Macht Eure Kriege allein!

Das Jugendnetzwerk Red Juvenil aus Medellín berät Wehrdienstverweigerer. Ihre Zahl steigt in ganz Kolumbien

Von Knut Henkel *

Kriegsdienstverweigerung war über viele Jahre ein Unwort in Kolumbien. Militärdienst war obligatorisch und wer ihn nicht ableistete, hatte Probleme beim Abschluss des Studiums und der Arbeitssuche. Das ist auch heute noch so. Aber mittlerweile kann der Militärdienst aus ethischen, religiösen oder moralischen Gründen verweigert werden. Ein Fortschritt, der vom Jugendnetzwerk aus Medellín mitinitiiert wurde.

Über dem Hauseingang des bunt angemalten Gebäudes in der Calle 47 prangt ein von schmalen Händen zerbrochenes Maschinengewehr. Die zerstörte Waffe hat Symbolcharakter, denn hinter den mit bunten Pflanzen, Gitarren und diversen Tierzeichnungen dekorierten Mauern hat das »Red Juvenil«, das Jugendnetzwerk von Medellín, sein Domizil. Das Zentrum liegt am Rande der Altstadt von Kolumbiens zweitgrößter Metropole und ist Anlaufpunkt für Jugendliche, die mit der Politik der Regierung nicht einverstanden sind. Zu ihnen gehört Shaka, der seit acht Jahren bei der Jugendorganisation ist und mittlerweile zur Leitung gehört. Er tritt für Gewaltfreiheit ein und lehnt den seit mehr als 40 Jahren tobenden Bürgerkrieg in Kolumbien in Bausch und Boden ab.

»Es ist nicht unser Krieg. In den zwanzig Jahren, die das Red Juvenil nun existiert, war der Pazifismus unsere zentrale Antriebsfeder. Wir haben wahrscheinlich als Erste in Kolumbien hinterfragt, warum der Kriegsdienst obligatorisch ist und dann begonnen, uns zu verweigern«, erklärt der junge Mann mit den hochgesteckten Dreadlocks und dem Jamaica-T-Shirt.

Netzwerk gegen die Militarisierung

Folgerichtig ist das Jugendzentrum auch ein Anlaufpunkt für Männer, die Beratung zur Kriegsdienstverweigerung suchen. Deren Zahl steigt und das Jugendnetzwerk hat daran seinen Anteil, denn immer wieder trägt es die Kritik an Militarisierung und Bürgerkrieg auf die Straße: mit einem Straßentheater, das pantomimisch darstellt, wo in Kolumbien der Schuh drückt, mit regelmäßigen Konzerten und dem Festival »Antimili Sonoro«, das einmal im Jahr vor rund 5000 Fans stattfindet, und immer wieder mit eigenen Musik- und Infosendungen, die über das Internet übertragen werden.

1992 verweigerte das erste Mitglied des Red Juvenil. Der junge Mann wurde letztlich von der Armee nicht eingezogen. Dieser Erfolg hat für Zulauf und Ausweitung der Arbeit gesorgt. »Heute beraten wir auch indigene Jugendliche in anderen Landesteilen wie im Cauca und helfen ihnen nach Wegen zu suchen, sich gegen die Zwangsrekrutierung zu wehren«. Die ist in Kolumbien an der Tagesordnung. Greiftrupps der Militärs sind landesweit unterwegs - in aller Regel jedoch eher in den ärmeren Stadtteilen wie der Comuna 13 in Medellín, Sur de Bolívar in Bogotá oder in Vorstädten wie Soacha. »Batidas« heißen diese an Razzien erinnernde Aktionen der Armee. »Wer nicht mit Dokumenten beweisen kann, dass er Familienvater, Student oder Binnenflüchtling ist und den Wehrdienst noch nicht abgeleistet hat, kann von der Straße weg zwangsrekrutiert werden«, erklärt Anwältin Claudia Andrea Montoya vom Red Juvenil. Antimilitaristen mobilisieren gegen das Militär, das manchmal ganze Stadtviertel absperrt, um möglichst viele Jugendliche zu den Militärbasen zu schleppen. »Bei ein paar dieser Batidas ist es uns gelungen, die Jugendlichen wieder freizubekommen, einfach durch unsere Anwesenheit, das Verweisen auf die Gesetze, die eine Zwangsrekrutierung auf offener Straße nicht decken und durch unseren Widerstand«, erklärt Shaka. Doch nicht immer haben die jungen Männer so viel Glück.

Ein Beispiel ist Diego León Duque Morales. Er wurde im September 2010 zwangsrekrutiert und wurde bis in den Sommer 2011 gegen seinen Willen von der Armee festgehalten. Es gibt zahlreiche derartige Fälle in Kolumbien, die wenigsten werden publik. Der Grund ist einfach: Die Jugendlichen wissen oft nicht, dass die Zwangsrekrutierung gesetzeswidrig ist und lassen deshalb den Militärdienst - mit all den Risiken - über sich ergehen, erklären die Anwälte von der Corporación Jurídica Libertad, einer angesehenen Menschenrechtskanzlei in Kolumbien. Die Anwälte waren auch mit dem Fall von Diego León Duque Morales betraut, haben Presseerklärungen verschickt und Eingaben an staatliche Stellen eingereicht. Ein zäher Kampf für die Grundrechte der Jugendlichen und der »ältesten Demokratie Lateinamerikas« - als die sich Kolumbien gern bezeichnet - nicht würdig. Aber zur Frage der Kriegsdienstverweigerung will man sich auch in Bogotá, im Hauptquartier des Heeres, nicht äußern.

