Bogotás inszenierter Erfolg

Kolumbien: Nach Festnahme von FARC-Führer Diskussion um Auslieferung an die USA

Die Tageszeitungen hier zu Lande meldeten den Erfolg der kolumbianischen Regierung meist ohne kritische Distanz. Im folgenden Kommentar wird zumindest deutlich, dass sich der Sieg des Präsidenten Uribe bald als Pyrrhus-Sieg erweisen könnte.


Von Harald Neuber

Fast noch wichtiger als die Festnahme war die Inszenierung: Nachdem am Freitag (2. Januar 2004) in Ecuador einer der Kommandanten der »Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens« (FARC) festgenommen wurde, zeigen Vertreter von Armee und Rechtsregierung in Bogotá neues Selbstbewußtsein: »Nun werden uns auch die übrigen Anführer der FARC nach und nach in die Hände fallen«, tönte General Martín Orlando Carreńo am Samstag (03.01.2003) vor der Presse.

Der FARC-Kommandant »Simón Trinidad«, mit bürgerlichem Namen Juvenal Ricardo Palmera, war am Freitag im ecuadorianischen Grenzgebiet festgenommen worden. Während kolumbianische Politiker und Militärs von einer »gemeinsamen Geheimdienstoperation« sprachen, wiegelte der Chef der ecuadorianischen Polizei ab: Trinidad sei »bei einer gewöhnlichen Polizeikontrolle« aufgefallen, sagte Jorge Poveda.

Der 53jährige Guerillero hatte sich in Ecuador behandeln lassen, nachdem bei ihm eine Krebserkrankung festgestellt worden war. Am Wochenende nun wurde »Simón Trinidad« in die kolumbianische Hauptstadt Bogotá überstellt. Hier soll in knapp 60 Punkten Anklage gegen ihn erhoben werden.

Mit Spannung wird der Umgang mit dem Auslieferungsersuchen aus den USA erwartet. Die US-Behörden fordern im Fall von Festnahmen hochrangiger Guerilla-Kommandeure bereits seit Jahren die Aushändigung, um ihnen in den USA den (öffentlichkeitswirksamen) Prozeß zu machen.

Doch wie die Regierung des rechtskonservativen Präsidenten Alvaro Uribe auch mit dem Fall Trididad umgeht: Verhandlungslösungen für den Konflikt im Land sind mit der Festnahme in weite Ferne gerückt. Einen humanitären Austausch von Trinidad gegen Gefangene der FARC lehnten Vertreter der Armee in Kolumbien unmittelbar nach der Festnahme entschieden ab, denn mit einem solchen Austausch würde die Zentralregierung den völkerrechtlichen Status der FARC als »kriegsführende Partei« indirekt anerkennen. Das aber will Bogotá um jeden Preis vermeiden: »Wissen Sie, was ich von diesem geforderten ›humanitären Austausch‹ halte?«, wird Verteidigungsminister Jorge Alberto Uribe in einer kolumbianischen Tageszeitung zitiert: »Sie (die FARC) versuchen, gute Bürger gegen einige Kriminelle auszutauschen, die in unseren Gefängnissen sitzen und nichts anderes sind als Feinde unseres Landes.«

Trinidad gab sich nach seiner Festnahme weiter rebellisch: »Es lebe der Kampf des Befreiers Simón Bolívar«, rief er, als Sicherheitskräfte ihn in den Hubschrauber nach Bogotá führten. Der Wirtschaftswissenschaftler Palmera hatte sich den FARC vor 17 Jahren angeschlossen. Sein Kampfname sollte an den General der Befreiungsarmee Simón José Antonio de la Santísima Trinidad Bolívar erinnern. Bevor er sich Mitte der achtziger Jahre den FARC anschloß, hatte er an der Universität Bogotá und in Harvard studiert, um später eine Stelle als leitender Bankangestellter anzunehmen. Von 1999 bis zu ihrem Scheitern 2002 hatte er die FARC in den Friedensverhandlungen mit der Zentralregierung vertreten.

Von den FARC kam bislang keine Reaktion auf die Festnahme Trinidads. Zu erwarten ist jedoch eine Verstärkung der militärischen Konfrontationen. In den vergangenen Wochen war Präsident Uribe nach einer Reihe politischer Niederlagen auf die Guerillaorganisationen zugegangen und hatte sogar Verhandlungsbereitschaft signalisiert. Die dürfte nun vorbei sein.

Aus: junge Welt, 6. Januar 2003


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