstoff benutzt.

Zum Thema der landwirtschaftlichen Nutzfläche und dem Verbrauch an Düngemitteln sind den Veröffentlichungen der FAO folgende Lehren zu entnehmen:
  • In den kapitalistischen Industrieländern beträgt die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Kopf der Bevölkerung das Doppelte der Fläche in der unterentwickelten Welt: 1,36 Hektar pro Person im industrialisierten Norden gegen 0,67 Hektar im Süden. Das erklärt sich aus der einfachen Tatsache, dass in der unterentwickelten Peripherie etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung leben.
  • Brasilien übersteigt leicht die Angaben der entwickelten Welt zur landwirtschaftlichen Nutzfläche pro Kopf der Bevölkerung. Es liegt auf der Hand, dass dieses Land riesige Stücke seiner riesigen Fläche darauf verwenden soll, um den Anforderungen des neuen energetischen Paradigma zu entsprechen.
  • China und Indien verfügen über jeweils 0,44 und 0,18 Hektar pro Kopf.
  • Die kleinen Antillenstaaten, die seit jeher die Monokultur des Zuckerrohrs betreiben, präsentieren beredt dessen Erosionswirkung, verdeutlicht an dem zur Aufrechterhaltung der Produktion erforderlichen extremen Düngemittelverbrauch pro Hektar. In den Ländern der Peripherie liegt der durchschnittliche Verbrauch bei 109 kg/ha (in den Industrieländern sind es 84 kg/ha), in Barbados sind es 187,5 kg, in Dominica 600 kg, in Guadalupe 1016 kg, in St. Lucía 1325 und in Martinique 1609 kg. Erwähnt man Düngemittel, so nimmt man damit auch Bezug auf verstärkten Erdölverbrauch. So scheint also der viel gepriesene Vorteil der Agroenergiestoffe zur Verminderung des Verbrauchs von Kohlenwasserstoffen mehr illusorisch als real.
Die landwirtschaftliche Nutzfläche der Europäischen Union insgesamt würde kaum für die Deckung von 30 Prozent des heutigen, nicht des künftigen Bedarfs -der voraussichtlich noch höher liegen wird-, vorausausreichend sein. In den Vereinigten Staaten müssten zur Deckung des heutigen Bedarfs an fossilen Brennstoffen für die Produktion von Agro-Energieressourcen 121 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche des Landes zur Verfügung gestellt werden.

Demzufolge wird das Angebot von Agrobrennstoff aus dem Süden kommen müssen, aus der armen und neokolonialen Peripherie des Kapitalismus. Die Berechnungen lügen nicht. Weder die Vereinigten Staaten noch die Europäische Union verfügen über entsprechenden Boden, um eine Erhöhung der Produktion von Nahrungsmitteln und Agrobrennstoffen gleichzeitig zu erzielen.

Die Entwaldung unserer Erde könnte – wenn auch nur zeitweilig – eine Vergrößerung der Anbaufläche bedeuten, doch im Höchstfalle nur für einige wenige Jahrzehnte. Dieses Land würde dann verwüsten, und die Situation wäre schlimmer als zuvor und würde das Dilemma zwischen der Produktion von Nahrungsmitteln und der von Äthanol oder Biodiesel nur noch verschärfen.

Der Kampf gegen den Hunger – etwa zwei Milliarden Menschen der Welt leiden Hunger – wird starke Auswirkungen der Erweiterung der Anbaufläche für Biobrennstoffe zu spüren bekommen. Die Länder, in denen diese Geisel ein allgemeines Phänomen ist, werden die schnelle Umwandlung der Landwirtschaft bezeugen, die die unersättliche Nachfrage nach Brennstoffen stillen will, wie sie von einer Zivilisation gefordert wird, die diese Brennstoffe vernunftlos einsetzt. Das Ergebnis kann kein anderes sein als die Verteuerung der Nahrungsmittel und demzufolge die Verschlechterung der sozialen Lage in den Ländern des Südens.

Außerdem nimmt die Weltbevölkerung jedes Jahr um 76 Millionen zu, die verständlicherweise Nahrungsmittel fordern werden, die von Mal zu Mal teurer und für sie nicht erreichbar sein werden.

In The Globalist Perspective prognostizierte Lester Brown vor weniger als einem Jahr, dass im Jahr 2006 der größte Teil der Steigerung der Weltgetreideproduktion von den Autos absorbiert werde. Von den 20 Millionen Tonnen Zuwachs, die zu den im Jahr 2005 vorhandenen kamen, wurden 14 Millionen für die Produktion von Brennstoff verwandt und nur sechs Millionen Tonnen für die Deckung der Bedürfnisse der Hungernden bestimmt. Der Autor versichert, der Appetit der Welt nach Treibstoff für die Autos sei unersättlich. Abschließend sagt Brown, es sei ein Szenarium in Vorbereitung, auf dem es unweigerlich zu einem Frontalangriff zwischen 800 Millionen glücklichen Autobesitzern und den Konsumenten der Nahrungsmittel kommen werde.

