Botschafterin der Entführten

Ingrid Betancourt sucht internationale Unterstützung für Befreiung Verschleppter in Kolumbien

Von Tommy Ramm, Bogotá *

In nur wenigen Tagen will die ehemalige Entführte Ingrid Betancourt sieben Staaten Südamerikas besuchen. Ihr Ziel: die Freilassung hunderter Entführter in Kolumbien durch internationale Vermittlung.

Nachdem sich Ingrid Betancourt nach ihrer militärischen Befreiung, die ihre sechsjährige Geiselhaft im Juli beendete, für mehrere Monate in Frankreich zurückgezogen hatte, rückt sie politisch wieder ins Rampenlicht. Zunächst führte sie einen Demonstrationszug in Madrid an, der am vergangenen Freitag, wie mehrere zehntausend Menschen weltweit, die Freilassung hunderter Entführter in Kolumbien forderte. Nur einen Tag später reiste sie überraschend in ihr Heimatland, das sie erstmals nach ihrer Befreiung wieder für wenige Stunden betrat. Sicherheitsbedenken wegen Drohungen durch die FARC-Guerilla hielten sie davon bisher ab, erklärte sie mehrfach in den vergangenen Monaten.

Im Gepäck hatte sie einen Brief des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy für den kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe. Frankreich, so heißt es darin, wolle sich auch nach der Befreiung der Frankokolumbianerin Betancourt dafür einsetzen, dass weitere Entführte durch Verhandlungen frei kommen. Solches Bestreben dürfte jedoch bei der kolumbianischen Regierung auf taube Ohren stoßen. Für sie ist die Befreiung Betancourts Beweis genug, dass es auch anders geht - militärisch.

Dennoch will sich Ingrid Betancourt in den kommenden Wochen darum bemühen, wieder mehr internationalen Druck für Verhandlungen zu schaffen. Angehörige von Entführten ernannten Betancourt zu ihrer »Botschafterin«, um im Ausland Lobbyarbeit für einen Gefangenenaustausch zu leisten. Die Stippvisite vom Sonnabend in Bogotá war denn auch nur der Auftakt einer Marathon-Tour, die Betancourt Anfang dieser Woche begann.

Am Montag (1. Dez.) traf sie sich in Quito mit dem ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa, um ihm für dessen Engagement in der Vergangenheit zu danken. Correa erklärte, dass sein Land alles versuchen werde, um den Entführten zur Freiheit zu verhelfen. »Es mag sein, dass Ingrid Betancourt die berühmteste Geisel war, aber es gibt weitere 3000 Menschen, die entführt sind«, sagte Correa.

Schon einen Tag später traf sich Betancourt mit der argentinischen Präsidentin Fernández de Kirchner. Bei der Begegnung im Präsidentschaftspalast Casa Rosada in Buenos Aires, an der auch die wegen Konzerten in der Stadt weilende USA-Sängerin Madonna teilnahm, versicherte Kirchner, dass sie sich für die Freilassung der Geiseln einsetzen werde. Betancourt rief die Menschen in FARC-Gewalt auf, nicht den Mut zu verlieren, und forderte »alle Präsidenten zu einer gemeinsamen Reflexion und einer Zusammenarbeit für eine Freilassung auf. Ich bin optimistisch, dass wir in kurzer Zeit zu einer Lösung kommen können«, erklärte sie in Buenos Aires.

Nach einem Besuch am Mittwoch (3. Dez.) bei der chilenischen Staatschefin Michelle Bachelet steht neben Peru, Bolivien und Brasilien in den kommenden Tagen auch ein Besuch beim venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez auf dem Programm, dessen Rolle sie hervorstrich. »Chávez hat die Freilassung von sechs Geiseln erreicht, weshalb seine Hilfe von Bedeutung ist. Ich hoffe, dass er uns unterstützen wird«, sagte Betancourt. Sie appellierte an die FARC-Guerilla, die noch rund 700 Geiseln in ihrer Gewalt hat, den bewaffneten Kampf zu beenden. »Die FARC sollten mehr auf Lateinamerika schauen, wo es revolutionäre Regierungen gibt, die ohne Entführungen und Töten an die Macht gekommen sind.«

* Aus: Neues Deutschland, 4. Dezember 2008


Lügenkampagne

Auf dem Computer des ermordeten FARC-Führers Raul Reyes befand sich keine einzige E-Mail. Kolumbien in Erklärungsnöten

