Aus der sozialen Hölle

Werner Hörtner über Ursache und Wirkung der Gewaltspirale in Kolumbien

Von Gerd Bedszent *

Der Züricher Rotpunktverlag hat eine Beschreibung der »Geschichte und Gegenwart« Kolumbiens aufgelegt. Das Buch des österreichischen Autors Werner Hörtner setzt ein mit einer Schilderung der Eroberung des Landes durch spanische und deutsche Konquistadoren im sechzehnten Jahrhundert, beschreibt weiter die Lage der indianischen Bevölkerung unter spanischer Herrschaft, die Einfuhr afrikanischer Sklaven, den Widerstand der Unterdrückten. Schon beim Aufstand der Communeros im Jahre 1781 geriet die Kolonialherrschaft ins Wanken. Bei der nächsten Revolte im Jahre 1810 wurde erstmals die Unabhängigkeit proklamiert. Die endgültige Befreiung brachten 1821 die Truppen des »Libertadors« Simon Bolivar.

Aus dem ehemaligen Vizekönigreich Neugranada gingen nach inneren Auseinandersetzungen die Republiken Venezuela, Kolumbien und Ecuador hervor. In Kolumbien entluden sich im Verlaufe des 19. und 20. Jahrhunderts die unterschiedlichen sozialen Interessen in einer Reihe von Bürgerkriegen. Die Konservativen als Parteigänger der Latifundistas und Minenbesitzer wollten die aus der Kolonialzeit überkommenen Strukturen beibehalten und lehnten sich wirtschaftlich an das britische Empire an. Die Liberalen als Parteigänger des Handelsbürgertums und der Kleinproduzenten setzten dagegen auf Reformen und wirtschaftliche Eigenständigkeit. Der Autor bemüht sich redlich um eine Erklärung, warum es ausgerechnet in Kolumbien eine so ausgeprägte Tradition gibt, politische Differenzen gewaltsam auszutragen, kommt jedoch zu keiner befriedigenden Antwort. Vielleicht konnte sich keine der beiden Parteien langfristig gegen die andere durchsetzen, weil sie gleich stark waren. Der Dauerkonflikt setzte eine Gewaltspirale in Gang.

Als Folge des Bürgerkrieges von 1949–58 bildeten sich erste bäuerliche Selbstschutzgruppen gegen den konservativen Terror, aus denen später die Bewaffneten Revolutionären Streitkräfte (FARC) hervorgingen. Seit den sechziger Jahren wurden die Auseinandersetzungen zwischen Konservativen und Liberalen nach und nach von dem neuen Bürgerkrieg überlagert, in dem Armee und rechte Todesschwadronen gegen linke Guerilleros kämpfen.

Die Ausführungen des Autors zu den kolumbianischen Guerillaorganisationen FARC, ELN, EPL und M19 sind widersprüchlich. Stellenweise wird mit deutlicher Sympathie von ihrem Widerstand gegen den Terror der Großgrundbesitzer berichtet – in einem Interview kommt der FARC-Commandante Tirofijo selbst zu Wort. Andererseits wird der FARC jedoch eine Verstrickung in den Kokainhandel vorgeworfen – der Autor weist an anderen Stellen selbst nach, daß nicht die Guerilla, sondern rechte Todesschwadronen von der Drogenmafia finanziert werden, die mittlerweile zu den größten Grundbesitzern des Landes gehört.

Zutreffend wird in dem Buch geschildert, daß alle Versuche zur Einleitung eines Friedensprozesses bisher an den rechten Paramilitärs scheiterten. Versuche von Guerillaorganisationen, sich in eine politische Partei umzubilden und ins zivile Leben zurückzukehren, endeten bisher stets mit massenhafter Ermordung ihrer Mitglieder und Sympathisanten.

Der von dem konservativen Präsidenten Uribe kürzlich betriebenen Entwaffnung der Todesschwadronen steht der Autor skeptisch gegenüber – schließlich werden Uribe beste Kontakte zur Drogenmafia und zu den Paramilitärs nachgesagt.

Etwas irritierend ist, daß laut Verlagswerbung das Buch auch vom »Charme, von der Schönheit und von der Kreativität des Andenlandes« berichten soll. Tatsächlich schildert es eine soziale Hölle: Kolumbien hat mittlerweile den traurigen Ruhm, das Land zu sein, in dem weltweit die meisten Gewerkschafter ermordet, entführt oder bedroht wurden.

Werner Hörtner »Kolumbien verstehen – Geschichte und Gegenwart eines zerrissenen Landes«, Rotpunktverlag, Zürich, 2006, 311 Seiten, 19,80 Euro

* Aus: junge Welt, 15. Januar 2007


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