Kolumbianische Friedensgespräche gescheitert

Interview mit ELn-Vertreter

Nachfolgendes Interview haben wir der jungen welt entnommen. Es erschien am 1. August 2000.

Warum sind die Gespräche mit der ELN gescheitert?
jW sprach mit Antonio Garcia vom Oberkommando der kolumbianischen Guerilla-Organisation

F: Am vergangenen Freitag sind die letzten Friedensgespräche zwischen dem Nationalen Befreiungsheer (ELN) und der Regierung Pastrana in Genf ohne Ergebnis zu Ende gegangen. Woran lag es?

In der Schweiz trafen sich diese Parteien nicht zu Verhandlungen um feste Ziele, es war mehr ein Sondierungsgespräch unter Beteiligung der Zivilgesellschaft. Dieser Schritt war um so nötiger, da die vergangenen fünf Regierungen keine zielgerichteten und nachhaltigen Friedenspläne zustande gebracht haben. Ihre Friedenspolitik bestand in Improvisation. Gerade darum versuchen wir, Verbindlichkeit dadurch zu erreichen, daß möglichst viele Sektoren der Gesellschaft an den Verhandlungen beteiligt werden. Am Ende haben fast 90 Repräsentanten an den Genfer Gesprächen teilgenommen.

F: Eines der Hauptziele der ELN ist eine entmilitarisierte Zone, wie sie für die zweite Guerillaorganisation FARC bereits seit geraumer Zeit besteht. Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Es war immer unsere Ansicht, daß vor einem Dialog mit dem gemeinsamen Ziel einer Gesellschaft im Frieden eine solche entmilitarisierte Zone stehen muß. Im Bemühen um diesen Frieden haben wir Treffen mit verschiedenen Sektoren der Gesellschaft angesetzt. Zugleich sind wir mit der Regierung in Verbindung getreten. Um diese Gespräche erfolgreich durchzuführen, ist eine entsprechende Atmosphäre nötig, die unseres Erachtens nach nur in einer entmilitarisierten Zone vorhanden wäre. Mit der Regierung wurden bereits Abkommen, sowohl über die Lage als auch über die Ausdehnung dieser Zone, geschlossen. Das Problem war, daß die Regierung unter Andrés Pastrana mit der Ratifizierung dieses Abkommens zögerte, so daß den reaktionären Kräften die Chance gegeben wurde, dagegen zu mobilisieren. Wir hoffen also, daß von den Genfer Gesprächen neue Impulse für diesen Prozeß ausgehen.

F: Der von der Regierung vorgestellte Kolumbien-Plan wird von der Zivilgesellschaft und der Guerilla in Kolumbien heftig kritisiert. Spielte er auch bei den Gesprächen in Genf eine Rolle?

Der Kolumbien-Plan steht in seiner derzeitigen Form dem Interesse der Mehrheit der kolumbianischen Bevölkerung an einem dauerhaften Frieden entgegen. Das ist nicht ausschließlich unsere Meinung. Alle an den vergangenen Gesprächen beteiligten Bereiche der Gesellschaft sehen in diesem, maßgeblich von den USA erarbeiteten Plan nur ein Ziel: die Qualität und die Quantität der Bewaffnung zu steigern. Damit würde unter dem Vorwand, den Drogenhandel zu bekämpfen, Öl ins Feuer des Konfliktes in Kolumbien gegossen.

F: Zeitgleich zu den Genfer Gesprächen führten Paramilitärs eine Offensive gegen die ELN durch. Ihre Organisation beschuldigt die Regierung der Zusammenarbeit mit den paramilitärischen Verbänden. Belastet das die Gespräche?

Es hat sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, daß die grausamsten Massaker in den Gebieten stattfanden, die am stärksten militarisiert sind. Bei den letzten bewaffneten Zusammenstößen mit Paramilitärs trafen wir gleichzeitig auch mit Militäreinheiten zusammen. Paramilitärs und Armee sind für uns die gleiche Kraft. Für die Dialoge mit der Regierung ist das natürlich belastend. Die Angriffe von Armee und Paramilitärs richten sich schließlich ja nicht nur gegen die bewaffneten Kräfte, sondern vor allem gegen die arme Bevölkerung. Die Reichen bleiben von diesem Terror verschont. Die Armen verstehen das und beginnen sich zu wehren. So beginnt die Eskalation.

F: Wie kann der Dialog also fortgeführt werden?

Der Dialog um einen dauerhaften Frieden unter aktiver Beteiligung der Zivilgesellschaft kann nur in einer entmilitarisierten Zone durchgeführt werden. Alle beteiligten Seiten müssen in diesen Gesprächen ihre Bereitschaft beweisen, einen gesellschaftliche Wandel möglich zu machen. Diese Entwicklung, an deren Ende der Frieden steht, ist aber ist aber sicherlich nicht kurzfristig realisierbar.

Interview: Harald Neuber


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