Das Land zerfällt, die Bevölkerung verarmt

Ein Hintergrundbericht zur Lage im Kongo im Herbst 2000

Die Frankfurter Rundschau veröffentlichte am 28.10.2000 einen interesssanten Hintergrundbericht über die aktuelle Lage im Kongo, einem der am meisten vom Krieg heimgesuchten Länder des afrikanischen Kontinents. Wir dokumentieren den Beitrag im Folgenden mit geringfügigen Kürzungen.

Der Lingala tröstet nicht mehr

Nach zwei Jahren Krieg ist die Demokratische Republik Kongo zersplittert und die Bevölkerung verarmt
Von Christoph Link (Kinshasa)

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Vor drei Jahren hatte der ehemalige Philosophiestudent und Berufsrebell Laurent-Desiré Kabila den korrupten Herrscher Mobutu aus dem Land gejagt, doch wenig später wandten sich einige seiner ehemaligen Kampfgenossen gegen ihn. Der zweitgrößte Staat Schwarzafrikas ist durch einen Krieg zerrissen, der mehr ist als ein Bürgerkrieg: Fünf Nachbarländer mischen mit, sie unterstützen die Rebellen beziehungsweise die Kabila-Truppen mit eigenen Soldaten.

Doch von der Hauptstadt Kinshasa ist die Front einige hundert Kilometer entfernt, und der Stolz auf eine bessere Vergangenheit ist hier spürbar. Kinshasa hat mehr Straßenkinder als früher, aber es ist noch keine verelendete Stadt, in den meisten Vierteln funktioniert die Strom- und Wasserversorgung - noch, denn die nationale Elektrizitätsgesellschaft Snel, die sogar Strom exportiert, hat bereits angekündigt, dass sie dringend 500 Millionen US-Dollar zum Unterhalt der Hochspannungsleitungen und Staudämme brauche.

Noch legen die Frauen von Kinshasa Wert auf schicke afrikanische Kleidung, zum Teil mit Goldschmuck behängt gehen sie ins Büro. Gut betuchte Männer tragen ihre Handys zur Schau, und die zahlreichen gut gepflegen Luxus- und Mittelklassewagen in der Stadt zeigen: Dieser Staat, einer der größten Kobalt-, Kupfer- und Diamantenförderer der Welt, war einmal reich. ...

Die Stadt zerfällt. Kein einziger Baukran ist zu sehen. Auf altehrwürdigen Kolonialgebäuden - wie dem Ferescom-Haus - wachsen in den oberen Etagen Laubbäume in den Himmel, der Putz bröckelt, man denkt an eine Ruine, doch das Haus ist gut vermietet. Auf dem Weg vom Flughafen in die City fällt einem linker Hand ein riesiger Busfriedhof auf, hunderte alter Linienbusse rosten vor sich hin. Der Mangel eines öffentlichen Transportswesens empört die Hauptstädter am meisten: Jeden Morgen und jeden Abend stehen tausende am Straßenrand und machen Autostopp. Oft warten sie stundenlang, oder sie nehmen zig Kilometer Fußmarsch in Kauf. Die wenigen VW-Kleinbusse, die Händler, Bauern und Soldaten für zehn kongolesische Francs befördern, sind hoffnungslos überfüllt, auch auf der hinteren Stoßstange fahren vier bis fünf Fahrgäste mit.

... In manchen Provinzen der Demokratischen Republik Kongo warten Staatsbeamte seit 14 Monaten auf ihr Geld. Spricht man mit Leuten wie Cathérine (einer Beamtin in einem Ministerium), hört man zwei widersprüchliche Meinungen heraus: Die einen sagen, die aktuelle Misere sei ein Erbe Mobutus, der sein Land ausgeplündert habe. Die anderen sagen, der neue Präsident Kabila sei schuld. Unter Mobutu habe es wenigstens keine Benzinknappheit gegeben, und die Korruption unter Kabila gedeihe auch schon: Nur wer jemand beim Militär kenne, der bekomme nach langem Warten an der Tankstelle einen vollen Tank.

