Die Logik der Gewalt

Von Raul Zelik, Bogotá *

Bogotá gilt als Vorbild einer gelungenen Stadterneuerung. Aus dem Blick gerät dabei fast immer jene andere Seite der Stadt, die von Armut, Bandenkriegen, Korruption und politischen Morden beherrscht wird. Reportage aus einem der grössten Slums Lateinamerikas.

Ciudad Bolívar - am südlichen Stadtrand von Bogotá. Die Begrüssung an der Bushaltestelle fällt knapp aus. «Seid vorsichtig, bleibt zusammen.» Mónica Rodríguez, Erzieherin und Aktivistin einer kleinen Frauengruppe, ist trotz des frisch aufgetragenen Make-ups die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Als wir den steilen Erdweg zwischen unverputzten Ziegelbauten und Wellblechhütten hinaufsteigen, nennt sie den Grund ihrer Nervosität. In den vergangenen Tagen sei ein Bandenkrieg ausgebrochen. Eine Gang aus dem tie­fer gelegenen Viertel La Esperanza versuche, die Strassen des Quartiers Los Jardines del Progreso unter Kontrolle zu bekommen. Es habe Schiessereien und Tote gegeben. Weder «Hoffnung» noch «Gärten des Fortschritts» lassen sich hier ausmachen. Die Stadtteilnamen klingen seltsam, zynisch, verzweifelt. Als habe man bei der Namensgebung auf eine sich selbst erfüllende Prophezeiung gehofft. «Die Situation ist unberechenbar.» Rodríguez' Augen wandern unablässig umher. «Man kann nicht vorhersagen, was als Nächstes geschieht.»

Zehntausende politische Morde

Ciudad Bolívar ist einer von neunzehn Verwaltungsdistrikten Bogotás. Hier und in den Nachbarbezirken Soacha, Usme und Ciudad Kennedy wohnen in Hunderten von Armenvierteln mehr als ein Drittel der sieben Millionen EinwohnerInnen von Bogotá. Es ist jener Teil der Stadt, der in Reiseführern unerwähnt bleibt und von ausländischen TouristInnen und Angehörigen der einheimischen Mittelschicht selten besucht wird. Das Elend, so hat man den Eindruck, soll heute vor allem dadurch bekämpft werden, dass man es einfach ignoriert.

Über Bogotá ist in den vergangenen Jahren viel geschrieben worden. Die kolumbianische Millionenmetropole gilt als Beispiel für eine erfolgreiche Stadterneuerung. Die koloniale Altstadt Candelaria sei ansehnlich saniert worden, als TouristIn könne man sich wieder frei bewegen, und auch die Kriminalität habe unter dem US-nahen Präsidenten Álvaro Uribe stark abgenommen. Doch in Ciudad Bolívar ist all das weit weg.

Mónica Rodríguez deutet ihren Gedanken nur an: Gewaltkriminalität und politische Repression sind in Kolumbien eng miteinander verschränkt. Dass der Drogenhandel in dem südameri­ka­nischen Land eine zentrale Rolle spielt, ist allgemein bekannt. Auch von Entführungen durch die Guerilla ist in internationalen Medien häufig die Rede. Selten wird hingegen darüber berichtet, dass der kolumbianische Staat und mit ihm verbündete illegale Gruppen in den vergangenen dreissig Jahren Zehntau­sende von politischen Morden verübt haben. Die Opfer sind vor allem Gewerkschafterinnen, Kleinbauern und Linke. Damit hat die kolumbianische Demokratie deutlich mehr Menschenrechtsverletzungen zu verantworten als etwa die Diktatur von Augusto Pinochet, der Chile von 1973 bis 1990 beherrschte.