Von Santiago Baez **

Der Laptop von Raúl Reyes, dem am 1. März von kolumbianischen Soldaten ermordeten Comandante der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC-EP), war die wichtigste Waffe der kolumbianischen Behörden. Über Monate hinweg galten die »Tausenden von E-Mails«, die Reyes mit in- und ausländischen Persönlichkeiten gewechselt haben sollte, als das wichtigste Beweismittel, um Parlamentsabgeordnete, Journalisten, Aktivisten linker Organisationen oder auch ausländische Organisationen und Regierungen zu beschuldigen, die Guerilla unterstützt zu haben. Zu den Betroffenen dieser Kampagne gehören u. a. die Parlaments­abgeordneten Piedad Córdoba, Wilson Borja und Gloria Inés Ramírez, der Chefredakteur der kommunistischen Wochenzeitung Voz, Carlos Lozano, der TeleSur-Korrespondent William Parra und andere. Die Präsidenten von Venezuela, Ecuador und Brasilien wurden ebenso der Zusammenarbeit mit den FARC beschuldigt wie Mitarbeiter des peruanischen Oppositionsführers Ollanta Humala. Auch in Madrid wurde eine 57jährige Frau unter Berufung auf angebliche Funde auf dem Computer als »Vertreterin der FARC in Spanien« verhaftet, mußte aber kurz darauf aus Mangel an Beweisen wieder freigelassen werden. In Deutschland dienten die angeblichen Erkenntnisse dem Hamburger Nachrichtenmagazin Spiegel über Wochen hinweg für immer neue Gruselgeschichten über die kolumbianische Guerilla.

Nun ist das Lügengebäude zusammengebrochen. Wie der kolumbianische Fernsehsender »Canal Uno« berichtet, ist auf dem Rechner von Raúl Reyes keine einzige E-Mail gefunden worden. Gegenüber der Staatsanwaltschaft hatte Hauptmann Ronald Ayden Coy Ortiz von der Antiterrorismus-Abteilung der kolumbianischen Kriminalpolizei (DIJIN) unter Eid ausgesagt: »E-Mails haben wir bislang nicht gefunden. Es wurde eine große Menge von E-Mail-Adressen gefunden, aber Reyes speicherte die Informationen in Word und Microsoft-Programmen.« Damit fehlt aber jeder Beweis, daß Reyes jemals in Kontakt mit den Beschuldigten gestanden hat. Die Rechtsanwälte der Beschuldigten haben bereits angekündigt, die Nichtberücksichtigung der angeblichen E-Mails als Beweismittel zu beantragen, da es keinen Beweis dafür gibt, daß die auf dem Computer gefundenen Texte jemals verschickt oder empfangen worden sind.

Kolumbiens Verteidigungsminister Juan Manuel Santos besteht hingegen auf der Existenz der nicht auffindbaren Mails und erklärt den Polizeihauptmann schnell zu einem Verbündeten der Guerilla: »Die Freunde der FARC merken, daß die Jusitz drauf und dran ist, sie zu fassen, und deshalb versuchen sie, die Glaubwürdigkeit der auf den Computern gefundenen Informationen zu erschüttern«.

Diese war aber von Anfang an in Frage gestellt worden. Juristen kritisierten, daß nicht nachvollziehbar sei, wer wann Zugriff auf die Daten der Computer gehabt habe, die angeblich in dem von den kolumbianischen Truppen am 1. März auf dem Staatsgebiet Ecuadors überfallenen Lager der FARC gefunden worden seien. Erst am 11. November hatte die Staatsanwaltschaft Ecuadors angekündigt, vor internationalen Gerichten Klage zu erheben, da die ihr von Kolumbien übergebenen Dateien, die von Reyes' Computern stammen sollen, manipuliert wurden. Von 45 Dateien hätten 40 dasselbe Datum der Erstellung, der letzten Änderung und des letzten Zugriffs sowie Zeitmarken, die allesamt von vor dem 1. März -- dem Tag des Überfalls auf die FARC -- stammen. Die kolumbianischen Behörden haben diese Dateien jedoch eigenen Angaben zufolge bereits zwischen dem 1. und 3. März untersucht, so daß sich diese Zugriffe nachweisen lassen müßten, wenn es zu keiner nachträglichen Manipulation gekommen wäre. Auch Venezuela und andere Regierungen hatten die kolumbianischen Vorwürfe wiederholt dementiert.

Der Chefredakteur der Wochenzeitung Voz, Carlos Lozano, hatte die gegen ihn gerichteten Vorwürfe der ebenfalls zurückgewiesen und sie als eine »Montage gegen die Kommunistische Partei« bezeichnet. Er habe als Vermittler zwischen der Guerrilla und der Regierung sowie als Journalist gearbeitet, betonte Lozano und wies bereits im September die Verweise auf die Computer von Raúl Reyes zurück: »Das ist ein illegaler Beweis, der in einem Akt der Verletzung der Souveränität Ecuadors gewonnen wurde, aber außerdem ein manipulierter und angepaßter Beweis«. »Ich hatte nie einen direkten Kontakt mit Reyes«, betonte Lozano.

** Aus: junge Welt, 4. Dezember 2008


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