Studieren soll bezahlbar bleiben

In Kolumbien beteiligten sich Hunderttausende an Demonstrationen

Von Jürgen Vogt, Buenos Aires *

Mitte Oktober sind die Studenten Kolumbiens in einen unbefristeten Streik gegen die Reform der Hochschulen getreten. Präsident Juan Manuel Santos will nur mit ihnen verhandeln, wenn der Ausstand beendet wird.

Zu Tausenden kamen sie zur »Toma de Bogotá«. Mit der symbolischen Besetzung der Hauptstadt hat der Streik von Kolumbiens Studierenden einen neuen Höhepunkt erreicht. Während die Veranstalter von über 200 000 Teilnehmenden sprachen, räumten die Behörden der Hauptstadt 150 000 Teilnehmende ein. Aber nicht nur in Bogotá, auch in anderen Universitätsstädten wie Cali und Medellín zogen am Donnerstag (10. Nov.) die Studierenden durch die Straßen.

Noch am frühen Morgen hatten die Sicherheitskräfte in Bogotá versucht ein Schreckensszenario zu verbreiten und sprachen von potenziellen FARC-Guerilleros, die sich unter die Demonstranten mischen könnten. Von rund zehn Treffpunkten aus waren die Protestierenden zur Plaza de Bolívar gezogen, auf der am frühen Nachmittag die Abschlusskundgebung im strömenden Regen stattfand. »Die Studierenden haben heute politische Stärke gezeigt,« so Carlos Mario Restrepo vom Studierendenverband ACEU.

Seit Monaten wehren sich die jungen Menschen gegen eine Reform des Bildungsgesetzes. Unterstützung erfahren sie von Beschäftigten im Bildungswesen. Außer den Studierenden marschierten am Donnerstag Schüler, Lehrkräfte, Gewerkschafter und Eltern. Die Reform sieht eine Umschichtung der staatlichen Ausgaben für den Bildungsbereich vor, die zwar eine Anhebung der finanziellen Mittel beinhaltet, aber gleichzeitig an das jährliche Wirtschaftswachstum gekoppelt wird. Zudem ist eine beträchtliche Erhöhung der Zahl der Studienplätze und die Übertragung einer weitgehenden Autonomie der Bildungseinrichtungen vorgesehen.

Nach Auffassung der Studierenden reicht jedoch das zusätzlich in Aussicht gestellte Geld bei der gleichzeitig veranschlagten Aufstockung der Studierendenzahl bei weitem nicht aus. Was die Hochschulen und Universitäten an Quantität gewinnen, würden sie an Qualität verlieren. Als Konsequenz befürchten die Streikenden die Anhebung der Semestergebühren. Die zugestandene Autonomie würde viele Hochschulen lediglich dazu verleiten, sich privaten Geldgebern und Forschungszwecken zu unterwerfen.

Zwei Drittel der zusätzlichen Mittel würden ohnehin direkt in das staatliche Bildungskreditprogramm fließen, über das sich viele Studierende finanzieren. Wer in Zukunft zügig und mit guten Resultaten studiert, bekomme zwar einen Teil seiner aufgenommen Kredite erlassen, werde aber zu einem Scheuklappenstudium im Schnelldurchlauf gezwungen.

Staatspräsident José Manuel Santos hatte noch am Mittwoch versucht die »Toma de Bogotá« zu verhindern. »Wir ziehen die Reform zurück, wenn die Studenten ihren Streik beenden und in die Hörsäle zurückgehen«, sagte der Präsident. Nach Meinung des Innenministers Germán Vargas Lleras verhindere der Streik nur, dass »500 000 Studenten ihr Semester abschließen können«.

Dass die Regierung jetzt zurückrudern will, ist nicht nur mit dem drohenden Verlust eines Semesters für den gesamten Hochschul- und Universitätsbereich in Kolumbien geschuldet. Nach Auffassung von Juan Sebastián López vom studentischen Koordinierungsgremium Mane gibt es im Parlament zunehmend Vorbehalte, die Reform jetzt und in dieser Form durchzusetzen. »Unser Protest hat gezeigt, dass es dafür keinen Konsens in der Bevölkerung gibt«, meint López.

Präsident Santos hat seine Botschaft am Donnerstag wiederholt. Wenn der Streik beendet werde, sei er bereit, sich mit den Studenten an einen Tisch zu setzen und für 2012 einen neuen Reformvorschlag auszuarbeiten. Ob die Studierenden auf Santos‘ Vorschlag eingehen werden, wollen sie am Wochenende entscheiden.

* Aus: neues deutschland, 12. November 2011


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