Kongo: Bürgerkriegsland und Beute fremder Staaten

Der weitere Zerfall des Staates war auch im Jahr 2000 nicht aufzuhalten

Die Hoffnungen auf ein Ende der bürgerkriegsartigen Wirren in Kongo (ehemals Zaire) haben sich nach dem Sturz des langjährigen zairischen Diktators und Milliardärs Mobutu (1997) nicht erfüllt. Im August 1998 entbrannten wieder Kämpfe, die sich nun gegen den neuen Machthaber Laurent Kabila richteten. Der kongolesische Krieg ist aber mehr als ein Bürgerkrieg. Gemessen an der Zahl der direkt oder indirekt beteiligten afrikanischen Staaten handelt es sich um den größten Krieg Afrikas und um den opferreichsten Krieg in der Welt. Verlässliche Zahlen über Tote und Verwundete existieren nicht. Grobe Schätzungen der amerikanischen Organisation "Internationales Rettungskomitee" sprechen aber von 1,7 Millionen Menschen, die entweder direkt bei Kampfhandlungen getötet wurden (200.000) oder die infolge des Krieges gestorben sind (1,5 Mio.). Hinzu kommen - nach Angaben der Vereinten Nationen - rund zwei Millionen innerhalb des Landes Vertriebene und mehr als 300.000 Flüchtlinge, die das Land verlassen haben. Die amtierende Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten der UNO, Carolyn McAskie bezeichnete Ende November die Situation im Land als "eine der schwersten humanitären Krisen" der Welt. Mindestens 16 Millionen Menschen, also etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung des Landes, seien von Hunger und von gravierenden Menschenrechtsverletzungen betroffen und nur jeder zweite von ihnen hätte Zugang zu Hilfsleistungen.

Wie in einem Brennglas bündeln sich in den kongolesischen Auseinandersetzungen alle nur denkbaren negativen Entwicklungen des afrikanischen Kontinents: "Chaotisierung, Staatszerfall, blindwütiges Morden und Plündern, Massenfluchtbewegungen, Zerstörung der materiellen und sozialen Infrastruktur und damit des Grundstocks von Entwicklung. Damit einher gingen die Herausbildung von Raubwirtschaften unter dem Kommando von Warlords." Dieser Charakterisierung aus dem "Friedensgutachten 2000" (S. 149) ist allenfalls hinzuzufügen, dass zu dieser apokalyptischen Situation auch reguläre Truppen aus benachbarten Staaten beigetragen haben. Simbabwe, Angola und Namibia unterstützen militärisch den amtierenden Präsidenten Kabila und dessen AFDL ("Alliance des Forces Démocratique pour la Libération du Congo-Zaire"), tun dies aber nicht selbstlos, sondern vertreten unterschiedliche Eigeninteressen. Sie richten sich im Falle Angolas auf den Wunsch nach einer gesicherten Grenze zum Kongo (um damit den Rebellen im eigenen Land den Rückzug abzuschneiden), im Falle Simbabwes auf eine wirtschaftliche Stabilisierung des Kabila-Regimes, da andernfalls dessen Schuldenrückzahlungen ausbleiben würden.

Über die Intervention des Sudan und des Tschad (der wie Simbabwe keine gemeinsame Grenze zum Kongo hat) auf Seiten Kabilas wird spekuliert: Sollen damit die Strömungen in Afrika gestärkt werden, die eine außenpolitische Anlehnung an Frankreich favorisieren? Dafür spricht, dass Ruanda und Uganda (die seinerzeit ebenfalls mit Kabila gegen Mobuto gekämpft hatten, sich aber sehr bald auf die Seite der kongolesischen Rebellenorganisationen stellten) zu den engsten afrikanischen Verbündeten der USA zählen. Die Interessen Ruandas liegen wohl hauptsächlich darin, die zu großen Teilen in das benachbarte Kongo geflüchteten Hutu-Organisationen und Paramilitärs (die sich unter dem Namen "Armée pour la Libération du Rwanda"-ALIR neu formiert haben) zu bekämpfen.

Dass indessen alle am Bürger- und Staatenkrieg in und um Kongo beteiligten regulären und irregulären Truppen darüber hinaus auch ihr Augenmerk auf die natürlichen Ressourcen des Landes - jedenfalls so weit sie sich in klingende Münze umwandeln lassen - geworfen haben, wird an den hauptsächlich umkämpften Regionen (v.a. Diamantenminen, Kobalt- und Kupferbergbaugebiete) und an der Flüchtigkeit eingegangener Allianzen deutlich. So kämpften beispielsweise die "verbündeten" Truppen aus Ruanda und Uganda in der Schlacht um die Stadt Kisangani gegeneinander. Dieser Kampf, der am Pfingstwochenende (10.-12. Juni) trotz eines zuvor ausgehandelten Waffenstillstands mit unbeschreiblicher Brutalität und Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung der 200.000 Menschen zählenden Stadt in seine entscheidende Phase trat, hat zur fast völligen Zerstörung der Stadt geführt. Mindestens 250 unbeteiligte Zivilisten kamen ums Leben, mehr als tausend Menschen wurden schwer verletzt. Rund um Kisangani befinden sich Diamantenminen, mit denen sowohl die kongolesischen Rebellentruppen als auch die Armeen aus Uganda und Ruanda ihren Krieg finanzieren.

Am 6. Dezember haben in Harare, der Hauptstadt Simbabwes, die wichtigsten sechs afrikanischen Staaten, die in den Kongo-Konflikt verwickelt sind, mit einer Reihe von Rebellengruppen ein Abkommen zum Rückzug ihrer Truppen geschlossen. Unterzeichnet wurde es von den Präsidenten Kongos, Simbabwes, Angolas, Namibias, Ruandas und Ugandas. Es war bereits das dritte derartige Abkommen in diesem Jahr. Sie wurden genauso gebrochen wie das Friedensabkommen von Lusaka (Sambia) vom 31. August 1999. Auch diesmal besteht zu übertriebener Hoffnung kein Anlass: Eine der größeren Rebellenorganisationen, die MLC ("Mouvement pour la Libération du Congo") hat ihre Unterschrift unter das Abkommen von Harare verweigert. Sie hat in den letzten Monaten große Geländegewinne in der Provinz Equateur (im Nordosten von Kinshasa) gemacht und ist nicht bereit, sich aus diesem Raum wieder zurückzuziehen. Auch im Südosten des Landes gingen nach der Übereinkunft von Harare die Kämpfe weiter; 60.000 Menschen wurden zur Flucht nach Sambia getrieben. Unter diesen Umständen bleibt fraglich, ob eine größere Beobachtermission der Vereinten Nationen zur Überwachung des Waffenstillstandes, die der UN-Sicherheitsrat im Dezember bewilligte, überhaupt ihre Arbeit im Land wird aufnehmen können. Und auch wenn sich Simbabwe und Angola aus dem Kongo zurückziehen sollten (Mugabe z.B. braucht seine Soldaten vielleicht im eigenen Land) und Kabila fallen lassen, wird der Krieg weiter gehen. Und zwar so lange, wie sich an ihm Geld verdienen lässt und so lange, bis der Kongo unter die verfeindeten Konfliktparteien definitiv aufgeteilt sein wird.
Pst

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