Das Grundrecht auf Verweigerung

Wie viele Jugendliche sich auf ihr Recht zu Verweigern berufen, gibt der verantwortliche Coronel Fernando Avila nicht preis. Trotz mehrmaliger Anfrage reagierte er nicht, was den Eindruck verstärkt, dass die Armee von dem Urteil der Verfassungsrichter vom Oktober 2009 nicht gerade begeistert ist. Die befanden, dass die Verweigerung des Militärdienstes aus ethischen, moralischen und religiösen Gewissensgründen ein Grundrecht ist. Geklagt hatte Red Juvenil gemeinsam mit der landesweit agierenden Kriegsdienstverweigerungsinitiative ACOOC und Menschenrechtsanwälten. Für die Militärs ein Dämpfer, aber nachdem anfangs die Batidas reduziert wurden, gehören sie nun wieder zum Alltag. Detaillierte rechtliche Vorgaben, wie das Urteil der Richter umgesetzt werden soll, fehlen. »Jeder einzelne Verweigerer muss sich durch die Instanzen klagen«, erklärt Enrique, der ebenfalls zum Vorstand des Jugendnetzwerks gehört. Allerdings geben die Offiziere auch schon mal klein bei. Auch Enrique hat sich schon an Aktionen gegen die Rekrutierung beteiligt. »Uns gelingt es immer öfter, die Jugendlichen wieder vom Lastwagen runterzuholen«, erklärt er mit stolzer Stimme.

Ein wichtiges Argument ist die Ungleichbehandlung der Jugendlichen. »Die Familien mit Geld können sich vom Militärdienst freikaufen«, so Enrique. »Je nach Einkommensschicht werden zwischen 300 000 Pesos und drei Millionen Pesos fällig.« Umgerechnet sind das 120 bis 1200 Euro. Ein zu hoher Betrag für das Gros der kolumbianischen Jugend, um sich dem Militärdienst zu entziehen. Alles andere wäre für ein Land im Bürgerkrieg und mit einem stehenden Heer von mehr als 430 000 Mann in der Logik der Herrschenden eine Katastrophe. Stetiger Nachschub ist nötig und deshalb sind die Militärkontrollen an großen U-Bahn-Stationen, Busterminals oder öffentlichen Plätzen landesweit üblich. Wer keine »libreta militar«, das Militärbuch, mit allen nötigen Stempeln vorweisen kann, hat Pech gehabt.

Der Nachweis ist auch vonnöten, um beruflich voranzukommen. So wird das Abschlusszeugnis an der Universität ohne Wehrdienstbescheinigung nicht ausgestellt und bei öffentlichen Arbeitgebern hat man ohne die »libreta militar« ebenfalls keine Chance. »Das ist zwar ein Verstoß gegen geltendes Recht, aber in Kolumbien gang und gäbe. Allerdings ist es ohnehin kaum möglich ohne Beziehungen einen Job zu bekommen und so spielt die libreta auch keine große Rolle mehr«, erklärt Enrique.

Er ist der Aufforderung der Armee zur Musterung einfach nicht nachgekommen. Mit nun 27 Jahren ist er aus dem Rekrutierungsalter heraus. »Jetzt lassen sie mich in Ruhe«, sagt der klein gewachsene Kolumbianer mit dem pechschwarzen langen Haarschopf lachend. Das erleichtert seine Arbeit, die er nun ohne drohende Unterbrechung ausüben kann. Enrique ist in der Jugend- und Erwachsenenbildung des Red Juvenil tätig. In mehreren Stadtteilen der Drei-Millionen-Metropole bieten Aktivisten des Jugendzentrums Kurse an. »Es geht uns darum, Respekt für das Leben zu vermitteln. Das ist die Grundlage für eine andere Gesellschaft.« Bisher bieten sie vier Fächer an: Kunst im Widerstand, Wirtschaft und Ökonomie, Kommunikation sowie Philosophie, erklärt Shaka.

Dazu passt, dass das Jugendnetzwerk auch Friedensgemeinden wie die von San José de Apartadó unterstützt. »Unsere zentrale Frage ist: Wie können wir die Logik des Krieges überwinden? Das ist hier in Medellín nicht anders als in San José«, bekräftigt Enrique und steht auf. Für ihn ist es Zeit, in den Stadtteil Comuna 13 zu fahren, um einen Kurs in einem örtlichen Zentrum zu geben. Ein weiterer Schritt weg vom Krieg.

* Aus: neues deutschland, 8. Dezember 2011


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