Der vernichtende Schlag der Verteuerung der Nahrungsmittel, die auf jeden Fall eintreten wird und zwar in dem Maße wie die Benutzung des Bodens erfolgt, für den Anbau von Nahrungsmitteln oder für die Produktion von Brennstoff. Das Thema behandelten C. Ford Runge und Benjamin Senauer, zwei angesehene Akademiker der Universität Minnesota in einem Artikel, veröffentlicht in der englischsprachigen Ausgabe der Zeitschrift Foreign Affairs. Die Überschrift des Artikels spricht für sich: „Die Art, wie die Biobrennstoffe die Armen aushungern“. Die Autoren führen aus, dass in den Vereinigten Staaten das Wachstum der Agrobrennstoff Industrie zu Preissteigerungen bei Mais, Ölsamen und anderen Getreidearten, sondern auch bei Anbau und Produkten, die offenbar nichts damit zu tun haben. Die Benutzung des Landes für den Anbau von Mais, der den Äthanolschlund nährt, beschneidet die Fläche anderer Pflanzungen. Die Verarbeiter von Nahrungsmitteln, die Erbsen und zarten Mais benutzen, mussten, um die Lieferungen zu sichern, höhere Preise zahlen. Langfristig werden diese Kosten den Verbrauchern zufallen. Von den höheren Nahrungsmittelpreise werden auch die Industrien der Vieh- und Geflügelzucht betroffen. Die höheren Kosten hatten einen steilen Fall der Einnahmen zur Folge, speziell in den Bereichen Geflügel- und Schweinezucht. Sinken die Einnahmen weiter, wird selbiges auch in der Produktion zu verzeichnen sein, und die Preise für Hühnchen, Pute, Schweinefleisch, Milch und Eier werden steigen. Es wird vorausgesagt, dass die verheerendsten Auswirkungen der Preiserhöhung bei Nahrungsmitteln speziell in den Ländern der Dritten Welt zu spüren sein werden.

Laut einer Studie des Belgischen Amtes für Wissenschaftliche Angelegenheiten bewirkt Biodiesel mehr Schaden auf Gesundheit und Umwelt, denn er schafft eine noch stärker pulverisierte Verschmutzung und setzt mehr die Ozonschicht zerstörende Schadstoffe frei.

Zum Argument der vermeintliche Gutartigkeit der Agrobrennstoffe, bewies Victor Bronstein, Dozent der Universität Buenos Aires:
  • Es stimmt nicht, dass Biobrennstoffe eine erneuerbare und ewige Energiequelle sind, denn der wesentliche Faktor für das Wachstum der Pflanzen ist nicht das Sonnenlicht, sondern die Verfügbarkeit von Wasser und die geeignete Bodenbeschaffenheit. Wäre dem nicht so, dann könnte Mais und Zuckerrohr in der Sahara angebaut werden. Die Auswirkungen einer Großproduktion von Biobrennstoffen werden verheerend sein.
  • Es stimmt nicht, dass sie nicht verschmutzen. Wenn auch Äthanol weniger Kohlenstoffemissionbewirkt, so verschmutzt andererseits sein Herstellungsprozess die Oberfläche und das Wasser mit Nitraten, Herbiziden, Pestiziden und Abfall, und die Luft wird verschmutzt mit krebserregenden Aldehyden und Alkoholen. Die Annahme von einem „grünen und sauberen“ Brennstoff ist Betrug.
Der Vorschlag der Agrobrennstoffe ist nicht gangbar und außerdem ist er ethisch und politisch gesehen nicht akzeptierbar. Doch ihn zurückweisen, reicht nicht aus. Wir sind zur Umsetzung einer neuen Energierevolution berufen, die jedoch im Dienste der Völker und nicht im Dienst der Monopole und des Imperialismus stehen muss. Diese ist wahrscheinlich die bedeutendste Herausforderung der Stunde, schließt Atilio Borón.

Wie man sieht, hat die Zusammenfassung doch Raum in Anspruch genommen. Vonnöten ist Raum und Zeit. Faktisch ein Buch. Es heißt, das Meisterwerk des Schriftstellers Gabriel García Márquez, Cien Años de Soledad (Hundert Jahre Einsamkeit), das ihn berühmt machte, erforderte von ihm fünfzig Seiten für jede einzelne an den Verleger gesandte Seite. Wieviel Zeit brauchte also meine arme Feder, um die aus materiellem Interesse, aus Unwissen, aus Indifferenz oder mitunter aus diesen drei Gründen agierenden Verfechter dieser verhängnisvollen Idee zu widerlegen und die stichhaltigen und ehrenhaften Argumente derer zu verbreiten, die für das Leben der Gattung Mensch kämpfen?

Es gibt sehr bedeutende Meinungen und Standpunkte, die auf dem Treffen in Havanna dargelegt wurden. Man wird über jene sprechen müssen, die in einem Dokumentarfilm ein reales Bild vom Handschneiden des Zuckerrohrs mitbrachten. Der Film scheint ein Abbild von Dantes „Hölle“. Täglich wächst die Anzahl von Meinungen, die in die Medien überall auf der Welt einfließen, von Institutionen wie den Vereinten Nationen bis hin zu nationalen Gesellschaften von Wissenschaftlern. Ich sehe schlicht und einfach, dass die Debatte um sich greift. Die Tatsache, dass über das Thema diskutiert wird, ist an sich bereits ein bedeutsamer Fortschritt.

Fidel Castro Ruz
9. Mai 2007


Quelle: Website des kubanischen Außenministeriums;
http://europa.cubaminrex.cu/index.htm



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