Der Sargmacher von Goma

Ostkongo: In der Bürgerkriegsregion herrscht ein brüchiger Frieden – aber das Sterben geht weiter. Reportage aus dem Herz der Finsternis.

Andrea Jeska *

An dieser Kreuzung, an der Crispain Sibomana seine Särge aufgebaut hat, scheiden sich Gomas Wege. Geradeaus geht es weiter auf einer Piste, die an ihrem Ende auf einen ruandischen Schlagbaum stößt. Dahinter ist man Tourist. Mit einem Balkon in einem der Hotels von Gisenyi, der Grenzstadt zwischen Kongo und Ruanda, mit einem Blick auf das fahlblaue, sich kräuselnde Wasser des Kivu-Sees, vielleicht mit einem Drink in der Hand. Und während leise das Eis im Glas klirrt, kann man ängstlich nach Goma hinüber lauschen, ob nicht doch wieder Gefechtslärm die gelassene Ruhe der Herberge und ihrer Gäste stört, auch wenn der Bürgerkrieg in der Nachbarschaft, in der Kivu-Provinz, derzeit pausiert.

Vielleicht ist man als kongolesischer Tutsi in Gisenyi, besucht Frau und Kinder, die man hierher brachte und vom Ersparten im Hotel einquartierte, solange das Unheil des Krieges auf der anderen Seite wildert. Dann sitzt man mit den Seinen auf dem Balkon und erzählt von „drüben“, von den Rebellen, der Front und dem Tod. Oder auch nur von Gerüchten über Rebellen, über Hunger und Tod. Was wirklich geschieht, weiß nie jemand genau in diesem Idyll am See, wo die Lauffeuer der Nachrichten langsamer sein können als sensationelle Schlagzeilen, die von Angeblichkeiten künden als seien es Tatsachen.

Crispain Sibomana, der Sargmacher von Goma, redet nicht gern. Ein schmaler, schlichter Mann ist das, ein Mann mit fünf Kindern, die er füttern muss. Für zwei Mahlzeiten am Tag reiche es, sagt er. „Gepriesen sei der Herr. Andere Kinder haben nicht einmal eine.“ Sibomana verkauft Särge. Gedanken über den Tod, Trost oder seelischen Beistand für die Hinterbliebenen verkauft er nicht.

Direkt am Kreuzweg zwischen Krieg und Frieden, zwischen Kongo und Ruanda, hat er seine Ware in ein schief gezimmertes Regal geschoben. Autos und Lastwagen schleppen sich vorbei und überziehen die Verkleidung der Särge mit einem schmierigen Film aus Staub und Abgasen. Zwölf Stück hält er auf Vorrat, elf große und einen kleinen. Der Kindersarg ist keinen Meter lang und winzig wie ein Puppenbett. „Den stelle ich lieber ein wenig hinter die anderen. Es schreckt die Leute ab, wenn sie den zuerst sehen. Der Tod von Erwachsenen ist normal, der von Kindern nicht.“

Die anderen, die Vorratssärge, lagern im Schuppen hinter der Tischlerei. Das Depot braucht Sibomana, denn das sind gerade wieder Wochen, in denen die „Menschen wie die Fliegen“ sterben, glaubt er. „Wenn in einer Familie erstmal ein Kind tot ist, leben auch die anderen oft nicht mehr lange. Entweder, weil alle krank sind. Oder weil alle nur wenig essen können. Manche Erwachsene sind vom Hunger so geschrumpft, dass sie fast in einen Kindersarg passen.“

Direkt hinter Crispain Sibomanas Tischlerei zweigt eine unbefestigte Schlamm-piste ab. Tagelanger Regen hat an vielen Stellen den Unrat zusammengespült und für Haufen gesorgt, durch die sich Gomas Straßenkinder wühlen, in der Hoffnung, in der braunen Brühe noch Essbares zu finden. Gerät man nach Einbruch der Dunkelheit auf diesen Weg, besteht die Gefahr, über die Lavasteine zu stolpern, die der Nyiragongo-Vulkan vor Jahren auf die Stadt geschleudert hat. Doch ist dieses Viertel eines der besseren von Goma. Diese Gegend Stadt zu nennen, fällt einem trotzdem schwer, verwahrloste Hütten und zerfallende Häuser, soweit das Auge reicht – zu Hause möchte man hier nicht sein, in das Hospital nicht gebracht werden und in den windschiefen Herbergen, die sich als Pensionen anbieten, nicht logieren.

Goma war zuletzt stets eine Hochburg der Sympathie für Laurent Nkunda, den Kommandeur der Tutsi-Rebellen aus der Dschungelarmee von Kivu. Mitte Januar geriet Nkunda plötzlich zwischen die Fronten, wurde in Ruanda verhaftet und zum Bauernopfer eines fragilen Burgfriedens zwischen Kigali und Kinshasa.

Der kleine Sarg ist winzig wie ein Puppenbett und keinen Meter lang

In Goma leben Tausende von Tutsi-Familien, die 1994 vor dem Völkermord in Ruanda flohen oder schon früher, als Ende der fünfziger Jahre die ersten Pogrome gegen die Tutsi begannen. Kinder und Kindeskinder haben inzwischen die alten Geschichten vom Hass zwischen Hutu und Tutsi von Generation zu Generation getragen. Sie dienen mal der einen, mal der anderen Seite – und beiden als Rechtfertigung von Gewalt. Ein guter Hirte seiner Tutsi-Brüder wollte Laurent Nkunda sein, aber den General als Eroberer und Schirmherrn von Goma, das wollten nicht einmal seine Tutsi-Brüder, die sich fürchteten vor einer marodierenden Guerilla, vor Plünderern, Vergewaltigern und Henkern.

