Die Erben Bolívars hoffen auf Frieden

Kolumbien – ein unbekanntes Land / Ein Entführungsfall bewegt Lateinamerika

Von Peter Kirschey*

In drei Wochen von der Karibikküste Kolumbiens über die Hauptstadt Bogotá in den Höhen der Anden bis zum Amazonas im Dreiländerdreieck Kolumbien, Peru, Brasilien. Die Lebensfreude der Küstenbewohner, der brodelnde Vulkan Hauptstadt und die Stille des Urwaldes am Amazonas – drei Abstecher in eine andere Welt. Namen wie Simón Bolívar, der Befreier, Pablo Escobar, der erschossene Drogenboss, Gabriel García Márquez, der Literaturnobelpreisträger oder Juan Pablo Montoya, der Rennfahrer stehen für Kolumbien und die Kolumbianer in Geschichte und Gegenwart. Ist das da der ahnungslose Santiago Nazar, der nur noch wenige Stunden zu leben hat, sind das die Brüder Pedro und Pablo Vicario, die vor der Bodega im Straßenstaub ihren Rausch ausschlafen und ihn noch an diesem Morgen wie ein Schwein abstechen werden, oder läuft dort über die Plaza Santander die wunderschöne Angela Vicario, der die Ehre genommen wurde und deswegen nun Santiago Nazar sterben muss?

Die Figuren von Gabriel García Márquez in seiner »Chronik eines angekündigten Todes« werden in den engen Gassen von Cartagena de Indias lebendig, wie auch der Meister selbst. Jeder zweite ältere Herr könnte ein Márquez sein. Das Anwesen des wie ein Halbgott verehrten Literaturnobelpreisträgers, gleich hinter den Stadtwällen, die einst von Piraten belagert wurden, regt weniger die Fantasie an. Kein Lebenszeichen hinter Fünf-Meter-Mauern an der Laguna de Chambacú. Kein Márquez – nicht einmal ein alter Mann im Schlafanzug.

In Cartagena de Indias, der wohl schönsten Stadt Lateinamerikas, ist das Mittelalter konserviert. Bevor Bogotá von den spanischen Eroberern höchst widerwillig zur Kenntnis genommen wurde, war Cartagena wirtschaftliches und politisches Zentrum der Region. Von hier aus nahm geraubtes indianisches Gold seinen Weg nach Spanien, die Stadt weckte Begehrlichkeiten der Eroberer und Freibeuter.

Hier treiben heute die Nachfahren der spanischen Kolonisatoren, schwarzen Sklaven und indianischen Ureinwohner bei ewiger Hitze in der jetzigen Hauptsaison die Lebensfreude zum Exzess, hier wird gefeiert bis spät in die Nacht, kolumbianische Schönheiten zucken unter Salsa-Rhythmen auf Parks und zwischen den Häuserfronten, monströse Ärsche, die einen Vulkan zur Räson bringen können, füllen die Gassen fast vollständig aus, man rennt halb nackt, aufreizend und ohne textile Regeln. Wenn es dunkel wird, kocht das Temperament über.

Hier endeten einst die hochfliegenden Pläne Simón Bolívars von einem geeinten Kontinent. Er starb 1830 am Stadtrand, einsam und von den Kampfgefährten als Verräter und Diktator gebrandmarkt. Die Quinta de San Pedro, mit dem Mausoleum des Befreiers (Libertadors), lockt kaum Besucher an. Die Kolumbianer verweigern sich einer ernsthaften Geschichtsforschung. Ihnen ist der Held lieber. Und so hat jede Stadt und jedes Dorf einen Bolívar-Platz samt Bolívar-Monument. Über Politik spricht der Kolumbianer nicht allzu gern, schon gar nicht mit einem Ausländer. Man will nicht hineingezogen werden in Dinge, die Gefahren bringen. Helden der Geschichte mutierten zu Diktatoren, Befreier wurden zu Unterdrückern – ein altes lateinamerikanisches Spiel. Und immer wenn die Bevölkerung sich engagierte, endete der Volkszorn in einem Bürgerkrieg. So während der Zeit der Violencia von 1948 bis 1953, die nach Schätzungen 300000 Menschen das Leben kostete. Frieden ist zu keiner Zeit – seit Bolívar – eingezogen. Nicht Krieg und nicht Frieden scheint das Schicksal der Kolumbianer zu sein. Das hat sie vorsichtig gemacht.

