Zweite Chance für die Armen Bogotás

Die Bewohner des Südens der kolumbianischen Hauptstadt setzen ihre Hoffnungen in die Politik des linken Bürgermeisters

Von Tommy Ramm, Bogotá *

Als vor vier Jahren mit Luis Eduardo Garzón erstmals ein linker Bürgermeister die Geschicke der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá in die Hand nahm, erhofften sich viele eine soziale Revolution besonders im verarmten Süden der Stadt. Auch wenn die Bilanz am Ende seiner Amtszeit in vielen Belangen ernüchternd ausfällt, drückten die Bogotaner der sozial orientierten Politik ihr Vertrauen aus. Nach den Wahlen am letzten Sonntag (28. Oktober) bleibt die Stadt in Händen der Linken.

Keuchend schleppt sich Bayron Avila den Berg hoch. Avila ist Angestellter der Nationaluniversität, die von der Bogotaner Stadtverwaltung beauftragt wurde, vor gut vier Jahren ins Leben gerufene gemeinschaftliche Speiseräume zu beaufsichtigen. Ganze 16 Räume hat er mehrmals im Monat zu besuchen, dieser ist besonders schwer erreichbar. »Die Lebensmittel für den Essensraum werden auf der Schulter hochgebracht«, erzählt er schnaufend, als er oben angekommen ist. Öffentliche Transportmittel gebe es hier nicht.

Speiseräume lindern die schlimmste Not

Auf der Bergkante, die einen weiten Blick über die kolumbianische Hauptstadt gewährt, steht ein zweistöckiges Betongebäude, aus dem Essensgeruch strömt. Seit sieben Uhr morgens sind drei Köchinnen aus dem Viertel dabei, die Mahlzeiten zu bereiten. Gulasch mit Gemüse, ein bisschen Salat und der nie fehlende Reis mit einem Stück Kochbanane stehen heute auf dem Speiseplan. Obwohl es erst elf Uhr ist, sind die ersten Besucher in den Saal eingerückt. »Unsere Priorität bei der Essensverteilung sind ältere Menschen und vor allem Kinder«, erklärt Avila. Dass bereits am Vormittag die ersten Leute aus dem Viertel kämen, liege einfach daran, dass diese kein Frühstück hatten und dies die erste und oft einzige Mahlzeit am Tag sei. 300 Gerichte werden hier täglich verteilt.

An einem der einfachen Plastiktische sitzt die 30-jährige Luceny Ubaque mit drei ihrer fünf Kinder. Während diese essen, beginnt sie ihre Geschichte zu erzählen, die ein Abbild der seit Jahrzehnten anhaltenden kolumbianischen Tragödie ist und sich im Süden von Bogotá tausendfach unter Vertriebenen finden lässt.

Aufgewachsen auf dem Land in der Zentralprovinz Tolima, holte sie vor etwa drei Jahren der bewaffnete Konflikt ein. Im achten Monat schwanger, wurde sie für mehrere Tage von der Guerilla verschleppt. »Ich war so dehydriert, dass ich fast mein Kind verloren hätte«, erzählt sie und deutet auf ihre dreijährige Tochter. Doch sie hatte Glück – im Gegensatz zu ihrem Bruder. Dieser wurde nur wenige Zeit später ermordet, weil er Berufssoldat war.

»Danach kamen die Paramilitärs, die ein Massaker anrichteten und 50 Anwohner töteten«, so Luceny. Der Parachef und ein paar Mitkämpfer hätten später versucht, in ihr Haus einzudringen, um sie und ihre Schwestern zu vergewaltigen. »Aber da habe ich nein gesagt. Wenn ich etwas bin, dann stur. ›Sollen sie uns doch töten‹, habe ich denen gesagt.« Die Paras ließen ab, und sie blieb wie durch ein Wunder am Leben. Danach habe sie ihre Heimat verlassen und sei nach Bogotá gegangen. Allein mit ihren fünf Kindern und ohne den Vater, der mit einer anderen Frau durchgebrannt sei.

