"Eine Alternative mitten im Krieg"

In Kolumbien wollen immer mehr Friedensdörfer dem Konflikt die Stirn bieten

Von Knut Henkel *

Immer mehr Dörfer und Gemeinden wehren sich in Kolumbien gegen den anhaltenden Bürgerkrieg. Sie erklären sich zu Friedensdörfern und pochen auf ihre Neutralität. Das ist in dem seit über vierzig Jahren tobenden Krieg jedoch alles andere als erwünscht.

»In der Zone rund um San José de Apartadó gibt es keinen Frieden, obwohl wir uns nichts anderes wünschen«, sagt Jesús Emilio Tuberquia und reibt sich die müden Augen. Spät in der Nacht ist er aus Bolivien zurückgekommen, wo er auf einer Konferenz über die aktuelle Situation der Friedensgemeinde von San José de Apartadó berichtet hat. Die ist ernüchternd, denn trotz der medial wirkungsvoll inszenierten Demobilisierung und Entwaffnung paramilitärischer Verbände sind sie nach wie vor in der Region präsent.

»Am 25. September kam eine schwerbewaffnete Einheit nach San José, einem rund 20 Kilometer von der Provinzhauptstadt Apartadó entfernten Dorf, und drang in die Gemeinde ein. Sie wollten wissen, ob die Gringos immer präsent sind. Die Gringos, sagten sie, seien dafür verantwortlich, dass sie nicht Schluss machen könnten mit der Gemeinde«, sagt Jesús Emilio.

Die Gringos sind die Freiwilligen der Peace Brigades International (PBI), die im Wechsel mit Fellowship of Reconciliation (FOR), einer US-amerikanischen Begleitorganisation, für permanente internationale Präsenz in dem nahe der Grenze zu Panama gelegenen Friedensdorf sorgen. »Deren Anwesenheit ist ein wesentlicher Grund, weshalb es die Gemeinde noch gibt«, sagt der hagere Mann mit dem schwarzen Oberlippenbart mit ruhiger Stimme. Seit 25 Jahren lebt er in San José de Apartadó und hat die Friedensgemeinde im März 1997 mitgegründet.

Eine Insel des Friedens will die Gemeinde sein, doch die strikte Neutralität, die sie sich verordnet hat, wird von den bewaffneten Akteuren nicht akzeptiert. 168 Mitglieder hat die Gemeinde seit ihrer Gründung beerdigen müssen. Ermordet von Paramilitärs, Militärs, Polizei und Guerilla, die allesamt in der strategisch wichtigen und an Ressourcen reichen Region unterwegs sind, so Jesús Emilio. Er gehört zu dem kleinen Kreis, der die 1300 Einwohner zählende Gemeinde nach außen vertritt. Auf den Vollversammlungen, die einmal im Monat stattfinden, werden alle wesentlichen Entscheidungen gefällt und auch die Gemeindevertreter gewählt und bestätigt. Solidarisch, basisdemokratisch und unabhängig von der nationalen Politik will die Friedensgemeinde den eigenen Entwicklungsweg bestimmen. Dazu gehört das strikte Neutralitätsprinzip im bewaffneten Konflikt, das Alkoholverbot auf dem Gelände, aber auch das nachhaltige Wirtschaften und der Einsatz von regenerativen Energien.

Im Februar soll die erste Photovoltaik-Anlage installiert werden, erklärt Phoebe Andrea Regelmann vom Friedensforschungszentrum Tamera in Portugal. Spezialisten des Zentrums werden die vom deutschen Unternehmen Sunvention gespendete Anlage im Februar installieren, um das Dorf unabhängiger zu machen. Und der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises, hat die Schirmherrschaft für das Projekt übernommen.

Die internationale Unterstützung ist der effektivste Schutz für die Friedensgemeinden in Kolumbien. Das ist in San José de Apartadó nicht anders als in den Friedensgemeinden im Chocó. Die liegen auf der pazifischen Seite des Isthmus (Landenge) und kämpfen gegen die faktische Enteignung ihres Landes, so Carolina Pardo Jaramillo. Die Franziskanerschwester arbeitet für die kirchliche Menschenrechtsorganisation »Gerechtigkeit und Frieden«. Die begleitet nicht weniger als neun Friedensgemeinden in unterschiedlichen Landesteilen, drei davon im vom Dschungel geprägten Chocó. »Der illegale Holzeinschlag ist genauso ein Problem für uns wie der Aufbau von Bananenplantagen auf unserem Land«, klagt Ana del Carmen Martínez. Sie ist die Sprecherin der Friedensgemeinde vom Cacarica-Fluss. Gemeinsam mit Carolina Pardo hat sie Anfang Dezember letzten Jahres den Bremer Solidaritätspreis für ihr Engagement für Frieden und Gerechtigkeit erhalten. »Etwas mehr Sicherheit vor Angriffen« erhofft sich Ana del Carmen von dem Preis.

Angriffe der Paramilitärs sind in der Region, wo zwei weitere Friedensgemeinden im Flussbecken des Curvaradó und des Jiguamiandó um ihr Land und gegen den Krieg kämpfen, die Regel. »Über zweihundert Tote haben unsere drei Friedensgemeinden zu beklagen«, so Ana del Carmen. Doch ein Zurück gibt es nicht, denn ihre kollektiven Landtitel wollen die Gemeinden nicht aufgeben. »Wir haben die Landtitel von dem einen Präsidenten (Andrés Pastrana) erhalten und der andere (Álvaro Uribe Vélez) schaut nun zu, wie das Land uns von den Unternehmen wieder genommen wird«, klagt Ana del Carmen. Zu Recht, denn selbst Regierungsstellen wie das Institut für ländliche Entwicklung (Incoder) bestätigen die systematische Aneignung von Kollektivland durch nationale und internationale Unternehmen. So wurden über 21 000 Hektar Land der Friedensgemeinde vom Curvaradó von Palmölunternehmen de facto enteignet – mit Hilfe der Paramilitärs. Die sind im Chocó laut Ana del Carmen auch weiterhin präsent und bedrohen die Friedensgemeinden. Das bestätigt auch der international bekannte Menschenrechtsanwalt Alirio Uribe. Von 43 neuen paramilitärischen Verbänden weiß der 47-jährige Anwalt, der 2003 den UN-Menschenrechtspreis erhielt. Für ihn sind die Friedensgemeinden eine Brücke in die friedliche Zukunft des Landes. »Sie stehen für Neutralität und Unabhängigkeit. Das sind Werte, die es in Kolumbien kaum gibt und deshalb ist ihr Beispiel so wertvoll.« Ein Beispiel, das in Kolumbien jedoch systematisch angefeindet wird.

* Aus: Neues Deutschland, 13. Februar 2007


Zurück zur Kolumbien-Seite

Zurück zur Homepage