Paramilitärs gegen Indios, Regierung gegen Guerilla, Drogenmafia gegen den Rest der Welt und mitunter alle gegen die rechtlosen Landarbeiter. 200000 Opfer hat der bewaffnete Konflikt in den letzten Jahren gefordert. Kolumbien ist das Land mit der höchsten Entführungs- und Mordrate auf der Welt. Die wenigen Ausländer erleben ein anderes, liebenswürdiges Kolumbien. An der Nationaluniversität von Bogotá wird politisches Engagement zur Schau gestellt und der zentrale Platz auf dem weiträumigen Gelände trägt den Namen von Che. Auf dem Nationalfriedhof heimliches Engagement: Die Grabstätten getöteter Guerilleros tragen die meisten Blumen – neben dem Stein eines deutschstämmigen Bierbrauers, von dem man sich noch im Grabe erhofft, dass er die Geheimnisse seines Erfolges preisgibt.

Auch über die spektakuläre Entführung des »Außenministers« der kolumbianischen Rebellenbewegung FARC, Rodrigo Granda, reden die Kolumbianer nur hinter vorgehaltener Hand. Niemand weiß, wer zuhört, und durch eine Denunziation könnte man ganz schnell in die Fänge der berüchtigten »gesichtslosen Justiz« geraten. Die Institution, die neben der regulären Justiz existiert, eingerichtet zur Drogen- und Terrorismusbekämpfung, arbeitet anonym, die Richter bleiben unerkannt, nachdem ein Teil der Richterschaft von der Drogenmafia ausgerottet wurde. Die Öffentlichkeit ist bei diesen Verfahren ausgeschlossen, nicht selten ist Folter im Spiel, um Aussagen zu erpressen. Wie sie urteilen und welche Beweise vorliegen, bleibt im Dunkeln. Der Fall Granda schien sich zu einem internationalen Konflikt auszuwachsen, bei dem der brasilianische Staatspräsident Lula seine Vermittlungsdienste angeboten und Fidel Castro vermittelt hat. Der Guerilla-Führer lebte in der venezolanischen Grenzstadt Cúcuta, als er unter mysteriösen Umständen im Dezember von einem Kommando entführt und nach Kolumbien verschleppt worden war. Venezuelas Staatspräsident Hugo Chávez nannte es eine gesetzeswidrige Militäraktion von kolumbianischen Kopfgeldjägern auf Befehl und im Sold der CIA. Kolumbiens Staatspräsident Álvaro Uribe dementierte und beschuldigte Venezuela der Unterstützung der Rebellen. Auch das US-Außenministerium dementierte. Inzwischen haben beide Seiten den Konflikt offiziell für beendet erklärt.

Die Leute in Bogotá glauben niemandem, weder den blumenreichen Erklärungen der eigenen Regierung noch den wütenden Attacken des venezolanischen Nachbarn – nur dass hinter allem die US-Amerikaner stecken, darin sind sich so ziemlich alle einig. Die Abneigung der Kolumbianer gegen die Gringos sitzt tief. Schließlich war die Abspaltung Panamas 1903 ein klassisches Gangsterstück der Nordamerikaner, um sich des Panamakanals zu bemächtigen.

