Im Kreuzfeuer

Kolumbien: FARC-Geiseln sterben bei mutmaßlichem Angriff auf Rebellenlager. Guerilla und Regierung in der Kritik

Von Harald Neuber, Caracas *

Bei einem Angriff auf ein Feldlager der Guerilla in Kolumbien sind elf gefangene Zivilisten getötet worden. Wie das »Gemeinsame Kommando Ost« der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens mitteilte, wurde das Camp bereits am 18. Juni von einer »nicht identifizierten militärischen Gruppe« angegriffen. Die Gefangenen seien bei dem Feuergefecht ums Leben gekommen. Bei den Todesopfern handelt es sich um kommunale Abgeordnete des Departementos Valle del Cauca im Südwesten des Landes. Sie waren von der FARC-Guerilla am 11. April 2002 in einer großangelegten Aktion in ihre Gewalt gebracht worden. Den Angriff auf das Lager überlebte nur einer der Politiker. Sigifredo López habe sich zum Zeitpunkt dert Attacke nicht in dem Camp aufgehalten, heißt es in dem nun veröffentlichten Kommuniqué des FARC-Kommandos vom 23. Juni.

Die FARC-Guerilla hielt zuletzt 56 Geiseln fest. Neben Polizisten und Militärs, die bei Kampfhandlungen gefangengenommen wurden, halten die Rebellen auch Politiker fest, darunter immer noch die kolumbianisch-französische Politikerin und ehemalige Präsidentschaftskandisatin Ingrid Bétancourt.

Aufständische und Regierung schieben sich nach dem Tod der elf Abgeordneten nun gegenseitig die Schuld zu. Die »wahnsinnige Sturheit« des Präsidenten Alvaro Uribe Vélez und »das Beharren auf eine militärische Befreiung fernab jeder Rücksichtnahme« hätten zu der »Tragödie« geführt, heißt es in der Erklärung der Rebellen. Für sie habe die »physische Unversehrtheit« der Gefangenen von Beginn der Operation an höchste Priorität besessen. Den Angehörigen sprachen sie ihr »tiefes Bedauern« aus.

Präsident Uribe rief sein Kabinett und die Militärführung zu einem Krisenstab zusammen. In einem Kommuniqué beschuldigte er die FARC als »terroristische Gruppe« und »kriminelle Organisation«, die Abgeordneten »niederträchtig ermordet« zu haben.

Bislang weist die Regierung jede Verantwortung für den Tod der Politiker von sich. Nach Uribes Angaben sei keine Aktion zur Befreiung der Gefangenen angeordnet gewesen. Man habe auch keine Kenntnisse über den genauen Aufenthaltsort ihrer Gruppe gehabt, zu dem sich auch die FARC in Schweigen hüllen. Nach Angeben der Guerilla hatten »in den vergangenen Wochen große Operationen der Armee gemeinsam mit Paramilitärs stattgefunden, die mehrfach zu Gefechten geführt haben«. Außerdem seien ausländische Söldner präsent gewesen.

Obwohl die genauen Hintergründe der Geschehnisse noch unklar sind, gerät die Regierung in die Kritik. Staatschef Uribe beharrt entgegen den Forderungen von Angehörigen der Gefangenen auf einer militärischen Befreiung. Eine entsprechende Order hatte er erst Ende vergangener Woche bekräftigt. Der französische Außenminister kritisierte diese Linie nach dem Tod der FARC-Gefangenen. Der »Gebrauch von Gewalt zur Befreiung der Geiseln sollte verboten sein«, sagte Bernard Kouchner in Paris. Fabiola Perdomo, die Witwe des getöteten Abgeordneten Juan Carlos Narváez, erhob hingegen Vorwürfe gegen die FARC-Guerilla und die Regierung: »Beider Unnachgiebigkeit, ihre Radikalisierung und ihr Haß haben unsere Träume zerstört«. Nach der jüngsten Eskalation des Konflikts zwischen Regierung und Rebellen rückt der in den vergangenen Wochen angestrebte Gefangenaustausch in weite Ferne.

* Aus: junge Welt, 30. Juni 2007


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