Drei Gewehrkugeln

Kolumbien: Armee erschießt Ehemann von Indigenen-Führerin Quilcue auf offener Straße. Anschlag auf die Ureinwohnerschaft

Von Klaus Schikora *

Edwin Legarda ist tot. Der Ehemann von Aída Quilcue, die als oberste Autorität des Regionalen Rats der Indigenas von Cauca (CRIC) im November den Marsch von Tausenden Ureinwohnern nach Bogotá angeführt hatte, starb am Dienstag durch drei Gewehrkugeln, als er auf der Fahrt nach Popayán von Soldaten beschossen wurde.

In der Stadt nahe der Pazifikküste wollte der 28jährige prominente Indigenenführer, so das multinationale Nachrichtenportal telesurtv.net, seine Frau abholen, die von einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrats in Genf zurückerwartet wurde, deren Thema die Situa­tion in Kolumbien gewesen war. In der Schweiz war unter anderem der Bericht der Kolumbianischen Juristenkommission (CCJ) behandelt worden, wonach in dem Andenstaat seit der Amtsübernahme von Präsident Alvaro Uribe 2002 etwa 14000 Menschen unter Beteiligung von staatlichen Organen oder Paramilitärs ermordet wurden oder verschwunden sind.

Über den Hergang des tödlichen Vorfalls gibt es erwartungsgemäß widersprüchliche Darstellungen. Aída Quilcue bewertete die Tat in einer ersten Stellungnahme als gegen sich gerichtet, die CRIC sprach von einem »Attentat«. Ein Militärsprecher sagte dem Sender Caracol, »ersten Informationen zufolge« habe der Lastwagen mit Legarda an einer Straßensperre der Armee die Aufforderung zum Anhalten mißachtet. Die Soldaten hätten dann unglücklicherweise geschossen. Es habe kein »Attentat« gegeben.

Der Anwalt der CRIC, Ernesto Perafán, sagte, der Anschlag richte sich gegen die Indigenen-Bewegung und gehöre in eine Reihe mit der Anweisung der Armee, die Verantwortlichen einer von den Indigenen wegen fortwährender Übergriffe durch Soldaten und Paramilitärs gebildeten Sicherheitswache gefangenzunehmen. Perafán wies zugleich auf einige Details der Schießerei hin. Legardas LKW sei von mehreren Seiten unter Feuer genommen worden. Dem Schwerverletzten, der später im Krankenhaus von Popayán starb, sei nicht geholfen worden.

In der kolumbianischen Metropole Bogotá und in den anderen Großstädten spielt der Tod des Funktionärs der indigenen Bewegung offiziell erwartungsgemäß keine Rolle. Hauptthema dort sind derzeit die von Uribe angestrengte »Reform« des politischen Systems des Landes und die Frage, ob der Staatschef für eine dritte Amtszeit kandidiert. Die am Montag (15. Dez.) im Senat verabschiedete Reformvorlage sieht unter anderem vor, daß künftig Personen nicht mehr für das Parlament wählbar sind, denen frühere Verbindungen zu »kriminellen Organisationen« nachgewiesen werden können. Eine Maßgabe, die vom Buchstaben her eine Beteiligung von Mitgliedern der Guerilla, die ihre Waffen niederlegen, am politischen Geschäft ausschließt.

Die tödlichen Schüsse vom Dienstag (16. Dez.), die Reform des parlamentarischen Betriebs und die Diskussion um Uribes Zukunft haben jedoch mehr miteinander zu tun, als sich vielleicht auf den ersten Blick erkennen läßt. Der Marsch der Indigenen auf Bogotá im November war die Verzweiflungsaktion einer Ureinwohnerschaft, die sich durch die Entwicklungen der vergangenen Jahre mehr denn je in ihrer physischen Fort­existenz bedroht sieht. Der im Jahr 2000 von US-Präsident William Clinton mit Kolumbien ausgehandelte »Plan Colombia« hat Bogotá enorme Mittel an die Hand gegeben, dem Drogengeschäft und der Guerilla militärisch entgegenzutreten. Verbunden damit war für den bis dahin auch eng mit der nationalen Kokainbranche verbundenen Großgrundbesitz die ultimative Aufforderung aus Washington, dieses für die USA unerwünschte Geschäft zu liquidieren. Großgrundbesitz, Drogenkapital und ihren Paramilitärs war diese Vorgabe durchaus nicht willkommen. Die Geschäfte liefen ja bestens.

Gleichzeitig bieten die über Jahrzehnte mit extremer Gewalt aufgeteilten Anbauflächen derzeit für die Agrarpatrone die Möglichkeit, innerhalb eines Freihandelsabkommens mit den USA erfolgreich ihren Schnitt zu machen. Dafür übt Uribe, gleichzeitig Vertreter aller drei genannten Machtzentren, auch durchaus Druck auf Drogenkartelle und Paramilitärs aus. Die Indigenas sind in diesen Kalkulationen um eine Export-Landwirtschaft, in der Menschen sowieso eher stören, mehr als je zuvor abstrakte »Überbevölkerung«. Insofern verharmlost die in Genf vorgenommene Bewertung, wonach es »an der Menschenrechtsfront« keine »wirklichen Fortschritte« gegegen habe, die Lage.

* Aus: junge Welt, 18. Dezember 2008


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