Bogotá, die Acht-Millionen-Metropole Kolumbiens, ist hektisch und undiszipliniert, wie kaum eine andere Stadt auf der Welt. Sie quillt über mit Straßenhändlern, Bettlern und Abenteurern. Alle, die in den ländlichen Regionen keine Chance haben, vertrieben wurden, suchen ihr Glück in den Großstädten und landen in den Elendsviertel am Rand. Am Tage strömen sie ins Zentrum. Entlang der Avenida Caracas und der wichtigsten Geschäftsstraße »Séptima« gehen die Straßen nummeriert wie Fischgräten ab, aufsteigend nach Norden mit zunehmendem Wohlstand, ab Straße 100 lebt es sich geordnet-bürgerlich, in Richtung Süden wird es elend und für den Ausländer gefährlich. Selbst Armee und Polizei, sonst allgegenwärtig präsent, meiden die südlichen Regionen unterhalb des alten Stadtzentrum um das bezaubernde Viertel Candelaria mit seinen herrlich bunt bemalten Häusern. Kontrollen von Bewaffneten im Kampfanzug und Leibesvisitationen sind alltäglich, man nimmt sie zur eigenen Sicherheit jedoch hin. Auch die im Gesicht kriegsbemalten Soldaten auf dem Flughafen El Dorado, die von Zeit zu Zeit mit MP im Anschlag ein Transparent ausrollen, dass alles nur für die Sicherheit der Passagiere geschieht, sind gewöhnungsbedürftig.

Gegen den alltäglichen Verkehrswahnsinn hat die Stadt ein Wundermittel hervorgezaubert: »TransMilenio«. Die Nord-Süd-Busverbindungen mit eigenen Bahnhöfen und Fahrspuren auf der Mitte der Straße sind fast immer zum Quetschen gefüllt, lindern aber kaum den täglichen Blech-Kollaps. Der Kleinbus als Hauptverkehrsmittel hält auf Zuruf und nicht an der Haltestelle.

Die Schönheit Bogotás erlebt man, wenn die Millionen Lichter der Stadt aufblitzen und man vom Berg Monseratte und der gleichnamigen Wallfahrtskirche von 3190 Metern Höhe auf das dampfende Häusermeer schaut – ein Anblick, den man kaum vergessen wird.

Leticia mit 27000 Einwohnern am Amazonas, inmitten des Dschungels, ist ein Zipfel Kolumbiens, der nur aus der Luft zu erreichen ist. Der Ort geht nahtlos über in die brasilianische Partnerstadt Tabatinga. Grenzen sind fließend. Das Haus steht auf kolumbianischer Seite, der weiße Plastestuhl des Besitzers auf brasilianischer. Mit Leticia hat Kolumbien einen Zugang zum Amazonas, 1932 blutig abgetrotzt von Peru. Auch hier hatten die US-Amerikaner die Hand im Spiel – teile und herrsche. Wie soll man den Fluss beschreiben, der unbeschreiblich ist in seiner erhabenen, unendlichen Größe und Gewalt, mit seinen Verzweigungen und Lagunen, Inseln und Buchten?

Mit jedem Fluss-Kilometer aufwärts entschwindet die menschliche Zivilisation. Hier lebt der Stamm der Ticuna-Indianer noch im Einklang mit der Natur und von dem, was Dschungel und Fluss zu bieten haben. Und wenn um 18 Uhr die Sonne am peruanischen Ufer des Amazonas untergeht und die rosa Süßwasserdelfine ihre Freudensprünge machen, dann sind das Momente, die denen im Paradies sehr nahe sein müssen. Hier ist die Welt noch in Ordnung und der Dschungel noch Dschungel – zumindest so lange, bis irgend ein Konzerngigant seine Fühler ausstreckt. Man muss ein wenig verrückt sein, einen guten Dolmetscher an seiner Seite und die Warnhinweise des Auswärtigen Amtes im Hinterkopf haben, dann wird man ein faszinierendes Land erleben, fernab neuzeitlicher Tourismuskultur, und dann zur Erkenntnis gelangen: Kolumbien ist viel besser als sein Ruf.

*Aus: Neues Deutschland, 4. Februar 2005


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