Low intensity war

In Kolumbien befinden sich immer mehr Menschen in der Hand der Guerilla

Im Folgenden dokumentieren wir einen Beitrag aus der kritischen Wochenzeitung "Freitag".


Von Harald Neuber

Mehrere tausend Menschen geraten Jahr für Jahr in die Gefangenschaft der beiden großen Guerillaorganisationen Kolumbiens. Ihr Schicksal ist ungewiss. Während kolumbianische wie ausländische Medien unisono von "Entführungsopfern" sprechen, verteidigen die Guerilleros ihr Vorgehen als politische Strategie.

Bereits Ende 2002 hatten sich lateinamerikanische Intellektuelle in einem Offenen Brief an die Guerillaverbände Kolumbiens gewandt, nachdem FARC und ELN über 3.700 Menschen in ihre Gewalt gebracht hatten- eine bis dahin noch nie erreichte Zahl. Auch wenn "das kolumbianische Volk einem Klima der Unsicherheit und täglichen Leiden" ausgesetzt sei, "fühlen wir uns doch verpflichtet, die Verletzung menschlicher Grundrechte zu verurteilen", hieß es in dem Schreiben, das unter anderen von der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende und dem französischen Philosophen und ehemaligen Weggefährten Ernesto Che Guevaras, Regís Debray, unterzeichnet wurde. Sie forderten, alle Entführten sofort freizulassen.

Wolf im Schafspelz

Gegenüber dem Freitag erklärt Ramiro Vargas, der Sprecher der ELN (Ejercito de Liberación Nacional), mit etwa 9.000 Mitgliedern zweitgrößter Guerillaverband Kolumbiens, warum seine Organisation trotz dieser Kritik auch weiterhin Menschen entführen und internieren werde. Zum einen versuche man, politische Forderungen durchzusetzen. Außerdem könnten Festnahmen beschlossen werden, wenn "Besserverdienende" in den von der Guerilla kontrollierten Gebieten ihre "Kriegssteuer" nicht bezahlten, "mit der wir die Kosten des Konfliktes zu begleichen suchen". Mit dieser Praxis haben ELN und die größte Guerillagruppe FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) immer wieder auch Kritik aus dem linken Lager provoziert, geht es doch nicht zuletzt um die Frage des Gewaltmonopols und der Legitimität des bewaffneten Widerstandes in einem extrem dezentralisierten Nationalstaat wie Kolumbien.

Sie stellt sich mit besonderer Schärfe seit dem Amtsantritt des rechten Karrierepolitikers Alvaro Uribe Vélez (Partido Social Conservador/PSC), der als Gouverneur der Provinz Antioquia Mitte der neunziger Jahre am Aufbau des paramilitärischen CONVIVIR-Netzwerks beteiligt war, um die Nationalarmee und damit den kolumbianischen Staat zu entlasten. Die Wiener Staatstheoretikerin Eva Kreisky fasst das damit verbundene Phänomen in einem Aufsatz treffend zusammen, wenn sie schreibt, dass paramilitärische Gruppen in Kolumbien "im Zuge der Aufstandsbekämpfung als Gegengewicht zur Guerilla" geschaffen worden seien, "um die reguläre Armee als neutrale Konfliktlösungsinstanz präsentieren zu können". Das folge der Strategie der low intensity warfare, die vom Pentagon nach der Niederlage in Vietnam für das Eingreifen in die Kriege Zentralamerikas Anfang der achtziger Jahren entwickelt wurde.

Während paramilitärische Strukturen in der kolumbianischen Geschichte immer wieder Teil der Selbstbehauptung eines repressiven Zentralstaates waren, begründet die Guerilla ihre Existenz, mit der Notwendigkeit, sich genau dagegen verteidigen zu müssen. Eine Guerilla kritische Linke - nicht nur in Kolumbien - sollte diese Tatsache im Auge behalten. Nicht zufällig betont schon mit dem Namen AUC (Autodenfensas Unidas de Colombia) der paramilitärische Dachverband der Ultrarechten die "Selbstverteidigung" Kolumbiens. Auch wenn sich der Wolf da einen Schafspelz überwirft: Die Paramilitärs und der Zentralstaat bleiben in Kolumbien erster Aggressor. Eine sensiblere Sprache wäre daher angebracht, wenn die Festnahmen der Guerilla in den Medien als "Entführungen" und die Festgenommenen als "Opfer" bezeichnet und diese Termini von Linken unkritisch übernommen werden. Wie zu Kolonialzeiten wird Kolumbien auch heute von einer Zentralregierung beherrscht, deren Anspruch, alle Bürger des Landes zu vertreten, nur auf dem Papier Wert hat.

Anerkennung als Kriegspartei

Alle Versuche, die Verhältnisse zu demokratisieren, endeten in Massakern. Man denke an das Jahr 1948, als der liberale Präsidentschaftskandidat Jorge Eliciér Gaitán ermordet wurde. Sein Tod gilt bis heute als Zäsur in der neuesten Geschichte des Landes, da er erkennen ließ, dass die Transformation in eine postkoloniale Ordnung nur über eine Entmachtung der Caudillos - der dominanten Oligarchen und ihrer Staatsklientel - führen würde. Als die FARC 1964 und der ELN ein Jahr später entstanden, war das ein maßgebender Grund, sich als Guerilla zu formieren.

"Die Generäle", schrieb FARC-Chef Manuel Marulanda unlängst in einem Offenen Brief an die mittlere Kommandoebene der Armee, gingen in ihren Büros kein Risiko ein, würden sie ihre Soldaten in die Schlacht gegen die Guerilla schicken. "Während sich die Konfrontation in ganz Kolumbien zuspitzt, sind Soldaten und Guerilleros die hauptsächlichen Kriegsopfer", so Marulanda, der einen "zivilisierten Meinungsaustausch" anbot und damit erneut den Anspruch der FARC als politische Gegenmacht zum Regime in Bogotá formulierte. Die FARC wehren sich nicht nur gegen eine vom State Department lancierte Denunziation als "ausländische terroristische Organisation", sie fordern zugleich die Anerkennung als "kriegführende Partei" nach den Regeln des Völkerrechts. Würde der Guerilla dieser Status eingeräumt und wäre damit der soziale Konflikt den internationalen Konventionen gemäß als "Bürgerkrieg" eingestuft, müssten die Gefangenen von FARC und ELN per definitionem "Kriegsgefangene" sein. Damit argumentiert die Guerilla auch deshalb, weil ihr die meisten Internierten bei Kampfhandlungen in die Hände gefallen sind.

Inzwischen gibt es soziale Organisationen Kolumbiens, die ihrerseits bereit sind - trotz politischer Differenzen und trotz der daraus erwachsenden Gefahr für Leib und Leben - die Guerilla-Verbände als Institutionen anzuerkennen, deren Legitimität sich aus dem Widerstand gegen ein repressives System herleitet. Die entscheidende Frage ist schließlich: Würde sich die Menschenrechtslage verbessern, wäre die Guerilla aufgelöst und das Machtmonopol des kolumbianischen Staates wiederhergestellt? Wohl kaum. Die Linke sollte daher die Legitimität sozialer Gegenwehr verteidigen, ohne sich von vermeintlich sakrosankten Anti-Terrorkriegern die Konditionen der Debatte diktieren zu lassen.

Aus: Freitag 05, 23. Januar 2004


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