Kolumbien setzt auf Biosprit

Ersatz für Exportverluste durch schwindende Erdölreserven erhofft

Von Knut Henkel *

Kolumbiens Erdölreserven gehen dem Ende entgegen. Ab 2011, so die Prognosen, wird man bei gleich bleibendem Verbrauch Erdöl importiert müssen, so das staatliche Erdölunternehmen Ecopetrol. Das hat sich mit dem brasilianischen Erdölunternehmen Petrobrás zusammengetan, um alternative Brennstoffe zu produzieren. Davon profitieren vor allem die Zuckerproduzenten des Landes.

Schon beim Anflug auf Cali sind die wogenden Zuckerrohrfelder, die die Zwei-Millionen-Metropole umschließen, kaum zu übersehen. Und die Fahrt vom Flugplatz in die drittgrößte Stadt Kolumbiens ist quasi eine Sightseeing-Tour im Zeichen des Zuckerrohrs. Neben einigen Ingenios, den traditionellen Zuckerfabriken, stehen mittlerweile moderne Raffinerien wie die der Grupo Manuelita. Das an der Börse notierte Unternehmen gehört zu den Branchenführern im kolumbianischen Zuckersektor und dessen Perspektiven sind exzellent. Nicht nur dem relativ hohen Zuckerpreis auf dem Weltmarkt ist das zu verdanken, sondern auch der steigenden Nachfrage nach Ethanol. »23 Millionen Liter Ethanol werden derzeit in Kolumbien pro Monat produziert und die Produktion wird kontinuierlich ausgebaut«, erklärt Johan Martínez. Der junge Ingenieur ist die rechte Hand von Luis Fernando Londoño, dem Präsidenten der Vereinigung der Zuckerproduzenten Kolumbiens (Asocaña).

Die Unternehmervereinigung ist einflussreich und hat in den vergangenen Jahren erfolgreich für das Gesetz 693 gestritten. Das schreibt die Beimengung von zehn Prozent Ethanol je Liter Benzin in den Städten Kolumbiens mit mehr als 500 000 Einwohnern vor. Begonnen hat man damit in der Zuckerregion des Landes, also im Valle del Cauca, wo auf etwa 200 000 Hektar Zuckerrohr angebaut wird, so Luis Fernando Londoño. »Von dort aus wurde das Programm ausgedehnt und seit Februar 2006 wird auch in Bogotá Ethanol zum Benzin zugefügt«, so Londoño. Der hofft, dass 2008 landesweit zehn Prozent Ethanol im Benzin enthalten sind. Dafür wäre eine Produktion von 40 Millionen Liter Ethanol pro Monat nötig, deutlich mehr als 25 Millionen Liter, die derzeit produziert werden. Neue Destillationsanlagen sind längst in Planung und in den Büros von Asocaña wird bereits laut darüber nachgedacht, für den Ausbau des Programms auf einen Anteil von 25 Prozent Biosprit je Liter Benzin zu werben. Den politischen Rückhalt hat die Unternehmervereinigung dafür, denn Biotreibstoffe genießen in Kolumbien derzeit politische Priorität. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, dass die vorhandenen Erdöllagerstätten weniger kräftig sprudeln und neue ergiebige Vorkommen bisher nicht gefunden wurden. Ab 2011, so die Prognosen des staatlichen Erdölunternehmens Ecopetrol, wird man Erdöl importieren müssen. Ein sich anbahnendes Desaster für die Außenhandelsbilanz, denn Kolumbien erwirtschaftet rund fünfzig Prozent seiner (offiziellen) Exporterlöse aus dem Verkauf von Energie – neben Erdöl sind es vor allem Kohle und Strom. Und an diesen Exporten will man möglichst lange festhalten, weshalb händeringend nach Alternativen gesucht wird.

»Nicht nur beim Zuckerrohr ist man fündig geworden, sondern auch aus Maniok, Yucca oder Bananenresten lässt sich Ethanol gewinnen«, erklärt die Expertin für nachwachsende Energieträger Sandra J. Luyva von der staatlichen Agentur UPME. Diese plant im Auftrag des Energieministeriums die nationale Energieversorgung und erstellt Zukunftsszenarien für den Sektor. Die bescheinigen den Biotreibstoffen, neben dem Ethanol ist vor allem Biodiesel zu nennen, gute Perspektiven. Mit dafür verantwortlich sind die steuerlichen Erleichterungen, die die Regierung dem Biosprit gewährt und die das Ethanolgeschäft recht attraktiv machen. »Ein Grund, weshalb auch in anderen Regionen des Landes der Zuckerrohranbau aufgenommen wird«, so Sergio Durán. Der Unternehmensberater vertritt kleinere und mittlere Zuckerproduzenten, die sich zusammengeschlossen haben, um eine Biosprit-Anlage rund 90 Kilometer von der Hauptstadt Bogotá entfernt zu bauen. Dafür sucht Durán derzeit Investoren im In- wie Ausland und wirbt mit der schnellen Amortisation des Kapitals. Auf ähnlich günstige gesetzliche Rahmenbedingungen hoffen auch die Palmölhersteller. Palmöl wird nicht nur in der Kosmetik und Nahrungsmittelindustrie verwendet, sondern auch für die Produktion von Biodiesel. Seit Jahren wirbt der Unternehmensverband Fedepalma für die industrielle Produktion von Biodiesel aus Palmöl. Und die kolumbianische Regierung ist den Besitzern der riesigen Plantagen durchaus gewogen. So hat Präsident Álvaro Uribe unlängst angekündigt, den Anbau der Ölpalme zu forcieren. Bis 2010 soll die Anbaufläche von derzeit 275 000 Hektar auf eine Million Hektar ausgebaut werden.

Dabei ist die Palmölmonokultur in Kolumbien ungleich strittiger als der Zuckerrohranbau. Verantwortlich dafür ist nicht nur der ungleich höhere Bedarf an Pestiziden und Düngemitteln sondern auch die Tatsache, dass für den Ausbau der Plantagen auch Regenwald unter die Bulldozer kommt. Das war im Chocó, einer im Nordwesten Kolumbiens an der Grenze zu Panama gelegenen Region, der Fall. Dort wurden mehrere afrokolumbianische Gemeinden mit Gewalt von ihrem Land verdrängt. Dort wurden riesige Plantagen angelegt, wovon auch der Unternehmensverband Fedepalma Kenntnis hat. »Wir unterstützen jedoch den Anbau der Ölpalme in Dschungelregionen nicht und nehmen keine Mitglieder auf, die dort Plantagen unterhalten«, behauptet Fedepalma-Präsident Jens Mesa Dishington. Er verweist auf die Sozial- und Umweltschutzprogramme des Verbandes und will den Rest den Gerichten überlassen. Die gelten in Kolumbien jedoch als wenig effizient.

* Aus: Neues Deutschland, 22. Januar 2007


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