Wo sich Goma scheidet in jene, die nach Gisenyi am Kivu-See fliehen, wenn es ernst wird, und jene, die bleiben müssen, weil sie arm sind, wartet Crispain Sibomana darauf, dass nicht nur gestorben wird, sondern der Tod ihm Geld bringt. Der Krieg war zuletzt kein Verhängnis für Gomas Wirtschaft. Es kamen viele Journalisten, die Hotelzimmer brauchten. Glücklich waren die Taxifahrer, die in ihrem Allradwagen die Presse in die Berge zum Interview mit Nkunda schaukeln konnten oder in ein Flüchtlingscamp, in dem die Menschen so ausgemergelt waren, dass sie für ein Katastrophenfoto besser taugten als die Flüchtlinge rund um Goma, die gewiss dünn waren, aber noch nicht dünn genug.

Nur Sibomanas Geschäfte gingen die ganze Zeit über schlecht, denn der Tod in Nord-Kivu ist eilig und arm. Niemand hat Zeit, niemand hat Geld, ihm Respekt zu zollen. Jene, die ihre Toten unter die Erde bringen müssen, haben selber alles verloren. Fern ihrer Dörfer, ihrer Felder, oft ihrer Familien warten sie auf die Lebensmittel aus den Depots der Hilfsorganisationen. In den Camps vegetieren sie in Unterständen, gebaut aus Bambusstöcken, und Bananenblättern, abgedeckt mit einer Plane der internationalen Mildtätigkeit, die nicht hilft, weder gegen den Regen am Tag noch die Kälte in der Nacht.

Kein Wunder, sagt Sibomana, dass da zuerst die Kinder sterben, dann die Alten, dann die Kranken. „Aber für mich bringt der Tod in den Lagern nichts. Sie legen die Leichen ohne Sarg in die Erde. Sie wickeln sie in Tücher, und das muss reichen.“

Sibomana hat manche Särge mit Imitationen aus Raubtierfellen umkleidet. Ein wenig sieht das aus, als habe jemand Teppiche mit Leopardenstreifen um das Sperrholz gewickelt. Vor dem Krieg, erzählt er, gab es Kunden, die hätten Särge mit dem gefleckten Tarnstoff bestellt, aus dem die Uniformen von Laurent Nkundas Rebellenarmee bestanden. „Das traut sich jetzt niemand mehr. Es gab Männer, die wollten ihre Frauen in Goldlamee zu Grabe tragen, und es gab Frauen, die beerdigten ihre Männer in den Farben der kongolesischen Flagge. Die Moden wechseln schon schnell.“ Die Raubtierimitate sieht Sibomana durchaus symbolisch. Dies seien doch heute Zeiten, in denen ein Mensch dem anderen Menschen ein Raubtier sei.

Die Leoparden-Imitation kostet 100 Dollar. Für 40 bis 60 Dollar ist eine schlichtere zu haben, und 20 Dollar will Sibomana an einem Kindersarg verdienen. „Viele Leute kommen zu mir und weinen. Sie sagen, ich hab nur zehn Dollar, und dann gebe ich ihnen einen Sarg ohne Verzierung und ohne Schmuck. Dem Toten ist es schließlich egal, wie sie unter die Erde kommen. Und die Lebenden haben genug damit zu tun, am Leben zu bleiben.“

Eine Zeit, in der der Mensch dem Menschen ein Raubtier ist

Gibt es Tage, an denen um Goma nicht gekämpft wird und von Gefechtslärm kaum etwas zu hören ist, lädt Sibomana seine Särge auf einen geliehenen Pick-up und fährt damit in die Dörfer der Umgebung. Auch dort ist der Hunger groß, denn die Felder liegen auf den Hügeln, und die Hügel sind Rebellengebiet. Während einer dieser Touren hat ihn ein Mann angehalten und in sein Haus geholt. Dort lagen vier Kinder, über die Sibomana zu hören bekam, die Familie sei vor den Kämpfen in den Urwald geflohen, aber die Kinder wurden schwächer und schwächer. Dann kamen sie in einem Lager unter, auch dort gab es kaum etwas zu essen, so dass die Kinder noch schwächer wurden. Als der Vater eines nach dem anderen wieder nach Hause trug, starben sie in zwei Tagen. An Hunger oder an einer Krankheit, er wusste es nicht. Einen großen Sarg hat der Mann ihm abgekauft, dort hinein passten alle vier.

Nun überlegt Sibomana, ob man das Sarggeschäft anders aufziehen sollte. Vielleicht nur mit halben Särgen ohne Deckel, das wäre eine für die Armen erschwingliche Alternative und ein Anreiz, die Toten nicht weiter nur in Tüchern zu bestatten. Oder sollte er möglicherweise eine andere Umkleidung des Holzes wählen? Schließlich gibt es die gleichen Särge auch bei den anderen vier Sargmachern von Goma. Am liebsten wäre ihm, es käme endlich ein Frieden, auf den man sich verlassen könnte. „Ich glaube, mit dem Tod ist das so wie mit anderen Dingen im Leben. Gibt es zu viel davon, sind sie nichts mehr wert. “

* Aus: Wochenzeitung "Freitag" 06, 5. Februar 2009, S. 8;
Internet: www.freitag.de (pdf-Datei)



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