Wohl an ihrer Sturheit liegt es, dass sie es bisher allein in Bogotá ausgehalten hat. Ihre Wellblechhütte, die weiter oben auf knapp 3000 Metern Höhe am Hang liegt und letztes Jahr zur Hälfte bei einem Erdrutsch verschüttet wurde, scheint unbewohnbar. Löcher im Dach bieten kaum Schutz vor der Regenzeit, die gerade begonnen hat. »Meine Hoffnung ist mein großer Sohn, der der beste Schüler in seiner Klasse ist«, meint sie. »Er wird später für die Familie aufkommen«, ist sie überzeugt. Wie viele Familien in dem Viertel Rafael Uribe lebt sie von Tagesjobs als Näherin, was schlecht bezahlt wird, und vom Programm der Stadtverwaltung. Sie schwört zwar, dass sie ihren Kindern jeden Morgen ein spärliches Frühstück zubereiten könne, doch ohne den Essensraum und den kostenlosen Schulbesuch ihrer Kinder wäre ihre Lage weitaus prekärer.

Fast alle Kinder in den Randgebieten des Viertels Rafael Uribe im Südosten Bogotás leiden laut Bayron Avila an Unterernährung. Die Folge seien Lernprobleme in der Schule. Vor knapp vier Jahren lancierte deshalb die Stadtverwaltung unter dem erstmals linken Bürgermeister Luis Eduardo Garzón ein massives Sozialprogramm im Süden der Hauptstadt.

Öffentliche Schulen wurden aufgewertet

Mehr als 200 Speiseräume wurden in den Zentren der Elendsviertel geschaffen, um unter dem Programm »Bogotá ohne Hunger« Zehntausende Menschen mit regelmäßigen und vor allem ausgewogenen Mahlzeiten zu versorgen. Dutzende Kinderbetreuungszentren führten in den letzten Jahren dazu, dass viele Kinder nicht mehr arbeiten mussten, sondern eine Rundumbetreuung mit Mahlzeiten erhielten. Laut offiziellen Zahlen kamen so über 650 000 Personen in der 7-Millionen-Einwohner-Stadt in den Genuss zumindest einer festen Mahlzeit am Tag.

Parallel dazu konzentrierte sich der ehemalige Gewerkschafter Garzón auf den Ausbau und die Modernisierung der öffentlichen Schulen in den ärmeren Vierteln und den kostenlosen Zugang für deren Kinder. Erstmals stieg dadurch wieder der Anteil der genutzten öffentlichen Schulplätze gegenüber den privaten im gesamten Schulsystem der Stadt.

Zwar wird der scheidenden Stadtverwaltung zugute gehalten, die Infrastruktur im Bildungswesen und bei der Gesundheitsversorgung auf Vordermann gebracht zu haben, doch Kritiker werfen Garzón vor, dass die Programme einzig karitativen Charakter haben. »Die Garzón-Administration hat kaum etwas mit linker Politik zu tun«, meint der Exbürgermeister Bogotás, Paul Bromberg, der Garzón als Populisten bezeichnet. Stattdessen habe Garzón die Früchte seiner Vorgänger geerntet, die in den letzten 15 Jahren die Transformation Bogotás von einer ruinierten Stadt in eine wirtschaftlich gesunde und florierende Metropole realisiert haben.

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren einiges getan. Seit sieben Jahren besitzt die Stadt ein modernes und weltweit einzigartiges Bussystem namens Transmilenio, dass den Tausenden veralteten Mikrobussen, welche die Stadt täglich mit Ruß verpesten, seitdem Konkurrenz macht. Viele neue Parks wurden in der extrem dicht besiedelten Metropole angelegt.

Auch für sozial engagierte Gruppen im Süden Bogotás blieb das Erreichte unter Lucho Garzón hinter den Erwartungen zurück. Marisol Avendaño, die seit mehr als 20 Jahren in einem Kulturzentrum des Bezirks Kennedy arbeitet, erzählt, dass lokale Organisationen kaum in die sozialen Projekte einbezogen wurden. Dennoch lässt Avendaño von einer Generalkritik an Garzón ab. Was für sie besonders wichtig ist: Mit ihm hat sich erstmals überhaupt ein Bürgermeister der Stadt bemüht, im großen Stil die Bekämpfung der Armut im Süden anzugehen. Das hielten die Bewohner ihm am vergangenen Sonntag zugute.

Mit Samuel Moreno gewann Garzóns Parteikollege vom linken Alternativen Demokratischen Pol bei den Regionalwahlen die Nachfolge. Dieser verspricht, die sozial ausgerichtete Politik fortführen zu wollen und die Fehler seines Vorgängers zu beseitigen.

* Aus: Neues Deutschland, 2. November 2007


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