"Die Zahl der Morde hat nicht abgenommen"

In Kolumbien werden die Menschenrechte nach wie vor gröblichst verletzt. Informationsabende sollen aufklären. Gespräch mit Sergi Perelló *


Sergi Perelló ist Organisationssekretär der Gewerkschaftszentrale CSC in Katalonien


Gemeinsam mit einer Kollegin aus diesem Lande bestreiten Sie zur Zeit in einigen deutschen Städten Informationsabende über Kolumbien. Um was geht es?

Wir wollen über die Menschenrechte reden, aus historischer und aktueller Sicht. Es geht auch darum, daß die paramilitärischen Todesschwadronen und das reguläre Heer wegen ihrer konstanten Verletzung von Menschenrechten nicht bestraft werden. Der kolumbianische Staat tut sehr wenig, um seine Bürger zu schützen. Angesichts dieser Tatenlosigkeit schlagen wir mit Hilfe von »International Action for Peace« (Internationale Aktion für den Frieden – IAP, www.actionpeace.org ) Begleitaktionen zum Schutz von Bedrohten vor, besonders auf dem Lande. Darüber wollen wir aufklären und zudem erreichen, daß auch Deutsche nach Kolumbien fahren, um das Leben bedrohter Menschen zu schützen.

Ist die Begleitung durch die IAP nach dem Regierungswechsel immer noch notwendig? Álvaro Uribe ist weg und die EU feiert die Anstrengungen der neuen Regierung unter Juan Manuel Santos in Sachen Menschenrechte.

Die EU steht zu Santos wie zuvor zu Uribe. Die Zahl der Menschenrechtsverletzungen und der Morde wegen politischer Einstellungen, besonders an Personen, die legalen und demokratischen Oppositionsgruppen angehören, hat nicht abgenommen. Die Paramilitärs sind im ganzen Land aktiv, und was wir im Moment von der Regierung Santos vernehmen, sind gute Worte, aber die Zahlen sind weiterhin alarmierend.

Worin besteht die Arbeit der IAP?

IAP hat zwei Arbeitsfelder. Eines ist die Begleitung durch Freiwillige aus anderen Ländern in Konfliktzonen, damit sollen Angriffe auf die Zivilbevölkerung verhindert werden. Das andere ist die Gewinnung dieser Freiwilligen in unseren Herkunftsländern. Dazu erklären wir die reale Lage in Kolumbien. Das Land wird normalerweise mit Drogenhandel in Verbindung gebracht, aber die Statistiken belegen, daß die Mehrzahl der zivilen Ermordeten in den letzten 40 Jahren Oppositionelle waren und daß die Regierung wenig dagegen tut.

Sie sind aktiver Gewerkschafter. Wie sieht es für Ihre Kollegen und Kolleginnen in Kolumbien aus? Welche Rolle haben transnationale Konzerne?

Kolumbien liegt seit über 30 Jahren an der Spitze der weltweiten Mordstatistik. Es geht nicht um zwei oder drei Tote – es werden jährlich zwischen 70 und 120 Gewerkschafter ermordet, was auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bestätigt. Das ist monströs und auch nur das, was man weiß. An zweiter Stelle in dieser Statistik liegen übrigens die Philippinen mit durchschnittlich drei ermordeten Gewerkschaftern.

Es ist nicht akzeptabel, daß das, was ich in Katalonien oder das, was meine Kollegen in Deutschland machen, in Kolumbien mit der Ermordung endet. Multinationale Konzerne sind erwiesenermaßen mit den Paramilitärs verbandelt, weil sie Arbeiterrechte nicht anerkennen und erst recht nicht berücksichten wollen.

Was ist die Perspektive in diesem Bürgerkrieg? Gibt es Auswege?

Durchaus. Kolumbien kann nicht weitere 40 Jahre mit einem solchen Krieg fortfahren. Die Kosten sind unerträglich, von den Menschenrechtsverletzungen mal abgesehen. Die regionale politische Situation in Lateinamerika wird sicher dazu beitragen, daß es mittelfristig eine Verhandlungslösung gibt. Das ist nur eine Frage der Zeit.

Wir, die IAP also, werden weiter Druck machen, damit die Täter nicht unbestraft davonkommen. Und machen wir uns nichts vor: Hauptverantwortlich sind die paramilitärischen Gruppen unter dem Schutz des nationalen Heeres. Belegt wird das auch durch den Bericht, den der Ombudsmann des kolumbianischen Staates herausgegeben hat.

Interview: Günter Pohl

* Aus: junge Welt, 27. September 2011


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