Flucht aus der Heimat

Für die Morde an Linken werden in Kolumbien sogenannte «Paramilitärs» verantwortlich gemacht. Dabei handelt es sich nicht um politisch motivierte Täter. Die Paramilitärs sind Auftragsmörder der organisierten Kriminalität, die illegalen Geschäften nachgehen und als Gegenleistung für ihre Gewalt gegen Oppositionelle von staatlichen Sicherheitskräften unterstützt werden. Von aussen betrachtet, ist die Situa­tion undurchsichtig. Doch für Mónica Rodríguez, die in Ciudad Bolívar mit einigen Frauen ein kleines Gartenprojekt aufgebaut hat, hat die Gewalt eine eindeutige Logik. Vor acht Jahren musste sie aus ihrer Heimatstadt Cúcuta an der Grenze zu Venezuela fliehen, nachdem Paramilitärs sie mit dem Tod bedroht hatten. Ihr «Vergehen» hatte darin bestanden, eine Erzieherinnengewerkschaft in den Armenvierteln von Cúcuta aufzubauen. Und auch in der Hauptstadt ist sie in den vergangenen Jahren mehrmals bedroht worden.

Zu viele LauscherInnen

Wir steigen den Hang hinauf, der Erdweg ist ausgetreten und rutschig. Nieselregen, die Skyline der Innenstadt ist nur als Umriss zu erahnen. Auch die im Osten bis auf 4500 Meter aufragenden Gebirgszüge der Cordillera Oriental verschwinden hinter Regen- und Wolkenschleiern. Es ist kühl, unter fünfzehn Grad, die Luft ist dünn. Trotz der Äquatornähe ist das auf einer Hochebene gelegene Bogotá eine unwirtliche Stadt.

Wir erreichen das Haus der Familie Burbano. Doña Margarita bittet uns her­ein - ein altes Sofa, ein kaputter Videorekorder, ein Fernseher, bunte Kitsch­utensilien. Der Überzug auf dem Sessel, auf dem ich Platz nehme, fühlt sich klamm an. In Bogotá kennt man keine Heizung, in den Armenvierteln von Ciu­dad Bolívar hätte man auch gar kein Geld dafür.

Doña Margarita nimmt auf dem Bett Platz, das mitten im Raum steht. Hinter ihrem Rücken schnarcht leise ihr Mann, der die Nacht über gearbeitet hat. Es gibt keinen anderen Ort, wo Doña Margarita sich mit uns unterhalten könnte. Draussen vor der Hütte kann man nicht sprechen: Zu viele Ohren würden mithören. Dabei fragen wir nur, wann sie mit ihrer Familie nach Bogotá kam, wie der Bandenkrieg ausbrach, ob die Kriminalität in den letzten Jahren abgenommen habe. Der seit 2002 amtierende Präsident Álvaro Uribe habe sich doch die «demokratische Sicherheit» auf die Fahnen geschrieben.

Die Frau, die kaum fünfzig sein kann und doch sichtlich vom Leben gezeichnet ist, erzählt: «Ende der siebziger Jahre sind wir nach Bogotá gekommen. Wir haben vorher bei Tunja gewohnt, ungefähr zwei Stunden Busfahrt von hier. Wir haben ein besseres Leben gesucht. Damals stand unser Häuschen allein am Hang. Das hier waren Viehweiden.» Sie lacht, zeigt die Zähne, die ihr geblieben sind. «Heute liegt unser Haus mitten in einem Meer aus Hütten.» Zu ei­nem - auch noch so bescheide­nen - Wohlstand hat es die Familie Burbano nicht gebracht. Es gebe keine Arbeit, von der man leben könne, sagt sie. «Fast alle im Viertel sammeln Müll.» Das kolumbianische Recyclingsystem beruht auf der Tätigkeit der Flaschen-, Karton- und BlechmüllsammlerInnen, die nachts mit selbst gebastelten Handkarren durch die Strassen der Mittelschicht ziehen und den Müll nach Verwertbarem durchwühlen. Oft werden sie dabei angepöbelt. In den besseren Vierteln mag man es nicht, wenn verschnürte Mülltüten noch einmal aufgerissen werden.

