Der Fluch des Coltans

Die Provinzen im Osten der Demokratischen Republik Kongo kommen nicht zur Ruhe. Eine Erkundung an den Ufern des Kiwu-Sees

Von Paul Lindner *

Noch eine Zeitlang hält Gregor die Maschine im Blick. Eine Cessna. Es könnte eine von denen sein, mit denen sie aus Nachbarstaaten Waffen einschmuggeln. Und wieso eigentlich nicht, spöttelt er sarkastisch. Ja, wer sollte sie schon aufhalten? Nützlich wären hier AWACS-Überwachungsflugzeuge. Die will aber keiner einsetzen. Dabei könnte mit ihrer Hilfe der gesamte Luftraum der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) kontrolliert werden, eines Landes über sechs mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Und es wäre möglich, zumindest einen Teil des illegalen Rüstungsimports zu verhindern.

Also, warum setzt sie der Westen nicht ein? Warum agiert er in dem immer noch umkämpften Gebiet »irgendwie ungeschickt und ungenau«, wie Gregor und Sylvia meinen. Sie vertreten hier die Deutsche Welthungerhilfe (DW) und wissen aus Erfahrung, daß dem Westen mehr an den wertvollen Rohstoffen liegt als an der Stabilität des Landes. So war es immer.

Der Feldweg führt vom Kiwu-See weg mitten durch sattes Grün. Einst wurde der Osten des Kongos und die gesamte Große-Seen-Region von den Europäern als »Schweiz Afrikas« bezeichnet. Mildes Klima, Berge und Hügel, die vielfältige Flora erinnern an eine Alpenlandschaft. Die Schweiz Afrikas also – manches Mal fällt Gregor der zu Kolonialzeiten geprägte Begriff ein, wenn er von einem Projekt zum anderen fährt, und er wird zornig angesichts des Elends und der Armut.

Ständige Unsicherheit

Als Manager der Hilfsorganisation betreut er im östlichen Kongo einige Vorhaben. Er erzählt: »Wir bauen Straßen und Schulen. Wir helfen in der Landwirtschaft, verteilen Saatgut und engagieren uns bei der medizinischen Betreuung.« Aber es sei schwer, etwas zu schaffen und »den Leuten physische und psychische Sicherheit zu geben«, meint er und ergänzt: »...verdammt schwer, wenn all die Bemühungen binnen kurzer Zeit von einer Rakete, Granate oder einer Maschinengewehrsalve zunichte gemacht werden können.«

Im Osten Kongos dauert der bewaffnete Konflikt bis heute an. Er endete nicht mit dem offiziellen Abschluß des »afrikanischen Weltkriegs«, wie das Schlachten im Ostkongo zwischen 1998 und 2003 von der damaligen US-Außenministerin Madeleine Albright genannt wurde. Millionen Menschen starben damals, als verschiedene Rebellengruppen, aber auch reguläre Truppen aus den Nachbarstaaten Ruanda, Burundi und Uganda ihr Unwesen trieben. Es war die Zeit der offenen Verteilungskämpfe um die riesigen, wertvollen Bodenschätze, die in den Ostprovinzen des Kongos lockten. Und weiter locken. Weder mit dem brüchigen Waffenstillstandsabkommen von 2003 noch den ersten mehr oder weniger »demokratischen Wahlen« 2006 nach über 40 Jahren gingen die Kämpfe zu Ende.

»Von den Wahlen, die von bewaffneten EU-Verbänden geschützt wurden, haben sich die Menschen viel versprochen. Doch die Hoffnungen wurden schnell zu einer großen Enttäuschung«, sagt Gregor. Er weiß, wovon er spricht. Er lebt seit über zehn Jahren hier. Wirtschaft und Infrastruktur in der Gegend sind weitgehend zerstört. Das Land liegt am Boden, trotz der Reichtümer, die sich in der Erde befinden. Der Kampf um Macht und Einfluß, um Land, Claims, Minengebiete nahm fürchterliche Ausmaße an. Korruption wurde ebenso zum Alltag wie die Gewalt. Sich bekriegende Fraktionen aus Politik und Wirtschaft und auch verschiedene paramilitärische Gruppen sorgten für einen Zustand permanenter Unsicherheit.

Eine alte Nähmaschine

In einem kleinen, grob verputzten Raum sitzen ein paar Frauen, die sich um einen Holztisch gruppiert haben. Sylvia – eine französische Familienpsychologin, die für die Hungerhilfe tätig ist – tritt ein, grüßt höflich. Die Frauen ähneln sich irgendwie, so der Eindruck, und das nicht so sehr von ihrem Aussehen her. Sie wirken ähnlich still, distanziert, die Gesichter versteinert, aus der kargen Mimik läßt sich nichts ablesen. Ihr Schicksal verbindet sie. Und irgendwie eint sie der Schmerz und das Leid.

