Die Fronten zur Ader gelassen

Kolumbien: Über 9.000 Guerilla-Kämpfer sind bisher dem Demobilisierungsangebot der Regierung Uribe gefolgt

Von Jeroen Kuiper *

"Die Exekutionen waren das Schlimmste. Ich fand es immer furchtbar, andere Menschen zu töten. Es konnte zur Disziplin gehören, es tun zu müssen. Manchmal schon, wenn jemand bloß ein Huhn gestohlen hatte ..."

José verharrt einen Augenblick und schaut nach draußen, durch die offene Tür. Vor seinem Haus steht eine Kokapflanze, einfach so, unter einem Baum. Aber das ist es nicht, was ihn beunruhigt. José hat aus einem anderen Grund Angst. "Jeden Augenblick kann hier ein Auto vorfahren, aus dem jemand aussteigt, um mich zu erschießen. Wer aus den FARC desertiert, dem droht die Todesstrafe."

José gehört zu den mittlerweile offiziell über 9.300 "individuell demobilisierten Kämpfern", wie es heißt, die es zum Rückzug von der weithin unsichtbaren Front des Bürgerkrieges gedrängt hat. Von diesen 9.300 soll fast die Hälfte aus den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia kommen, eben jenen FARC, von denen die Rede war - die älteste Guerilla-Formation des Landes. Etwa ein Drittel kämpfte zuvor bei den rechten Autodefensas Unidades de Colombia (AUC) und der Rest im "Volksheer", dem Ejército de Liberación Nacional (ELN). Etwa ein Fünftel der Demobilisierten sind Frauen - viele von ihnen waren noch minderjährig, als sie sich "illegalen bewaffneten Gruppen" beziehungsweise "Terroristen" anschlossen, wie die linke Guerilla der FARC und des ELN im Kolumbien des autoritären Präsidenten Alvaro Uribe von Amts wegen genannt wird.

Eine Pistole, eine Granate, ein Adressbuch

"Ich war 13, als ich zu den FARC ging", erzählt mir José. "Es gab keine Arbeit, außerdem mochte ich Waffen. Mit einem Gewehr fühlst du dich sicherer. In den ersten Jahren gefiel mir das Leben bei der Guerilla. Alles wird für dich geregelt: Dein Essen, deine Kleidung, wo du schläfst. Ich war für die Pflege der Waffenbestände verantwortlich, die AK 47, die venezolanische FAL oder die israelische Galil-Maschinenpistole. Die AK 47 waren ganz neu und kamen aus Jordanien, doch auch aus anderen Ländern, aus Nicaragua oder Ecuador. Unser Problem war die Munition. Patronen werden in Kolumbien nicht hergestellt und sind daher teuer - eine kostet etwa 4.500 Pesos (1,70 Euro - die Red.). Nach jedem Gefecht fragte der Kommandant immer zuerst, wie viele Waffen habt ihr erobert, wie viel Munition dafür verschossen?"

Jede Front der FARC habe ihren besonderen Auftrag, berichtet José. "Manche konzentrieren sich auf Entführungen, andere sichern ein Territorium, das FARC-Einheiten seit Jahren kontrollieren, manche sind im Drogenhandel unterwegs. Wer ein Gebiet beherrscht, der beherrscht auch dieses Geschäft."

Am Ende gibt José auf, weil er das sinnlose Töten nicht mehr aushält. "Ich sagte meinem Kommandanten, ich müsste dringend einen Freund besuchen und ging zum nächsten Armeeposten, eine Pistole, eine Granate und ein Adressbuch dabei." - Nachdem er sich ergeben hat, folgen zunächst Verhöre, acht Tage verschärfte Befragung durch die Armee: Wo steht deine Einheit, mit welcher Bewaffnung, wie ist die Moral der Kämpfer, wer kommandiert? Danach schickt man ihn nach Bogotá ins "Reintegrationsprojekt" mit psychologischer Behandlung und Ausbildungshilfe. Nach zwei Jahren gibt es acht Millionen Pesos (3.500 Euro - die Red.) Startkapital. José hat Glück, bald nach seiner Zeit als "Reinsertado" findet er Arbeit, wonach die meisten Ex-Guerilleros vergeblich suchen. Wer dann nicht auf den Beistand der eigenen Familie hoffen kann, verfällt schnell der Kriminalität, um zu überleben.

