Warten ohne Ende

In Kolumbien will Guerilla zwei gefangene Soldaten an das Rote Kreuz übergeben, ohne ihre Kämpfer in Gefahr zu bringen

Von André Scheer *

Ein Ende des seit mehr als ein halbes Jahrhundert andauernden Bürgerkriegs in Kolum­bien ist nicht in Sicht. Doch zumindest für zwei Soldaten könnte der Krieg in den nächsten Tagen vorbei sein. Daniel Josué Calvo wurde im vergangenen April von Kämpfern der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) gefangen genommen. Pablo Emilio Moncayo befindet sich bereits seit Dezember 1997, also seit über zwölf Jahren, in den Händen der 1964 gegründeten Guerilla.

FARC sind vorsichtig

Die beiden jungen Männer und deren Angehörige warten nun auf ihre Freilassung, die in den nächsten Tagen erfolgen soll. Gegenüber jW sagte Moncayos Schwester Yury Tatiana: »Wir sind voller Angst und auch etwas besorgt, weil die Dinge nicht vorangehen«. Bereits im vergangenen April hatten die FARC angekündigt, Moncayo ohne Gegenleistung freilassen zu wollen. Im Sommer teilten sie außerdem mit, daß sie auch Calvo aus der Gefangenschaft entlassen würden. Ihre einzige Bedingung war, daß die Regierung in Bogotá die notwendigen Sicherheitsgarantien abgeben müsse und die liberale Senatorin Piedad Córdoba selbst an der Übergabe beteiligt sein müsse. Die Vorsicht der Guerilla hat Gründe, denn im Juli 2008 hatte die kolumbianische Armee die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt befreit und dabei die Symbole des Internationalen Roten Kreuzes und des lateinamerikanischen Nachrichtensenders TeleSur mißbraucht. Um nicht wieder in eine Falle zu geraten, wollen sich die FARC-Kämpfer nun genau absichern. Die Regierung hingegen hat die Abgabe der geforderten Sicherheitsgarantien monatelang verschleppt und wollte sogar Córdoba aus dem Prozeß der Freilassung ausschließen. Staatschef Álvaro Uribe drohte wiederholt Militäroperationen an, um die Gefangenen gewaltsam zu befreien.

Damit stieß er auf den wütenden Protest von Pablo Emilos Vater, des Lehrers Gustavo Moncayo. Dieser warnte, daß solche Operationen das Leben seines Sohnes und der anderen Gefangenen in Gefahr brächten. Die Stimme von Gustavo Moncayo hat Gewicht, seit er sich mit aufsehenerregenden Aktionen für die Freiheit seines Sohnes und einen humanitären Gefangenenaustausch zwischen Regierung und Guerrilla einsetzt, der auch die mehreren hundert politischen Gefangenen in den kolumbianischen Gefängnissen einschließt. Während der bis Februar 2002 laufenden Verhandlungen zwischen den FARC und der Regierung in San Vicente del Caguán reiste er mehr als ein Dutzend Mal an den abgelegenen Ort, um sich für die Freiheit seines Sohnes einzusetzen. Die Guerilla ließ 370 Soldaten frei, Pablo Emilio Moncayo war nicht darunter. Der Vater ließ sich Ketten anlegen und schwor, sie erst abzulegen, wenn sein Sohn frei wäre. Zu Fuß machte er sich allein, nur in Begleitung seiner Tochter, auf den über 500 Kilometer weiten Weg von seinem Heimatort Sandoná im Südwesten Kolumbiens in die Hauptstadt Bogotá. Die Zeitungen meldeten seinen Aufbruch, die Reise sprach sich herum, und nach und nach begannen sich immer mehr Menschen den beiden anzuschließen, eine Lawine für den Frieden. Diese zwang sogar Uribe, den Friedenswanderer kurz zu empfangen, doch Fortschritte brachte das nicht.

Der Friedenswanderer

Moncayo mußte seinen Beruf als Lehrer aufgeben und eine Hypothek auf sein Haus aufnehmen, um den Kampf für die Freiheit seines Sohnes fortsetzen zu können. Doch er gab nicht auf. Seine Wanderungen führten ihn von Bogotá nach Caracas, wo ihn Präsident Chávez empfing, der sich als Vermittler in Kolumbien engagiert hatte, bis ihm Uribe dies verbot. Moncayo reiste nach Europa, besuchte den Papst und zahlreiche Parlamentsabgeordnete, sprach mit Journalisten und richtete immer wieder Aufrufe an Regierung und Guerilla.

Sein jüngster Versuch, den Kampf um eine friedliche Lösung in Kolum­bien als Parlamentsgabgeordneter fortzusetzen, ist gescheitert. Das Linksbündnis Demokratischer Alternativer Pol (PDA), für das Moncayo bei der Parlamentswahl am 14. März antrat, erreichte nicht genügend Stimmen, um den Lehrer zum Abgeordneten zu machen. Doch es wird ihm egal sein, wenn sein Sohn endlich frei kommt. Die Regierung hat mit dem Roten Kreuz ein Sicherheitsprotokoll vereinbart, das von Piedad Córdoba nun an die FARC weitergeleitet wurde. Nun wartet ganz Kolumbien auf die Antwort der Guerrilla, damit die Hubschrauber der brasilianischen Regierung an den Ort irgendwo in Kolumbien aufbrechen können, an dem sich die Guerilleros mit ihren beiden Gefangenen bereits aufhalten sollen.

* Aus: junge Welt, 24. März 2010


Zurück zur Kolumbien-Seite

Zurück zur Homepage