Graues Eldorado

Wegen des hohen Weltmarktpreises für Kohle wird immer tiefer gegraben. Im Norden von Kolumbien boomt der Tagebau. Für die betroffenen Dörfer ist das katastrophal

Von Wolfgang Pomrehn *

Donnernd rattert der Zug mitten durch das nordkolumbianische Städtchen Orihueca. Der Lärm ist unbeschreiblich. 90 Waggons, beladen mit Kohle, manche davon offen, so daß sich der Staub entlang der Gleise verteilen kann. Es geht zur Küste, dort wird das schwarze Gold nach Europa verschifft. Manchmal sind es über 100 Anhänger, die im Halbstundentakt rund um die Uhr in wenigen Metern Abstand an den Häusern vorbeirauschen.

Die Szene stammt aus einem dieser Tage veröffentlichten Dokumentarfilm, den die Arbeitsgruppe Schweiz-Kolumbien in Zusammenarbeit mit der kolumbianischen Organisation Pensamiento i Acción Social (PAS) produziert hat. Der Norden Kolumbiens hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem Eldorado des Kohletagebaus entwickelt. Der hohe Weltmarktpreis macht es möglich. Vielleicht nur 15 bis 20 US-Dollar pro Tonne müssen aufgewendet werden, um die Steinkohle aus der Erde zu holen, schätzt Oliver Krischer. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete ist in den letzten Jahren mehrfach in die Region gereist, um sich vor Ort über die Folgen des Abbaus zu informieren.

Noch in den 1990ern Jahren hätte sich bei diesen Kosten keiner die Mühe gemacht, den fossilen Brennstoff aus der Erde zu holen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Trotz Krise in den alten Industriestaaten stieg dessen Preis im vergangenen Jahr auf durchschnittlich 107 US-Dollar pro Tonne. In den ersten zehn Monaten 2011 mußten nach Angaben des Vereins der Kohleimporteure im Mittel sogar knapp 150 US-Dollar pro Tonne bezahlt werden.

Bei derartigen Gewinnspannen sollte man erwarten, daß auch für die Menschen in der Abbauregion genug abfällt. Doch davon kann nicht die Rede sein, wie Gloria Holguín berichtet. Holguín recherchiert im Auftrag der Schweizer Arbeitsgruppe und von PAS vor Ort die Verhältnisse. Am schlimmsten betroffen sei das Dorf El Hatillo, das von gleich vier Tagebauen umschlossen ist. Bilder, die sie mitgebracht hat und diese Woche auf einer Konferenz über Bergbau in Kolumbien und Peru in Berlin präsentierte, zeigen Abraumhalden, die sich Dutzende Meter hoch am Rand der Siedlung türmen und offensichtlich unbefestigt sind.

Das Ergebnis ist eine hohe Feinstaubbelastung im Dorf. Viele der rund 600 Bewohner klagen über Kopfschmerzen, Atemwegerkrankungen und Hautausschlägen. Mehrere Menschen sind in den letzten Jahren an diesen Erkrankungen bereits gestorben, doch der Nachweis für den Zusammenhang mit den Tagebauen ist nur schwer zu erbringen. Die Krankenhäuser der Umgebung sind von Geldern der Bergbaukonzerne abhängig.

Immerhin sind auch die zuständigen Umweltbehörden inzwischen überzeugt, daß die Zustände untragbar sind, weshalb eine Umsiedlung angeordnet wurde. Das Problem: Das Ersatzland, auf dem ein neues Dorf entstehen könnte, gehört den Konzernen, und diese weigern sich, es freizugeben. So ist die Gemeinde in einer schier ausweglosen Situation: Da die Umsiedlung beschlossene Sache ist, investieren die Behörden keinen Cent mehr in El Hatillo. Selbst die Müllabfuhr wurde eingestellt.

Zur Umweltverschmutzung kommt also die Verwahrlosung, und neben dem Reichtum haust die bittere Armut. Nur fünf Dorfbewohner fanden in den Tagebauen eine Anstellung, und das auch nur in relativ schlecht bezahlten Hilfsjobs. Für die besser entlohnten Arbeitsplätze wie Maschinenführer und Fahrer der riesigen Muldenkipper, jener überdimensionierten Lkw, die Abraum und Kohle im Tagebau transportieren, fehlt ihnen die Qualifikation. Auf der andere Seite haben die Tagebaue aber die Einkommensgrundlagen der Gemeinde zerstört. Land und Wald verschwinden unter den Abraumhalden, die Flüsse werden abgegraben und ihr Wasser verschmutzt.

Doch von Kompensation haben die Dorfbewohner bisher nichts gesehen. Gleiches gilt für die die Anwohner der Bahnstrecke oder die Fischer an der Küste, deren Fanggründe durch neue Hafenanlagen zerstört wurden. Auch dort wird über die Feinstaubbelastung geklagt. Eigentlich, so Gloria Holguín, sollten Muldenkipper und Waggons abgedeckt werden, wenn sie beladen sind, aber oft genug sei das nicht der Fall.

Bleibt die Frage, ob wenigstens genug der Einnahmen in Kolumbien hängenbleiben und dort die Entwicklung des Landes fördern. César Padillo Ormeño, der in Quito, Ecuador, am Observatorio de Conflictos Mineros de América Latina (Beobachtungsstelle für Bergbaukonflikte in Lateinamerika) arbeitet, ist da eher skeptisch. Es gäbe Unternehmen, die jahrelang überhaupt keine Abgaben zahlen. Die Korruption sei hoch, und Transparenz gebe es praktisch nicht. Die internationalen Konzerne seien ganz groß im Kleinrechnen ihrer Gewinne. Entsprechend gering fielen die Steuern aus.

Die kolumbianische Kohle wird meist nach Europa exportiert. Seit zwei Jahren ist das Land einer der wichtigsten Lieferanten Deutschlands. Für Oliver Krischer ist das Grund genug, auf die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards zu drängen. VW habe wegen der Verletzung von Menschenrechten den Kauf kolumbianischer Kohle eingestellt. Das findet Krischer vorbildhaft, berichtet aber, daß die Wolfsburger damit eher die Ausnahme sind. Die meisten Kraftwerks- und Hochofenbetreiber, die er angeschrieben habe, hätten sich für das Thema nicht interessiert.

Das immerhin könnte sich ändern. Die Konferenz in Berlin zeigte, daß sich der Energieversorger EnBW inzwischen mit der Situation in Kolumbien auseinandersetzt und auch der Verein der Kohleimporteure an dem Thema nicht mehr vorbei kann. Öffentlicher Druck zeigt also erste Ergebnisse.

* Aus: junge Welt, 29. Oktober 2011


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