Ein Nachbarmädchen hat uns Besucher durchs Fenster entdeckt und tritt neugierig ins Haus. Die Zwölfjährige, die jünger aussieht, wird uns als Rosario vorgestellt. Sie beginnt, der Gastgeberin zu assistieren. Wir fragen nach Drogen im Viertel, nach den Geschäften der Banden. Sicher gebe es Drogen, antwortet die Gastgeberin vage. Und das Mädchen - ein bisschen schmutzig, mit intelligentem Gesichtsausdruck, leuchtend dunklen Augen - fügt hinzu: «Auch base.»

Die Kokapaste ist ein billiges Zwischenprodukt der Kokainherstellung und besonders in den Elendsvierteln populär. Ob die Polizei nicht entschiedener gegen den Drogenhandel vor­gehe, seit Kolumbien aus den USA fast eine Milliarde US-Dollar Militär- und Polizeihilfe jährlich erhält? Doña Margarita zuckt nur mit den Achseln, die zwölfjährige Rosario wech­selt - man weiss nicht, ob zufällig oder aus Kal­kül - das Thema. «Ach, die Polizei», sagt sie altklug und erzählt dann scheinbar zusammenhangslos, dass der Staatspräsident einmal im Jahr mit dem Hubschrauber im Viertel lande. Einen halben Kilometer entfernt, durch das vergitterte Fenster gut zu erkennen, liegt die Don-Bosco-Schule. Dort, so das Mädchen, erhalten mehrere Hundert «Demobilisierte» eine Berufsausbildung. Unter Präsident Uribe haben mehrere Tausend Paramilitärs die Waffen abgegeben. Die meisten von ihnen sind straffrei ausgegangen und beziehen heute Stipendien und Wiedereingliederungshilfen. Das hat zwar nicht zu einem Ende der politischen Gewalt gegen Oppositionelle geführt, aber die Kontrolle über die Armenviertel verbessert. Viele «Demobilisierte» arbeiten heute für private Sicherheitsunternehmen oder als PolizeiinformantInnen.

Der Helikopter des Präsidenten

«Wenn der Präsident kommt», erzählt Rosario weiter, und es klingt fast ein wenig poetisch, «erwacht unser Viertel voller Soldaten. An jeder Ecke steht ein Bewaffneter. Dann kommt der Hubschrauber angeflogen und landet unten auf dem Sportplatz vor der Schule.»

Aber was ist denn nun mit der Polizei und dem Antidrogenkampf? «Die Polizei», schaltet sich Mónica Rodríguez ein, «kooperiert oft mit den Banden. Sie wartet ab, welche Bande sich durchsetzt, und arbeitet dann mit der zusammen. Diese Bande kann dann ihren Geschäften nachgehen und sorgt im Gegenzug dafür, dass im Viertel keine politischen Bewegungen entstehen.»

«Aber die Paramilitärs verteilen doch auch Flugblätter, in denen sie Drogenkonsumenten bedrohen», hake ich nach. «Wieso machen die das, wenn sie doch selbst den Drogenhandel kontrollieren?»

«Weisst du, was komisch ist?», erwidert Rodríguez: «Hier im Viertel wird der Marihuanakonsum härter verfolgt als der Kokakonsum. Hast du dafür eine Erklärung?»

Der Gemüsegarten

Wir verlassen die kleine, feuchte Hütte, die seit dreissig Jahren die Familie Burbano beherbergt, und steigen eine Treppe zu einem vielleicht 25 Quadratmeter grossen, mit verbogenem Wellblech eingezäunten Grundstück hin­auf. Die Treppe ist steil, der Blick über die Stadt wird ob der sauerstoffarmen Höhenluft noch etwas verschwommener. Hier am Hang dürften wir uns 2700 Meter über dem Meeresspiegel befinden.