"Eine normale Existenz aufzubauen, das ist schwerer, als mit einer Waffe umzugehen", meint José, "mit einer Waffe in der Hand bekommst du alles, was du willst - ohne bekommst du gar nichts".

Der staubige Ort, in dem José nach seiner Reintegration Zuflucht und Arbeit findet, liegt am Rande der Region La Macarena, in der die FARC-Guerilla riesige Koka-Plantagen unterhält, deren Zerstörung ein Hauptziel der Armee ist. Bei den teils apokalyptischen Operationen der Militärs geraten immer wieder viele Dorfbewohner zwischen die Fronten und haben oft keine andere Wahl, als zu fliehen und alles zurück zu lassen.

"Fast jeden Tag kommen hier Flüchtlinge durch", erzählt José Orley Rodriguez im brütend heißen Büro von ASDEGEN, einer Vereinigung, die sich für die Rechte der Desplazados einsetzt. "Die meisten sind regelrecht traumatisiert. Ich erzähle ihnen dann, dass ich selbst ein Vertriebener bin und kümmere mich darum, dass ihnen medizinisch geholfen wird." Doch damit will sich ASDEGEN nicht begnügen und klagt auch die Leute an, die für die Vertreibungen verantwortlich sind, ob es sich nun um Militärs oder Guerilleros handelt. "Schon mehrere meiner Mitarbeiter haben diese Courage mit dem Leben bezahlt. Wir sollten freilich ehrlich sein: Viele Flüchtlinge, die unerbittlich Sühne und Vergeltung verlangen, haben selbst Koka angebaut. Damit lässt sich in Kolumbien einfach am besten verdienen, auch wenn man immer den Tod in seiner Nähe weiß."

Kurz danach fährt mich Rodriguez auf seinem Motorrad durch die Straßen der Gemeinde - Straßen, die größtenteils von niedrigen Häusern, aber auch von zeltartigen Behausungen gesäumt sind. Das Auffanglager für etwa 600 Familien, die meisten davon Vertriebene. "Vergangene Woche", berichtet Rodriguez, "wurden in diesem Camp über 50 Fälle von Dengue-Fieber diagnostiziert, worüber sich niemand wundert, gibt es doch weder Abwasserleitungen noch Trinkwasser. Was sie brauchen, holen sich die Leute aus einer Quelle. Wer sich dabei infiziert, ist für mich auch ein Kriegsopfer."

Noch am Abend der gleichen Tages treffe ich Markus. Wie ein Gespenst aus der Finsternis erscheint er im Licht, während ein tropischer Regenguss auf ihn niederprasselt. Er kommt gerade von der Abendschule, in der er lesen und rechnen lernt. Markus ist Mitte 40 und war einer der wichtigsten Kommandanten des ELN, bevor er vor einigen Monaten mit 32 Kämpfern desertierte. Seither schwebt er in Lebensgefahr, sein rechter Fuß tappt ständig nervös hin und her. "Ich ging in den achtziger Jahren zum ELN. Ich wollte gegen die Armut kämpfen, für die Rechte der Bauern und wurde bald Kommandant der ›Frente Heroes de Anori‹, ein Kommando in der Nähe von Medellin. Wir unterbrachen Elektrizitätsleitungen, blockierten die Straße zwischen Medellin und Bogotá und gründeten eine Stadtguerilla, um die Leute in den Armenvierteln von Medellin zu organisieren. Nach einer Weile fragte ich mich allerdings, ob wir damit Erfolg haben würden. In manchen Ländern wie in Kuba oder Nicaragua waren linke Revolutionen gelungen, aber in Kolumbien kämpften wir seit 40 Jahren und hatten noch immer nicht viel mehr als ein Viertel des Landes unter Kontrolle. Außerdem sah ich, dass wir Gefahr liefen, unsere revolutionären Werte zu verlieren. Immer öfter griffen wir Zivilisten an - so konnte man niemanden für die Revolution begeistern. Ich verließ meine Einheit unter dem Vorwand, krank zu sein und zur Behandlung nach Medellin zu müssen. Dort habe ich mich dann von meiner Familie verabschiedet, weil ich davon überzeugt war, durch die Flucht würde mein Leben verwirkt sein. Letzten Endes würde mich keiner schützen können, auch die Armee nicht, der ich mich mit 32 meiner Männer ergab."

