FARC-Massaker unter Indigenas

Guerilla soll für den Tod von mindestens 17 Angehörigen der Awa verantwortlich sein

Von Tommy Ramm, Bogotá *

Durch die Freilassung einer Reihe von Geiseln wollten die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) ihren internationalen Ruf aufbessern. Doch fast zur gleichen Zeit richteten die Rebellen ein Massaker unter Indigenas an.

Indigena-Gemeinden in Kolumbien sind abermals zur blutigen Arena des seit Jahrzehnten andauernden bewaffneten Konflikts geworden. Am 4. Februar richteten Rebellen der FARC ein Massaker unter Awa-Indigenas an. Der linke Gouverneur der Provinz Nariño, Antonio Navarro Wolff, äußerte unter Bezug auf Zeugenaussagen: »Ich bin absolut sicher, dass die Täter unter den FARC zu suchen sind.«

Den Berichten zufolge hatte eine Rebelleneinheit Siedlungen der Indigenas nahe der Pazifikküste besetzt und dort 17 Bewohner getötet. Zuvor sollen die Opfer gefoltert worden sein. Die Rebellen hätten die Indigenas der Kollaboration mit der Armee bezichtigt. Drei Tage zuvor soll eine Armeeeinheit durch die Gegend gezogen sein.

Kurz nachdem das Massaker bekannt geworden war, vermeldeten örtliche Behörden und Indigenaverbände, zehn weitere Awa-Indigenas, die geflüchtet waren, seien von den Rebellen gefangen und ebenfalls umgebracht worden. Die Opfer wurden jedoch noch nicht geborgen.

»Die FARC werden international wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen, Genozids und dieser Art von Barbarei angeklagt werden«, versicherte Luis Evelis Andrade, Präsident des Indigenaverbandes ONIC, der die andauernden Übergriffe gegen Indigena-Gemeinden beklagte.

Bereits 2007 richteten Menschenrechtsbeobachter Warnungen an die Regierung: Mehr als 60 000 Zivilisten sähen sich inmitten verminten Landes durch Gefechte zwischen den rivalisierenden Gruppen – Rebellen, Paramilitärs, Drogenhändlern – bedroht. Der Staat zeigte indes wenig Verständnis, auch nach dem jüngsten Massaker. »Ich glaube, die Awa-Indigenas sind nicht zur Zusammenarbeit zwecks Bergung der Toten bereit«, äußerte Verteidigungsminister Juan Manuel Santos, der Armeeeinheiten in die Region entsandte. Sollten die Indigenas nicht kooperativ sein, sagte Santos, könnten die Soldaten deren Rechte jedoch nicht schützen. Tatsache ist: Seit Jahren kämpfen die Indigenas darum, dass keinerlei bewaffnete Kräfte ihr Gebiet betreten – auch die Armee nicht.

Unterdessen forderte die Gruppe »Kolumbianer für den Frieden«, die Kontakt zu den FARC unterhält und die jüngsten Geisel-Freilassungen erwirkte, von den Rebellen Aufklärung über die »beschämende Tat«. »Die ist weit davon entfernt, Wege zum Frieden zu bauen«, erklärte Luis Eladio Pérez, Mitglied der Gruppe. Die Tat bestätige den »terroristischen Geist, der die FARC beseelt.«

Präsident Alvaro Uribe nutzte die Gunst der Stunde, um zu bekräftigen: Einen Dialog gebe es erst, wenn die Rebellen alle Geiseln frei lassen und der Gewalt abschwören.

* Aus: Neues Deutschland, 16. Februar 2009


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