Einige zerbeulte Geländewagen kamen ins Dorf, erfahre ich. Bewaffnete junge Leute, Jugendliche oder gar Kinder darunter, sprangen von den Ladeflächen. Mit wildem Geschrei, herumfuchtelnd mit Waffen. Sie beschimpften die Bewohner, beschuldigten sie, sie hätten mit den falschen Leuten sympathisiert und eine gegnerische paramilitärische Gruppe unterstützt. Die nackte Gewalt der Stärkeren, weil mit Waffen ausgerüsteten, übernahm die Kontrolle. Das Ende des Dorflebens, das Ende vieler Leben, der Beginn fürchterlicher Traumata vor allem für die Frauen.

Verbrannte Hütten, zerstörte Häuser, Tote. Und Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Vertreibungen. Viele Kinder wurden zur Zwangsarbeit in die Minen oder zum Training in militärische Camps verschleppt. Dort wurden aus ihnen Killer gemacht, durch Terror und Gehirnwäsche.

Im Jahr 2008, so die UN-Bilanz, wurden innerhalb von zwei Monaten 200000 Menschen zur Flucht gezwungen, auf der Suche nach Schutz, herumirrend zwischen Fronten. Es war die Zeit, als es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der desolaten, aus verschiedenen bewaffneten Gruppierungen zusammengewürfelten kongolesischen Armee und den Truppen des von Ruanda aus gestützten Laurent Nkunda kam. Dieser wurde inzwischen aus dem Verkehr gezogen, was die Lage doch stabilisierte.

Sylvia erzählt nun, daß den oft von ihren Kindern getrennten Frauen als Opfern von Gewalt und ethnischer Diskriminierung vor allem psychische Unterstützung zukommt. Und: »Wir ermöglichen, daß sie lesen und schreiben lernen, daß sie eine Ausbildung erhalten.« Zum Beispiel als Schneiderin: Mitten im Raum auf dem umlagerten Tisch steht eine alte Singer-Nähmaschine. Doch die Gesichter der Frauen bleiben wie sie waren. Undurchdringlich, dunkel wie ein vulkanischer Stein. Ihre Geschichte ist gekoppelt an die des Landes – eine Geschichte von Unterdrückung, Erniedrigung, Leid und Schmerz.

Unter Fremdherrschaft

Seit dem siebzehnten Jahrhundert wurde das Land, in dem vorher eines der größten Königreiche Afrikas existierte, systematisch ausgebeutet; erst kamen die Portugiesen, dann Holländer und Briten. Von der Berliner Konferenz 1884/85 an herrschten die belgischen Monarchisten und deren Regierungen mit Brutalität und offenem Terror. Die Wende kam mit der Unabhängigkeit und den ersten demokratischen Wahlen 1960. Patrice Lumumba, der charismatische Führer des kongolesischen Widerstands gegen die Fremdherrschaft, wurde Ministerpräsident – und blieb dem Westen ein Dorn im Auge.

Den USA ebenso wie den ehemaligen europäischen Herrschern blieb er suspekt, erst recht, als er öffentlich Brüssel für die Verbrechen in der Kolonialzeit kritisierte. Unter belgischem Kommando und mit Wissen von Baudouin I., des Königs von Belgien, wurde der Hoffnungsträger des Kongo und vieler afrikanischer Unabhängigkeitsbewegungen im Januar 1961 ermordet. Es folgte bald die Herrschaft von Joseph Mobutu, der – unterstützt unter anderem von Washington, Paris und Brüssel – später von George Bush sen. als »mein verehrter Freund« bezeichnet wurde. Über 40 Jahre hielt sich der Despot in dem Land, das er 1971 zu »Zaire« umgetauft hatte. Er starb 1997 im marokkanischen Exil. Nachfolger wurde Laurent-Désiré Kabila, der 2001 einem Attentat zum Opfer fiel. Sein Sohn Joseph regiert seitdem und wurde auch bei den unter internationaler Kontrolle durchgeführten, mit vielen Fragenzeichen versehenen Wahlen als Präsident bestätigt.

Im Osten des Landes, vor allem in der Provinz Nord-Kiwu, dauern die erbitterten Kämpfe zwischen der kongolesischen Armee, der Mai-Mai-Miliz und den Rebellenverbänden aus Ruanda bis heute an. Der kongolesischen Armee wurde lange Zeit vorgeworfen, mit Hutu-Gruppierungen zusammenzuarbeiten, die 1994 in den ruandischen Völkermord verwickelt waren. Tatsächlich beanspruchen Rebellen aus Ruanda und Uganda einen Zugang zu den Ressourcen im Grenzgebiet der Demokratischen Republik Kongo. Sie finanzieren ihren Kampf durch den illegalen Abbau und Handel vor allem von Gold und Coltan, kaufen Waffen bei internationalen Händlerringen. Gerade Coltan gilt als besonders begehrtes Erz, das in der Elektroindustrie der hochindustrialisierten Staaten zum Bau von Handys sowie in der Weltraumtechnologie benötigt wird.

Bodenschätze für Waffen

Die DR Kongo besitzt 70 Prozent des gesamten Weltvorkommens an Coltan. Doch bis heute scheint der »Schatz« eher ein Fluch zu sein als ein Segen für das Land. Die Blauhelmtruppe der UNO (MONUC), die mit etwa 18000 Soldaten das weltweit größte Kontingent darstellt, hat bisher kaum etwas zur Beendigung des Konflikts beigetragen. »In den Städten der Region sind Armee und MONUC präsent, doch wer in die ländlichen Gebiete zieht, stößt unweigerlich auf Paramilitärs und oft sogar auf Kinder, die mit Kalaschnikows bewaffnet sind und einen im besten Fall nur ausrauben wollen«, meint Gregor.

