Rückendeckung für Nkunda

Ostkongo: Rebellenführer fühlt sich stark und droht mit "Marsch auf Kinshasa"

Von Raoul Wilsterer *

Der Feldherr lud in sein Hauptquartier igrendwo in den Bergen Nord-Kivus. Ein Reporter der Nachrichtenagentur Reuters brachte seine Nachricht am Mittwoch in die Weltöffentlichkeit. Sie lautete: Laurent Nkunda droht weiter mit Krieg. Er fühle sich an den erst vor einer Woche verkündeten Waffenstillstand nicht gebunden, solange die kongolesische Regierung nicht mit ihm verhandle.

Der Tutsi-Rebellengeneral fühlt sich stark. Als Statthalter von Ruandas Präsidenten Paul Kagame in den kongolesischen Teilen der rohstoffreichen Großen-Seen-Region besteht ­Nkundas Aufgabe darin, seinen Einfluß zu halten und möglichst auszubauen. Bisher gelang das. Die Bodenschätze wurden durch Nkundas Leute kontrolliert und unter Nutzung von Ruanda als Drehscheibe an interessierte Kreise der kapitalistischen Industrieländer verteilt. Dabei hielten sich die bewaffneten Ausbeuter und – in deren Gefolge – die Händler ebenso schadlos, wie die politischen Drahtzieher. Diese wiederum können sich auf den Rückhalt im Rahmen der bilateralen Beziehungen zu den Regierungen in Berlin und Washington stützen.

Nun will Nkunda nach Kinshasa marschieren, die 1500 Kilometer entfernte Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. »Wir haben das Recht, für unsere Freiheit zu kämpfen«, erklärt der derzeit mächtigste Mann des Ostkongo. Die Besetzung der Provinzhauptstadt Goma sei nur ein Zwischenziel. Sagt der General. Er trägt einen »Kampfanzug, die Sonnenbrille über das grüne Barett auf seinem Kopf gestreift« -– so zumindest beschreibt ihn AFP-Reporter Albert Kambale, der Nkunda jüngst im 80 Kilometer von Goma entfernten Ort Kichanga beobachtete. Damals tanzte er inmitten einer Gruppe Söldner »zu den rhythmischen Klängen einer traditionellen Schlagzeug-Kombo«.

Inzwischen haben die Unwetter der vergangenen Tage die Straßen des Ostkongo in ein Feld aus Matsch und Schlamm verwandelt. Und etwa 250000 Flüchtlinge versuchen, irgendwie zu überleben. In Lagern, die nicht sicher sind, unter Regenschauern in Pfützen stehend, Zeltplanen über sich gespannt. Die Hilfstransporte der Vereinten Nationen reichen nicht aus, die Lage nennenswert zu verbessern, und die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor dem Ausbruch von Cholera, während das Internationale Rote Kreuz von zahlreichen Vergewaltigungen berichtet – Gewalt, die wiederum Massenfluchten auslöst: Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk, hätten 50000 Menschen drei Lager komplett verlassen. UNHCR-Sprecher Ron Redmond: »Die Menschen sind einfach verschwunden, wir wissen nicht, wo sie hin sind. Sie könnten bei Freunden oder Verwandten leben oder bis nach Uganda gegangen sein.«

Und Nkunda macht weiter mobil. Seine Milizen müßten die Tutsi-Minderheit im Ostkongo gegen »Hutu-Extremisten der Gruppe Demokratischen Kräfte zur Befreiung Ruandas (FDLR)« schützen, behauptet er – wie bereits früher, in den beiden ersten Kongo-Kriegen 1996 und 1998. Damals kämpfte Nkunda noch auf Seiten der Armee Kingalis, deren Chef Paul Kagame als Ziel des ruandischen Vordringens auf fremdes Territorium vorgab, die Hutu-Milizen besiegen zu wollen. Die würden Tutsi-Gruppen drangsalieren, so jeweils die mehrfach angewandte Rechtfertigung von völkerrechtswidrigen Angriffskriegen, denn um solche handelte es sich in der Vergangenheit. Und heute? Ruanda rüstet Nkundas Nationalkongreß zur Volksverteidigung (CNDP) nicht nur aus, der kleine Nachbar des großen Kongo unterstützte UN-Sprecherin Sylvie van den Wildenberg zufolge den Rebellengeneral bei dessen Vormarsch auf die Stadt Goma mit Panzern und Artilleriegeschützen. Und demnächst beim Marsch auf die Hauptstadt?

»Wir werden wieder kämpfen, und wir werden weitermachen, bis wir Kinshasa einnehmen«, sagte CNDP-Sprecher Bertrand Bisimwaam Mittwoch. Er erhält Rückendeckung aus Kingali. Die ruandische Regierung erklärte zeitgleich, sie sei »nicht in den Konflikt verwickelt«. Ein Treffen von Vertretern Kongos und Ruandas sei keine Lösung für den »rein internen Konflikt«, hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten Erklärung. Gespräche sind derzeit nicht opportun in Kingali: Sie müßten Kagames Rolle in dem euphemistisch »Konflikt« genannten Krieg zwischen zwei Ländern gründlich hinterfragen, wenn sie tatsächlich dazu beitragen sollen, einen Schritt in Richtung Frieden für die Region zu gehen.

* Aus: junge Welt, 6. November 2008


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