"In Kolumbien wird viel von Pressefreiheit geredet"

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Nach wie vor werden Journalisten bedroht und verfolgt. Ein Gespräch mit Claudia Julieta Duque *


Claudia Julieta Duque arbeitet als Journalistin in Kolumbien. Sie wurde unter anderem mit dem »Preis für journalistische Courage« der International Women Foundation ausgezeichnet.

Im vergangenen Jahr wurde Juan Manuel Santos als Nachfolger von Álvaro Uribe zum Staatspräsidenten Kolumbiens gewählt. Können Sie als Journalistin seitdem freier berichten?

Es wird bei uns viel von Pressefreiheit geredet und davon, wie demokratisch unser Land angeblich ist. Tatsache ist aber nach wie vor, daß wir Journalisten täglich Einschüchterungen aller Art ausgesetzt sind. Es hat einige ziemlich absurde Fälle gegeben: Unter Uribe zum Beispiel hatte ein Sportjournalist über Korruption beim Bau eines Fußballstadions in einem Dorf berichtet. Schließlich mußte er ins Ausland flüchten, weil er die Interessen einer Verbrecherorganisation verletzt hatte, die an dem Bau verdienen wollte. In Kolumbien setzt sich leider jeder kritische Journalist Risiken aus.

Hat sich seit dem Wechsel im Amt des Staatspräsidenten überhaupt etwas für Ihre Profession verändert?

Wir können jetzt relativ problemlos über Korruption berichten, auch die Regierung ist an der Aufdeckung von Fällen aus der Zeit Uribes interessiert. Sie bedient sich dabei sehr geschickt der Medien. Das kann aber auch mit internen Machtkämpfen zwischen Uribe und Santos zusammenhängen.

Also gibt es jetzt unter dem Strich mehr Pressefreiheit?

Wir können heute mehr Themen als früher ansprechen. Es gibt aber noch vieles, über das man besser nicht berichten sollte, wenn man ungeschoren bleiben will. Ein Beispiel dafür ist der Dokumentarist Gonzalo Guillén, der einen Film über die Hintergründe der »Operación Jaque« gedreht hat. Das ist jene Aktion, bei der kolumbianisches Militär am 2. Juli 2008 Geiseln aus den Händen der Befreiungsorganisation FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) befreit hatte. Darunter war auch die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. Wegen dieses Films wurde Guillén massiv von Staatspräsident Santos als »nützlicher Idiot der FARC« unter Druck gesetzt. Darüber hinaus befinden wir uns zur Zeit in einem Wahljahr, was es für Journalisten noch schwieriger macht.

Warum das?

In Kolumbien nehmen in Wahljahren regelmäßig die Bedrohungen oder gar Verfolgungen von Journalisten zu. Meist, weil sie Skandale im Zusammenhang mit Kandidaten aufgedeckt haben.

Sie haben aus Angst vor Verfolgung jahrelang unter einem Pseudonym arbeiten müssen. Wie schützen Sie sich heute?

Ich bin die einzige kolumbianische Journalistin, die auf Reisen in gefährliche Gebiete von den Internationalen Friedensbrigaden begleitet wird. Sie betreuen ausschließlich Menschenrechtsaktivisten – und ich bin die einzige Journalistin, die dazu zählt.

Reisen Sie häufig in solche Gebiete?

Nicht sehr oft. Meine Sicherheit ist schon durch meine Haupttätigkeit gefährdet, meine Recherchen über gerichtliche Untersuchungen.

Weshalb sind Sie in diesen Bereich des Journalismus eingestiegen?

Nachdem ich vier Jahre als Reporterin gearbeitet hatte, habe ich mich auf die Recherche konzentriert. Mir war schon in den 90er Jahren aufgefallen, daß es in Kolumbien neben der Version, die uns offiziell erzählt wird, noch eine andere gibt: die Wirklichkeit. Die Erfahrung hat mich gelehrt, an mich zu glauben. Ich arbeite monatelang an meinen Recherchen und brauche dann noch einmal vier Wochen für die Überarbeitung. Aber wenn ich fertig bin, weiß ich genau: Die Geschichte stimmt.

Haben Sie Vorkehrungen getroffen, um sich zu schützen?

Wir haben unter anderem die UN, die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte sowie internationale Journalistenorganisationen wegen dieser Bedrohungen kontaktiert.

Sie mußten schon einmal ins Exil gehen. Würden Sie das wieder tun?

Ich wollte mein Land eigentlich nie verlassen. Und jetzt will ich es weniger denn je.

Interview: Rosmarie Schoop

* Aus: junge Welt, 10. September 2011


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