Hinter dem Wellblechzaun liegt der Gemüsegarten, den die Frauengruppe um Mónica Rodríguez angelegt hat. Man wollte etwas Nützliches tun, erzählt Doña Margarita, sich für etwas Gemeinsames einsetzen, für etwas, das auch Ergebnisse zeitigt - und wenn es nur ein paar Salatköpfe oder Randen sind. An der Wegkreuzung steht eine Gruppe Jungs und spielt Murmeln. Keiner von ihnen ist älter als vierzehn Jahre. Dennoch hat man als Fremder ein wenig Angst vor ihnen. Jeder männliche Jugendliche in den Elendsvierteln gilt als möglicher Krimineller, jede Ansammlung von Jugendlichen kann Ziel einer Strafaktion sein.

Mónica Rodríguez sagt den Kindern, sie sollten uns etwas über ihr Murmelspiel erzählen und Fotos von sich machen lassen. Aufstellen zum Gruppenbild. Die Jungen freuen sich auf die versprochenen Abzüge.

Wir betreten den Garten. Der Blick schweift über die Hochebene von Bogotá. Im Westen sieht man die Gewächshäuser der Blumenplantagen. Kolumbien gehört zu den wichtigsten Exporteuren von Schnittblumen weltweit und verdient damit Hunderte Millionen US-Dollar jährlich. Weiter im Norden erkennt man Apartmentkomplexe, die auch in Nordamerika oder Europa stehen könnten. Doña Margarita und eine Nachbarin ernten ein paar Randen.

Der US-Stadtsoziologe Mike Davis hat in seinem Buch «Planet der Slums» geschrieben, dass das Wachstum der Weltbevölkerung in den nächsten fünfzig Jahren vor allem in Elendsvierteln stattfinden werde. Schon heute leben mehr als eine Milliarde Menschen in Slums wie denen von Ciudad Bolívar. Mike Davis zufolge werden in den nächs­ten Jahren noch drei bis vier Milliarden Menschen dazukommen.

Die Zahlen sind bekannt - und scheinen doch belanglos. Von einem «Teufelskreis aus Armut, Korruption und Gewalt» ist die Rede, von einer Entwicklung, der man machtlos gegen­überstehe. Dass zumindest in Kolumbien diejenigen, die an diesem Zustand etwas ändern wollen, massiv verfolgt werden (auch mit Finanzmitteln aus den USA und Europa), will man in der Regel nicht hören. Sicherheitspolitik wird heute grossgeschrieben - auch dann, wenn sie Menschen wie Mónica Rodríguez oder Doña Margarita vor allem Unsicherheit bringt.

Zum Abschied drücken uns die Frauen eine Tüte Salat in die Hand. Auf dem Rückweg kommen wir an kleinen Grüppchen junger Männer vorbei, die uns genau mustern. «In Kolumbien herrscht kein Chaos», sagt Mónica Rodríguez. «Hier wird mit dem Terror des Chaos Ordnung geschaffen.» Doch Rodríguez kommt nicht dazu, ihre These weiter auszuführen. Das Handy klingelt. Ihr in Cúcuta zurückgebliebener Sohn ist am Apparat und berichtet, dass er an diesem Morgen eine Morddrohung von Paramilitärs bekommen hat.

«Verlass Cúcuta», fleht die Mutter ins Telefon. «Sofort.» Doch der Sohn will das von den Eltern zurückgelassene Haus nicht einfach preisgeben.

Erst später erfahre ich, dass Mónica Rodríguez' ältester Sohn 2001 von Paramilitärs erschossen worden war. Als «mutmasslicher Subversiver».

In den Tropen fällt die Dunkelheit schnell. Ich bin froh, wieder in die Innenstadt zurückzukehren. Den Gedanken, dass dieser Ausweg den meisten anderen verstellt ist, versuche ich zu verdrängen.

* Der Schriftsteller und Journalist Raul Zelik ist regelmässiger WOZ-Autor.

Aus: Schweizer Wochenzeitung WOZ, 21. Januar 2010



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