»Noch bis vor kurzem verfügten die Friedenstruppen nicht einmal über mit Nachtsichtgeräten ausgestattete Hubschrauber. Die UNO war nachts blind.« Angesichts der Größe des Landes sei die Zahl der Soldaten gering. Auch »wegen ihrer schlechten Vorbereitung und Ausrüstung ist die MONUC-Mission fast zum Scheitern verdammt. Es ist kein Geheimnis, daß die Blauhelme in ihren Aktionen oft verspätet und unkoordiniert sind; um einen Befehl zu bestätigen muß man nicht selten mit New York telefonieren. Das kostet Zeit, Zeit, die vielleicht die Opfer nicht mehr haben.«

Morgens, bevor Gregor und Sylvia sich zu ihren Projekten aufmachen, koordinieren sie sich via Internet mit ihren Kollegen der DW und anderen Hilfsorganisationen in der Region. Man verständigt sich zur Lage und zum Gefährdungspotential. Natürlich sind die ausländischen Vertreter des öfteren auf Informationen aus der Bevölkerung angewiesen. Es ist wichtig, daß die ortsansässigen Autoritäten, die Warlords und ihre Kämpfer über das Kommen oder die Anwesenheit der westlichen Gruppen und deren verschiedene Projekte informiert sind. Alles andere würde als Einmischung verstanden – nur die Kommunikation verringert das Risiko.

Bauarbeiten bei Goma

Auf der Nordseite des Kiwu-Sees, nicht weit von der Stadt Goma, blicken wir nicht mehr so oft und verängstigt in den Wald zu beiden Seiten der Straße. Das Gefühl einer gewissen Sicherheit wächst, je näher wir den Vorstadtvierteln kommen. Die Gefahr eines plötzlichen Überfalls aus dem dichten Grün ist nicht mehr so präsent. Ebenso nicht die unerwarteten Patrouillen der Rebellen. Unser Wagen schaukelt über die unebene Straße. »Bald wird es hier ein neues Pflaster geben«, erklärt Gregor. Die Arbeiten hätten schon begonnen, sagt er und deutet über das Lenkrad hinweg auf eine große Staubwolke. Wir steigen aus und gehen auf ein paar Männer mit Schaufeln zu.

Vor uns kippt ein schwerer Laster Tonnen von Sand und Steinen ab. Alle warten, bis sich der Dreck legt. Nach einer Weile entfernt sich der LKW, die Männer nehmen ihre Schaufeln, steigen auf den aufgeschütteten Sandhügel und beginnen ihn auf die Straßenfläche zu verteilen. Auf der anderen Seite sieht man Frauen, manche auch mit Kleinkindern, die am Fuß des Sandhügels per Hand Steine sortieren – ein mühsames, hartes Geschäft. »Ein weiteres Projekt von uns«, meint Gregor. »Wir nennen es ›cash for work‹; wir bieten Arbeit an und bezahlen dafür sofort. So versuchen wir, die Erwerbslosen zu erreichen.« Und die Infrastruktur in der Region entwickelt sich. Geholfen wird nicht nur den Frauen, den Vergewaltigungsopfern, sondern man nimmt sich auch ehemaliger Kämpfer an, Mitglieder paramilitärischer Einheiten, Armeeangehörige oder Rebellen, die entlassen wurden.

Die Streitkräfte der DR Kongo werden derweil von der EU »modernisiert«, wie es heißt. Das geschieht im Rahmen der »Beratungs- und Unterstützungsmission« EUSEC. Brüssels Militärberater, darunter auch Bundeswehrpersonal, lenken und kontrollieren die »Reformen«. Es würden neue Waffengattungen ebenso wie administrative Strukturen angestrebt, heißt es. Man sammelt Waffen ein und kontrolliert die Auszahlung des Solds. Auch würde Minderjährigen geholfen, Schulen zu besuchen, um zu verhindern, daß diese ziellos durchs Land zögen und von Paramilitärs rekrutiert würden.

»Das ist immer noch zu wenig. Es sollte viel mehr sein. Aber ein stabiler Kongo ist wohl nur eine Fata Morgana«, meint Gregor. »Über all die Jahre, die ich hier verbracht habe«, sei ihm klar geworden, daß es »vor allem um die wertvollen Ressourcen ginge« – besonders dem Westen. Und wäre die DR Kongo tatsächlich ein souveräner, demokratischer Staat, dann spielten Schürfrechte, Zoll, Steuern eine gewichtige Rolle. Einfacher ist es dagegen, staatliche Strukturen zu umgehen, und billiger wird es, lokale Warlords zu bezahlen, die dann für die sichere Ausfuhr der begehrten Ware sorgen. Daß die Rebellen für das Geld wieder neue Waffen kaufen und auch einsetzen, das interessiert kaum jemanden.

* Aus: junge Welt, 20. Februar 2010


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