Kein Abweichen vom Kriegskurs

Kolumbien: Angebliches FARC-Mitglied freigesprochen. Neue Angriffe der Armee

Von Santiago Baez *

Mit einer schweren Schlappe für die kolumbianische Regierung ist am Freitag abend (Ortszeit) der Prozeß gegen den als Mitglied der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) angeklagten Universitätsprofessor Miguel Ángel Beltrán zu Ende gegangen. Die allein auf angeblichen Daten aus den berüchtigten Computern von Raúl Reyes beruhende Anklage sei unzulässig, entschied die zuständige Richterin Luisa Fernanda López unter Berufung auf ein Mitte Mai vom Obersten Gerichtshof des Landes gefälltes Urteil. Dessen Richter hatten die bei dem Militärüberfall auf ein FARC-Lager am 1. März 2008 gefundenen Computer, die dem dabei ermordeten FARC-Sprecher Raúl Reyes gehört haben sollen, als Beweismittel ausgeschlossen, da sie manipuliert worden seien.

Beltrán selbst hatte stets erklärt, nicht den FARC anzugehören. Kontakte zu der Guerilla habe es nur im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeit gegeben. Die Verhaftung des Akademikers 2009 und seine spätere Auslieferung an Kolumbien hatte internationale Proteste ausgelöst. Kolumbianische Medien vergleichen diesen Fall nun mit der Situation von Joaquín Pérez Becerra. Der schwedische Staatsbürger kolumbianischer Herkunft, der die alternative Nachrichtenagentur ANNCOL leitet, war Ende April in Caracas verhaftet und umgehend an Bogotá ausgeliefert worden. Auch der gegen ihn erhobene Vorwurf, der »Internationalen Kommission« der FARC anzugehören, stützt sich auf die Reyes-Computer. Eine in der vergangenen Woche angesetzte Anhörung wurde auf Bitten der Staatsanwaltschaft verschoben und soll nun am 16. Juni stattfinden.

Unklar ist auch, wie die Entwicklung in Kolumbien sich auf den als »Sänger der FARC« bekanntgewordenen Julián Conrado auswirkt. Dieser war in der vergangenen Woche ebenfalls in Venezuela festgenommen worden und soll an Bogotá ausgeliefert werden. Dagegen hat sich in Lateinamerika internationaler Protest erhoben.

Unterdessen führt die kolumbianische Armee ihren Krieg gegen die Guerilla weiter. Wie Staatschef Juan Manuel Santos am Sonnabend erklärte, wurde der als Sicherheitschef des obersten FARC-Comandante Alfonso Cano geltende Alirio Rojas am Freitag bei einem Angriff der Regierungstruppen getötet. Eine von der Guerilla vor wenigen Tagen angebotene Verhandlungslösung hatte Santos hingegen ausgeschlossen.

* Aus: junge Welt, 6. Juni 2011


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