Landbesetzungen durch Indigenas

Räumungsversuche der kolumbianischen Polizei bleiben erfolglos

Von Tommy Ramm, Bogotá*

Seit mehr als einem Monat halten Tausende Indigenas der südwestkolumbianischen Provinz Cauca Ländereien besetzt, die sie als Entschädigung für vergangene Massaker und unerfüllte Abkommen einfordern. Versuche der Polizei, die Gebiete zu räumen, forderten bisher einen Toten und dutzende Verletzte.

»Unsere Forderungen sind das Land, die Befreiung unserer Mutter Erde und eine Agrarreform in ganz Kolumbien.« Mit diesen Worten unterstreicht der Regionalgouverneur der Gemeinde Pioyá in der Provinz Cauca, Albeiro Calambás, die Aktionen, die rund 10 000 indigene Bewohner seit Mitte Oktober durchführen. Als erstes wurde der Landsitz »El Japio« besetzt, der seitdem Austragungsort von Zusammenstößen mit der kolumbianischen Polizei ist. Weitere 13 Ländereien folgten.

Auslöser der Landbesetzungen waren erfolglose Verhandlungen zwischen Indigenas und der Regierung, die im September die Übereignung von rund 70 Quadratkilomtern Land seitens des Staates einforderten. Nach einem Massaker an 20 Gemeindemitgliedern im Jahre 1991, in das die kolumbianische Armee verwickelt war, sicherte die damalige Regierung den Betroffenen zwar eine Entschädigung zu, aber bis heute ist es dazu nicht gekommen, Andere Abkommen, die eine Übergabe weiterer 50 Quadratkilometer an die Indigenas vorsahen, wurden ebenfalls ignoriert. Die jetzige Regierung lehnt jede Verantwortung und Übereignung ab, da die Abkommen von einer Vorgängerregierung unterzeichnet worden waren.

Auf den besetzten Ländereien versammeln sich seit Oktober Kinder, Greise und ganze Familien, die bewaffnet mit Stöcken, Macheten und Schleudern den Räumungsversuchen der Polizei trotzen. Der schwerste Zusammenstoss ereignete sich am 11. November, als ein 16-jähriger Indigena durch einen Kopfschuss getötet und dutzende Personen verletzt wurden. Die Polizei wies die Verantwortung zurück, da keine Schusswaffen bei den Räumungen benutzt würden.

Nach dem Vorfall setzte in der Provinz eine Solidaritätswelle ein. »Wir haben sie eingekreist und nicht anders herum«, meint Albeiro Calambás, der versichert, dass aus den nördlichen Provinzgemeinden mehr Menschen kommen, um zu helfen. Dass sie Widerstand leisten können, haben sie bereits bewiesen. »Unsere Leute, die gegen die Polizei antreten, haben Erfahrungen in der Armee gesammelt, auf der Seite des Staates. Aber jetzt sind wir gegen den Staat und kämpfen für die Rechte der Ureinwohner«, so Calambás.

Eine Annäherung zeichnete sich nach einem fünfstündigen Treffen zwischen Indigena-Vertretern und dem kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe Vélez am vergangenen Donnerstag ab. Uribe stellte zwar klar, dass die Regierung keine Verhandlungen führen wird, wenn diese von Gewalt begleitet werden. Doch um den Forderungen der Cauca-Indigenas nachzukommen, sollen enteignete Ländereien von Drogenhändlern zukünftig in die Hände der indigenen Paez-Gemeinden übergehen. Zudem stünden der Regierung rund sechs Millionen Euro zur Verfügung, um im nächsten Jahr Ländereien für Indigena-Gemeinden zu erwerben. Der indigene Abgeordnete Efrén Tarapués, der mit Uribe die Verhandlungen führte, zeigte sich zwar optimistisch für eine Lösung, kündigte aber an, dass die Landbesetzungen erst dann schrittweise beendet werden, wenn konkrete Abkommen ausgearbeitet und umgesetzt werden.

* Aus: Neues Deutschland, 23.11.2005


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