"Die Wirtschaft in Kongo ist eigentlich nicht mehr existent. Die Kaufkraft geht gegen Null", sagt Olivier M., Sprecher einer der rund 50 Menschenrechtsgruppen, die in Kinshasa zu Hause sind und von US-amerikanischen oder europäischen Geldgebern leben. Durch den Frontverlauf sind die wichtigen Landwirtschaftsgebiete Kongos von der Fünf-Millionen-Stadt Kinshasa abgeschnitten. Früher kamen Maniok und Mais aus dem Bas-Congo, die Fische aus der Provinz Equateur und frische Bohnen wurden sogar aus dem 1600 entfernten Goma in Ostkongo eingeflogen. In diesen Gebieten sind die Straßen zerstört oder dort sitzen jetzt die Rebellen: Jean-Pierre Bemba und sein kampfstarkes "Mouvement de Libération du Congo" (MLC) im Norden, im Osten Emile Ilunga und sein "Rassemblement Congolais pour la démocratie" (RCD), eine RCD-Splittergruppe sowie deren verbündete Armeen aus Uganda und Ruanda. Fast zwei Drittel des Landes ist dem Einfluss der Regierung Kabilas entzogen.

Jeder Kriegstag zehrt die kongolesische Währung aus. Vor zwei Jahren erhielt man für den Dollar nur drei kongolesische Francs, heute werden für den Dollar auf dem Schwarzmarkt 90 Francs bezahlt. Offiziell gilt ein Kurs von eins zu 24, doch bis auf die zur Legalität verpflichtete UN-Truppe Monuc, die 260 Beobachter und Soldaten als Vorhut nach Kinshasa geschickt hat, scheint kaum jemand offiziell zu tauschen. In einem Zeitungsbericht hat der Kommandant der Monus-Truppe denn auch beklagt, dass die UN viel Geld verlieren, weil sie den Zwangskurs einhalten.

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Eine scheinbar heile Welt herrscht am Sonntagnachmittag im Primus-Bistro, einer der zahlreichen Kneipen im Stadtteil Lingwala, einem Viertel der einfachen Leute. Pausenlos tönt Lingala-Musik aus den Lautsprechern, die Gäste blicken wie in Trance auf die Lehmstraße, ein Huhn stolziert im Lingala-Takt vorbei, Frauen im Sonntagsstaat flanieren, Kirchgänger mit Gesangbüchern, ein Mädchen trägt eine leere Bierkiste auf dem Kopf. Ein Betrunkener stellt sich dem Ausländer vor: "Wir sind Kongolesen. Wir sind stolz auf unsere Nation." Dann verjagt er einen zerlumpten Jungen, der mit einer Marionette Lingalatänze vorführt. "Den Leuten geht's schlecht unter Kabila", sagt Babu, der Wirt. Manche in Lingwala lebten von 400 Francs im Monat, umgerechnet 4,40 Dollar, das reiche kaum für Essen und Miete.

Die Politik des 61-jährigen Kabila, der mittlerweile als unnahbar gilt, wird von vielen nicht verstanden. So hatte der Präsident die Konzession für die Ausfuhr von Diamanten an einen einzigen israelischen Händler, die Firma IDI, verkauft. Für die 18-monatige Lizenz nahm er 20 Millionen Dollar ein, doch der Zorn der kongolesischen Händler ist gewaltig. 15 Diamantenagenturen mussten schließen. Vor dem IDI-Büro in der Avenue de la Paix herrscht miese Stimmung. Bei den Preisen von IDI verliere er bis zu 30 Prozent, klagt ein enttäuschter Händler, der das Gebäude verlässt. Im Kontor gibt es einen Tumult, die Warteschlangen sind zu lang. Dieser Diamantendeal sei eine "Totgeburt", höhnte die Zeitung The Post. Dem Vernehmen nach werden Diamanten jetzt illegal über Angola ausgeführt, oder die Händler warten ab, bis der Kontrakt mit dem Monopolisten beendet ist.

Dass Kabila unter Druck steht, beweisen die willkürlichen Verhaftungen von Oppositionellen, Journalisten oder ehemaligen Mobutu-Ministern wie der 50-jährigen Cathérine Nzuzi Wa Mbombo oder des 70-jährigen Kamitatu Masamba. Beide hatten den Fehler begangen, sich im Radio über Politik zu äußern. Am Flughafen Ndjili wird Ausländern nicht nur Schmiergeld abgepresst, auch kongolesische Zeitungen und Landkarten werden beschlagnahmt. Seit seinem Amtsantritt hat Kabila 132 Journalisten vorübergehend verhaften lassen, dennoch pflegt die Presse Kinshasas eine mutige Berichterstattung. Von den zwölf wichtigsten Zeitungen der Hauptsstadt - sie tragen so schöne Namen wie Leuchtturm, Die Palmen oder Sturm der Tropen, gelten vier als oppositionell, fünf als loyal und drei als unabhängig-neutral. Doch ein wahres Bild des Kriegsverlaufs kann die Presse nicht zeichnen, Reisen in die Frontgebiete werden nicht genehmigt.
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Aus: Frankfurter Rundschau, 28. Oktober 2000 (gekürzt)

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