Antimilitaristinnen trotzen Repression

Im Bürgerkriegsland Kolumbien bemühen sich vor allem Frauen, den Konflikt einzudämmen

Von Toni Wundrich *

In Kolumbien berieten rund 2500 Frauen vom 16. bis 23. August über Möglichkeiten, der Militarisierung Lateinamerikas Einhalt zu gebieten.

Álvaro Uribe hat weit mehr als Spuren hinterlassen. Kolumbiens Präsident ist er seit 7. August zwar nicht mehr, dennoch diskutiert nahezu das ganze Land über das im Oktober 2009 von ihm unterzeichnete Militärabkommen mit den USA. Schließlich hat das Verfassungsgericht eine Nachbesserung angemahnt, wenngleich den Vertrag nicht grundsätzlich für verfassungswidrig erklärt. Nichtsdestotrotz hat es die antimilitaristische Bewegung von unten schwierig. Die Militarisierung in dem südamerikanischen Land wird seit Langem im Einverständnis zwischen transnationalen Unternehmen und den kolumbianischen Eliten vorangetrieben. Dass das mit einer Terrorisierung der Bevölkerung einhergeht, wird von den »Bündnispartnern« in Kauf genommen, denn die Strategie dient der gewaltsamen Umverteilung von unten nach oben.

Protest vor der Militärbasis

Trotz des einschüchternden Szenarios ist die antimilitaristische Bewegung freilich alles andere als untätig. Vom 16. bis zum 23. August fand kolumbienweit das internationale »Treffen der Frauen und Völker Amerikas gegen die Militarisierung« statt, das vor der Militärbasis Palanquero mit einer Kundgebung endete. Unter dem Motto »Mein Körper ist mein Haus, mein Haus ist mein Territorium und ich gebe die Schlüssel nicht her« trafen sich 2500 Menschen aus einem breiten Spektrum linker, feministischer und sozialer Bewegungen aus Kolumbien sowie über 100 internationale Delegierte. Besondere Aufmerksamkeit kam dabei der strukturellen Diskriminierung der Frauen zu. »Die Militarisierung der ganzen Gesellschaft steht in einem direkten Zusammenhang mit Vergewaltigungen, Misshandlungen und ungewollten Schwangerschaften sehr junger Frauen«, stellt Yolanda Becerra, Präsidentin der Populären Feministischen Organisation OFP, klar. Das Zusammenspiel zwischen Imperialismus, Militarisierung und der Verletzung von Frauen- und Menschenrechten konnte auch praktisch erfahren werden: Im ersten Teil des Treffens besuchten die über 100 Mitglieder internationaler Delegationen Gemeinden und Projekte in 13 verschiedenen Orten in ganz Kolumbien.

Friedensgemeinden wehren sich

In Apartadó in der Provinz Antioquia beispielsweise, existieren seit 1997 die Friedensgemeinden San José, La Esperanza und La Union, in denen zusammen über 1000 Menschen leben. Die Gemeinden entschieden sich dazu, in ihren Regionen zu bleiben und ein Leben inmitten einer Kampfzone verschiedener bewaffneter Akteure in Kauf zu nehmen. »Jede Kooperation mit den verschiedenen bewaffneten Gruppen wird von uns kategorisch abgelehnt«, so eine Bewohnerin. Diese Entscheidung hat die Gemeinden Hunderte von Leben gekostet, da sie in einer geostrategisch wichtigen Region leben und alle bewaffneten Parteien die Anerkennung ihrer Anwesenheit vor Ort einfordern.

Auch in Cerro Azul, einer Gemeinde in den Bergen des Departamento Sur de Bolívar, ist die Militarisierung stark zu spüren. »Unter dem Vorwand des Kampfes gegen den Kokaanbau bespritzt das Militär immer wieder Felder der Kleinbauern mit Herbiziden«, sagt Magda Suarez, eine Betroffene. »Das Problem ist, dass hier bei Weitem nicht nur Koka angepflanzt wird und alle Pflanzen darunter leiden. Zum Teil werden Häuser niedergebrannt mit der Begründung, dass es sich um Koka-Labore handelt.« Die Spritzungen führen immer wieder zu Vertreibungen der Bewohner und Bewohnerinnen der Region, da die damit einhergehende Vernichtung ihrer Ernte und erhebliche Gesundheitsschäden ihre Existenz bedrohen. Dies spielt nicht zufällig den multinationalen Konzernen in die Hände, die in dieser Region Ölpalmen anbauen und Uranvorkommen erschließen wollen.

Soziale Bewegungen sind Hoffnungsträger

In beiden Regionen wurde deutlich, wie sehr gerade Frauen unter der massiven Präsenz des Militärs leiden: als vom bewaffneten Konflikt zurückgelassene Witwen, als Prostituierte unter teils unmenschlichen Bedingungen, als Mütter von Kindern mit prekärer Zukunft. So waren vor allem Frauen unter den über 1000 Menschen, die sich am frühen Morgen des 23. August aufmachten, um direkt vor der neuen US-amerikanischen Militärbasis Palanquero zu protestieren. »Auch zweihundert Jahre nach der sogenannten Unabhängigkeit besteht immer noch eine starke Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten, ihrem Militär und dem von ihnen in Lateinamerika gestärkten Wirtschaftssystem. Es liegt an den sozialen Bewegungen Kolumbiens, endlich den Weg zu öffnen für eine Entwicklung in Frieden und Autonomie«, verkündet eine Rednerin vom Lautsprecherwagen.

Trotz der Repression halten Proteste in Kolumbien an. Dies ist ebenso erstaunlich wie ermutigend. Dennoch bedarf es einer breiten internationalen Solidarität, um den alltäglichen Menschenrechtsverletzungen, die alle Aktivisten der sozialen Opposition in Kolumbien betreffen, mittelfristig ein Ende zu setzen. Eine Ansicht, die beim internationalen Frauentreffen auf keinen Widerstand stieß.

* Aus: Neues Deutschland, 31. August 2010


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