Fidel vermittelt

Kolumbianische Senatorin zu Besuch in Havanna. Gespräche mit dem früheren kubanischen Präsidenten Castro. Spekulationen um Anschlag in Bogotá

Von André Scheer

Der frühere kubanische Präsident Fidel Castro scheint sich als Vermittler in dem seit Jahrzehnten anhaltenden Bürgerkrieg in Kolumbien anzubieten. Am Donnerstag (Ortszeit) empfing er in Havanna die kolumbianische Senatorin Piedad Córdoba, die in der Vergangenheit mehrfach mit der Guerilla des süd­amerikanischen Landes die Freilassung von Gefangenen ausgehandelt hatte. Obwohl sich die kubanischen Agenturen über die Details der Unterhaltung ausschweigen und nur protokollarisch vermelden, daß sich beide »optimistisch für einen Sieg des Friedens und den Aufbau einer neuen Welt« gezeigt hätten, läßt ACN zumindest durchblicken, daß es nicht bei einem einmaligen Treffen bleiben soll. Noch am Sonntag wird Fidel Castro demnach eine »Gruppe der wichtigsten Führungspersönlichkeiten« Kolumbiens empfangen, »die für den Frieden kämpfen«.

Fidel Castro wäre momentan in einer bequemen Lage für eine Vermittlungstätigkeit in Kolumbien. Da er keine offizielle Funktion mehr in der Regierung seines Landes ausübt, wäre zunächst nicht mit diplomatischen Verwicklungen zu rechnen. Als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei Kubas (PCC) kann er sich aber natürlich um die Beziehungen seiner Organisation mit befreundeten Parteien in anderen Ländern kümmern, warum also nicht auch mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) und der Nationalen Befreiungsarmee (ELN), zu denen es zumindest in der Vergangenheit freundschaftliche Beziehungen gegeben hatte. Für Fidel Castro ist der kolumbianische Bürgerkrieg auch ein Thema seiner eigenen Biographie, denn zufällig erlebte er im April 1948 in Bogotá selbst mit, wie nach der Ermordung des liberalen Präsidentschaftskandidaten Jorge Eliécer Gaitán die Gewalt zunächst in der Hauptstadt und dann im ganzen Land eskalierte. Seitdem ist Kolumbien nicht mehr zur Ruhe gekommen, und Kubas Expräsident mußte in einer seiner Reflexionen vom Juli 2008 bilanzieren: »Ich lege niemandem nahe, die Waffen niederzulegen. Diejenigen, die dies in den letzten 50 Jahren getan haben, haben den Frieden nicht überlebt.« Ende 2008 widmete Fidel Castro der Geschichte des kolumbianischen Konflikts auch sein erstes Buch: »Der Frieden in Kolumbien«.

Nach dem Ende der Amtszeit des bisherigen kolumbianischen Staatschefs Álvaro Uribe ist in Südamerika die Hoffnung gewachsen, die Lage durch Verhandlungen entspannen zu können. Tatsächlich hat der neue Präsident Juan Manuel Santos schon am Tag seines Amtsantritts signalisiert, daß er zu Gesprächen mit der Guerilla bereit sein könnte: »Die Tür zum Dialog ist nicht mit einem Schlüssel versperrt. Ich strebe an, während meiner Regierungszeit die Grundlagen für eine wirkliche Versöhnung zwischen den Kolumbianern zu sähen. Wir müssen die Lehre der Vergangenheit annehmen und aus den in diesem Kampf begangenen Fehlern lernen, um eine Konfrontation zu beenden, die uns schon zu lange Zeit auseinanderreißt.« Zugleich drohte er jedoch allen »illegalen Organisationen« die Fortsetzung eines Kampfs »ohne Pause und ohne Erbarmen« an.

Unterdessen ist weiterhin unklar, wer hinter einem Anschlag auf den Rundfunksender Caracol Radio in Bogotá steckt. Am frühen Donnerstag morgen (12. Aug.) war im Finanzzentrum der kolumbianischen Hauptstadt eine Autobombe explodiert und hatte 550 Gebäude und Geschäfte in der Umgebung beschädigt, acht Menschen wurden verletzt. Kolumbiens Generalstaatsanwalt Guillero Mendoza Diago sagte gegenüber dem angegriffenen Sender, das Attentat sei ein Versuch zur Einschüchterung der Medien gewesen, und räumte zugleich ein, daß erst vier Tage zuvor die für Terrorismusbekämpfung zuständige Einheit der kolumbianischen Polizei vier Personen festgenommen habe, die Sprengstoff transportierten. Diese seien von einem Richter jedoch auf freien Fuß gesetzt worden.

Für die kolumbianischen Medien stand fast unmittelbar nach dem Anschlag fest, daß die FARC für den Anschlag verantwortlich sein dürften. Von Seiten der Guerilla gab es bislang keine Erklärung zu dem Vorfall. Allerdings kritisierte der Herausgeber der kommunistischen Wochenzeitung Voz, Carlos A. Lozano, die voreiligen Schuldzuweisungen: »Die Falken in der Regierung und den Streitkräften machen die Guerilla für dieses verbrecherische Attentat verantwortlich, ohne auch nur einen Augenblick die Untersuchungen der Justizbehörden abzuwarten, obwohl es zahlreiche Hypothesen gibt und die Indizien vor allem auf die paramilitärische und militaristische Drogen-Rechte hindeuten, die eine Fortsetzung der Kriegspolitik der zwei Amtszeiten von Uribe wollen.«

* Aus: junge Welt, 14. August 2010


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