Rückkehr der alten Krieger

Militäreinsatz im Kongo: "Frankreich auf dem Markt der unbegrenzten Tätlichkeiten"

Den folgenden Artikel zur Situation im Kongo und über die Brisanz eines französisch-europäischen Militäreinsatzes haben wir der Wochenzeitung "Freitag" entnommen.


Von Lutz Herden

Offenbar kann im Herzen Afrikas der Teufel nur mit dem Beelzebub ausgetrieben werden. Ausgerechnet die Franzosen übernehmen das Kommando für eine UN-Intervention in der kongolesischen Krisenprovinz Ituri. Man erinnert sich noch gut des Genozids in Ruanda zwischen April und Juni 1994, dem die Vereinten Nationen wochenlang so fasziniert wie tatenlos zusahen. Es starben damals vermutlich eine Million Menschen. Sie starben allerdings im Herzen Afrikas, nicht im Kosovo, so dass die zivilisatorischen Standards und humanitären Pflichten der Weltgemeinschaft, vor allem des Westens, nicht über Gebühr gefordert waren.

Erst als seinerzeit in Ruanda die Würfel zugunsten der Patriotischen Front (RPF) - einer von der Ethnie der Tutsi dominierten Befreiungsfront - zu fallen schienen, konnte sich Paris im New Yorker UN-Hauptquartier ein Mandat zum Eingreifen abholen. Die anlaufende "Operation Türkis" kam zehn Wochen zu spät, um Hunderttausenden Ruandern das Leben zu retten, aber gerade noch rechtzeitig, um die von Frankreich und Belgien protegierte Hutu-Elite zu evakuieren, der die Hauptschuld am "Massaker der Macheten" zufiel. Man intervenierte schließlich mit 2.000 Soldaten nicht aus humanitären Gründen, sondern um sich als Ordnungsmacht in Afrika Respekt zu verschaffen.

Neun Jahre später sind für den französischen Part bei einer UN-Mission im Kongo die gleichen Motive ausschlaggebend. Dafür sorgen schon die engen Kontakte zum kongolesischen Staatschef Joseph Kabila. Dieser Präsident gilt nicht nur als Schirmherr der Lendu-Milizen, die sich in Ituri Scharmützel und Schlächtereien mit marodierenden Freischärlern der Hema-Ethnie rings um die Stadt Bunia liefern, er will auch die Kontrolle über eine Region im Nordosten des Kongo zurück gewinnen, in der seit 2002 erfolgreich nach Öl gebohrt wird. Die mit einer Konzession der Kabila-Regierung ausgestattete kanadische Heritage Oil Corporation hat am Lake Albert ein mehr als 31.000 Quadratkilometer großes Terrain sondiert und geht inzwischen von Ölvorkommen aus, die mehrere Milliarden Barrel hergeben könnten. Schon kursieren Vergleiche mit den Ressourcen Angolas, denen sich auch die kongolesischen Nachbarn Uganda und Ruanda nicht entziehen wollen und prompt den Stammeshader schüren, der ihren Einfluss im Kongo seit jeher garantiert. Es mag überzogen sein, die verfeindeten Ethnien der Lendu und Hema vorzugsweise als willfährige Kreaturen fremder Schutzmächte zu beschreiben. Aber während des zurückliegenden Jahrzehnts waren die Konflikte im Osten des Kongo nie so archaisch und nie so zwangsläufig, um als Amokläufe halbwilder Barbaren hinreichend charakterisiert zu sein.

Frankreich und Belgien wussten um das Blutbad an der Tutsi-Ethnie, das sich seit 1993 in Ruanda abzeichnete und taten nichts. Frankreich und Belgien ließen den zügellosen Autokraten Mobutu in Kinshasa solange gewähren, solange er sie im Kongo gewähren ließ. Auch jetzt ist Jacques Chirac auf diesem Markt der unbegrenzten Tätlichkeiten nicht aus Altruismus unterwegs, sondern weil sich die Chance bietet, mitten in Afrika Terrain zurückzuerobern, das seit dem Sturz des kongolesischen Diktators Mobutu im Mai 1997 den USA in den Schoß zu fallen schien.

Präsident Clinton hatte 1998 den Schwarzen Kontinent besucht und mit Jerry Rawlings in Ghana, Yoweri Museveni in Uganda, Paul Kagame in Ruanda und Nelson Mandela in Südafrika die mutmaßlich "neuen Führer Afrikas" getroffen, denen er eine weitreichende Handelsliberalisierung im Tausch gegen Good Governance - Demokratisierung und Marktwirtschaft - anbot. Ein Kontrastprogramm zum ausgelaugten Post-Kolonialismus der "Afrika-Zelle" des Elysée-Palastes mit ihrem System der Protektion und Korruption. Als Clinton im August 2000, kurz vor Ende seiner Amtszeit, noch einmal durch Afrika reiste, musste er allerdings feststellen, dass die vermeintlich "neuen Führer" längst von den alten Lastern befallen waren. Äthiopien und Eritrea mit ihren Leitfiguren Meles Zenawi und Issayas Afeworki lieferten sich gerade einen blutigen Bruderkrieg. Uganda und Ruanda folgten diesem Muster, allerdings nicht auf ihrem Staatsgebiet, sondern dem der Republik Kongo. Die dort köchelnden ethnischen Konflikte boten wie stets die willkommene Vorlage, um den an natürlichen Ressourcen reichen Nord- und Südosten des Landes zu belagern, zu besetzen und in Einflusssphären aufzuteilen. Und der Sieger über Mobutu, der schrille Laurent-Désiré Kabila (der Vater des heutigen kongolesischen Staatschefs) zeigte bald, dass er zwar nicht die Leoparden-Fellmütze, wohl aber die selbstherrlichen Gebaren seines Vorgängers geerbt hatte.

Hinter Clintons Einfall in Frankreichs afrikanische Domäne stand der Wettbewerb zweier westlicher Führungskulturen auf dem Schwarzen Kontinent, der aber - anstatt friedlich ausgetragen zu werden - in afrikanische Stellvertreter-Kriege mündete, deren bevorzugter Schauplatz der Kongo war. 1994 hatte Bill Clinton erklärt: "Als ich Präsident wurde, schien es mir, als hätten wir gar keine Afrika-Politik". Als er sechs Jahre danach abtrat, blieb als Fazit: Es war vielleicht auch besser so. Bush schob Afrika zurück in den toten Winkel der Weltpolitik, nur einige Regionen am Indischen Ozean sind für die sogenannte Anti-Terror-Kampagne von Belang. Frankreich kann also unbehelligt zurückkehren, und sich als Ordnungsmacht in Afrika ein Gefühl von Weltmacht verschaffen.

Aus: Freitag 24, 06. Juni 2003


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