Pünktlicher Schlag

Eine Woche vor der Präsidentschaftswahl befreit Kolumbiens Armee drei Offiziere aus der Gewalt der Guerilla

Von André Scheer *

Auffallend pünktlich vor der Stichwahl um das Präsidentenamt am 20. Juni ist es dem kolumbianischen Militär am Wochenende offenbar gelungen, drei von den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) gefangengehaltene Offiziere zu befreien. Kolumbiens Verteidigungsminister Gabriel Silva Luján erklärte am Sonntag vor Medienvertretern, einem 300 Mann starken Spezialkommando sei es gelungen, General Luis Herlindo Mendieta Ovalle und Oberstleutnant Enrique Murillo Sánchez sowie den Polizeioffizier Arbey Delgado Argote aus der Gewalt der Guerilla zu befreien.

Während der Minister die Militär­operation als Beleg dafür wertete, daß die Politik der »Demokratischen Sicherheit« und der harten Haltung gegenüber der Guerilla »der richtige Weg« sei, »um allen Kolumbianern die Ruhe zurückzugeben«, kritisierte die liberale Senatorin Piedad Córdoba das Vorgehen der Armee. Zwar teile sie die Freude der Familien der drei Offiziere, allerdings müsse es jetzt darum gehen, auf friedlichem Weg die Freilassung aller Gefangenen zu erreichen. »Dies ist der Augenblick, um eine Verhandlungslösung des Konflikts zu befördern, ohne das Leben der Beteiligten in Operationen zu gefährden, die immer ein hohes Risiko für die Gefangenen darstellen«, schrieb die Senatorin in einer Erklärung auf ihrer Homepage.

Die beiden Präsidentschaftskandidaten beeilten sich, die Armee zu ihrem Erfolg zu beglückwünschen. Der Vertreter der Grünen Partei, Antanas Mockus, richtete den kolumbianischen Soldaten aus, ihre Aufgabe sei »bewundernswert«. Der Kandidat des Regierungslagers, Juan Manuel Santos, nutzte die Bekanntmachung der Befreiungsaktion, um erneut einen humanitären Gefangenenaustausch auszuschließen und anzukündigen, auch unter seiner Regierung die gewaltsame Befreiung der Gefangenen fortsetzen zu wollen. »Er ist ein Erbe der militarisierten Politik in unserem Land«, antwortete ihm Córdoba gegenüber dem lateinamerikanischen Fernsehsender TeleSur. »Dies ist ein Sieg für ihn mitten im Wahlkampf, aber Kolumbien gewinnt so nicht, denn es ist ein Land, das den Frieden auf andere Weise erreichen sollte.«

Von der Guerilla gab es zunächst keine Stellungnahme zu den Ereignissen. Die ihr nahestehende alternative Nachrichtenagentur ANNCOL kommentierte die Darstellung der Regierung jedoch mit den Worten: »Die einen kommen raus, die anderen rein. Das ist die tatsächliche Konsequenz eines bewaffneten Konflikts, der mit aller Deutlichkeit ein humanitäres Abkommen oder einen Gefangenenaustausch erfordert. Der kolumbianische Staat darf nicht weiter mit dem Leben seiner Uniformierten in der Gewalt der FARC Roulette spielen.« Tatsächlich hatten die FARC erst in der vergangenen Woche in einer Erklärung verbreitet, daß sie bei Gefechten mit der Armee den 25jährigen Marineinfanteristen Henry López Martínez in ihre Gewalt gebracht haben.

Unterdessen hat das Linksbündnis Alternativer Demokratischer Pol (PDA), dessen Kandidat Gustavo Petro in der ersten Runde 9,13 Prozent der Stimmen erreicht hatte, seine Anhänger zum Boykott der Stichwahl aufgerufen. Die Präsidentin des Bündnisses, Clara López Obregón, sagte, zwischen Mockus und Santos gäbe es keinen Unterschied: »Beide verfolgen dieselbe Politik.«

Den letzten Umfragen zufolge kann Santos bei der Stichwahl mit einer Zweidrittelmehrheit rechnen. Allerdings werden diese Prognosen in Kolumbien mittlerweile mit großer Skepsis betrachtet, nachdem sie vor der ersten Runde ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Mockus und Santos vorhergesagt hatten. Letzterer hatte die Abstimmung dann jedoch mit mehr als 25 Prozentpunkten vor dem grünen Kandidaten gewonnen und war nur knapp an der absoluten Mehrheit gescheitert, die für ihn den Sieg in der ersten Runde bedeutet hätte.

* Aus: junge Welt, 15. Juni 2010


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