In der "Abteilung für strategische Kommunikation"

"Ich stehe der Demobilisierung sehr kritisch gegenüber, aber wir werden wohl damit weiter machen müssen. Es gibt keine Alternative", meint Alonso Cardona, Direktor von Conciudadanía (Mitbürgerschaft), einer Nichtregierungsorganisation aus Medellin. "Besonders bei den so genannten kollektiven Demobilisierungen habe ich meine Zweifel. Die OAS, die Organisation Amerikanischer Staaten, erklärt, es hätten über 31.000 Paramilitärs der rechten AUC aufgegeben. Noch nicht mal die AUC selbst haben je darüber schwadroniert, so viele Mitglieder unter ihrem Kommando zu haben. Es wurden einfach so viele Menschen wie möglich zu Demobilisierten gestempelt, um eine günstige Verhandlungsposition gegenüber der Regierung zu beanspruchen. Die wurde gebraucht, um möglichst keinen AUC-Führer wegen dessen Verwicklung in den Drogenhandel an die USA ausliefern zu müssen."

Cardona ergänzt, die Regierung täusche sich im Übrigen, wenn sie glaube, ohne mit den FARC zu reden, das Demobilisierungsprogramm fortsetzen zu können. "Gegen die FARC wird es nie einen wirklichen Friedensprozess geben. Außerdem hat die Armee viel zu wenig Kapazität, um die von den Guerilleros oder den Paramilitärs verlassenen Gebiete zu übernehmen und dort die Sicherheit zu garantieren. Drittens misslingt die Demobilisierung, wenn nicht gleichzeitig der Drogenhandel unterbunden wird. Das ist doch mittlerweile der wahre Grund für den verdeckten Bürgerkrieg in Kolumbien. Und bisher jedenfalls ist der von den US-Amerikanern in unserem Land geführte Anti-Drogen-Feldzug ein kompletter Misserfolg."

Wieder in Bogotá fahre ich zum Verteidigungsministerium, dort stehen sie in Gruppen herum, als seien sie nie Feinde gewesen und hätten immer schon Blut, Schmerz und Leid geteilt. Ex-Guerilleros aus den FARC und vom ELN und Ex-Paras aus den AUC. Sie stehen Schlange, um sich für das Reintegrationsprogramm der Regierung anzumelden. Zumeist dunkle Jungen um die 20 oder 25, die vielleicht noch vor Tagen mit einer AK-47 durch die Gegend gezogen sind und jetzt wieder einfache Bürger werden wollen.

"Insgesamt 9.360 Personen sind für das angebotene Programm registriert", teilt mir Marcela Duran von der "Abteilung für strategische Kommunikation" des Ministeriums in Kommuniqué-Sprache mit. Ob sie wisse, dass die meisten Reinsertados Angst vor Repressalien ihrer einstigen Mitkämpfer hätten, frage ich sie. Diese Furcht sei nicht berechtigt, lautet die Antwort. "Von den 9.360, die ich Ihnen genannt habe, sind bisher lediglich zwölf aus Rache getötet worden. Die Gruppen haben einfach zu wenig Kapazität, um ihren Vergeltungsdrang zu stillen."

Das Ministerium bestreitet eine massive Informationskampagne, die mehr Guerilleros zur Aufgabe animieren soll. Es werden spezielle Radiosendungen ausgestrahlt, und es starten Hubschrauber der Armee, um Flugblätter über dem Dschungel abzuwerfen. Marcela Duran hat Beispiele dieser Botschaften zur Hand: Das Foto einer weinenden Mutter neben erschossenen Kindern, dazu der Satz - "Sei kein Komplize!" Man müsse mit solch drakonisch einfachen Mitteln arbeiten, höre ich. Es gäbe viele Analphabeten unter den Guerilleros, denen klar zu machen sei, wie und vor allem warum sie sich beim nächsten Armee- oder Polizeiposten melden sollten. Auf einem anderen Flugblatt gibt ein abgebildeter Stapel Banknoten zu verstehen, dass für wertvolle Informationen auch gutes Geld winken kann. Hinweise auf das Versteck von entführten Politikern oder Soldaten stehen ganz oben auf der Prämienliste: 50 Millionen Pesos (20.000 Euro). Für eine Handgranate, die ein Guerillero bei seiner Kapitulation der Armee übergibt, gibt es laut Flyer umgerechnet 40 Euro.

* Aus: Freitag 36, 8. September 2006


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