Eingestürzte Pyramiden

Sozialer Notstand nach Finanzschwindel in Kolumbien

Von Tommy Ramm, Bogotá *

Die kolumbianischen Banken gelten als robust und haben die weltweite Finanzkrise bisher ohne Schaden überstanden. Dagegen haben hunderttausende Kleinanleger in den vergangenen Tagen ihre Ersparnisse in dubiosen Geldinstituten verloren.

»Kolumbien ist das einzige Land auf der Welt, wo die Menschen Schlange stehen, um sich betrügen zu lassen«, erklärte zynisch der Präsident des Nationalen Einzelhändlerverbandes, Guillermo Botero. Tatsächlich ließen sich hunderttausende Kleinanleger in den letzten Jahren auf ein riskantes Spiel ein, das am Ende nur Verlierer kennt. Um in kurzer Zeit an viel Geld zu kommen, investierten diese ihre Ersparnisse in sogenannte Pyramiden. Diese illegalen, aber bisher geduldeten Geldinstitute versprachen den Sparern einen Gewinn von bis zu 150 Prozent in nur wenigen Monaten. Finanziert wurde dieser astronomische Zins durch neue Sparer, die ihr Geld unter der gleichen Gewinnillusion dort anlegten. Mehrere Monate lang brachte das System, das sich im ganzen Land ausbreitete, glückliche Gewinner hervor - bis die Blase vor wenigen Tagen platzte.

Im Südwesten des Landes kam es nach der Schließung mehrerer Institute, deren Besitzer mit dem verbliebenen Geld untertauchten, zu Chaos und Krawallen. Tausende geprellte Anleger versuchten, die Büros mit Gewalt zu stürmen, um so an ihr Geld zu kommen. Drei Personen kamen dabei ums Leben. Dass die Zahl von Selbstmorden weit höher liegen dürfte, ist anzunehmen. Denn viele Menschen verkauften ihre Autos oder Häuser, um ihr Geld in kurzer Zeit zu multiplizieren. Rund 500 000 Haushalte stehen nun vor dem Ruin.

Um der Situation Herr zu werden, hat die Regierung den sozialen Notstand erklärt, um im Schnellverfahren Maßnahmen ohne Abstimmung im Kongress beschließen zu können. In ersten Beschlüssen schraubte die Regierung die Haftstrafen für Verantwortliche dieser Praktiken auf bis zu 15 Jahre hoch, sollten diese nicht freiwillig das Geld zurückgeben. Die Behörden wurden angehalten, das verschwundene Geld aufzutreiben, um es den Betroffenen wieder auszuzahlen. Geschätzt wird, dass bis zu 240 Pyramiden in ganz Kolumbien aktiv sind. Allein bei der Durchsuchung der Büros eines Instituts stellten die Behörden umgerechnet rund 30 Millionen Euro sicher. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 750 Millionen Euro in das System geflossen sind.

Den Grund sehen Beobachter in der Weigerung etablierter Banken, Kleinsparern günstige Konditionen zu bieten. Äußerst niedrige Zinsen und hohe Kosten bei der Kontoverwaltung schrecken viele Kolumbianer ab. Doch auch die Verwicklung hoher Politiker und Beamter erlaubte es den Pyramiden, unbehelligt Geld einzutreiben.

In den vergangenen Jahrzehnten ist es immer wieder zu Zusammenbrüchen solcher Systeme gekommen, die in ganz Lateinamerika existieren. Doch auch Europa war davor nicht sicher: 1997 stürzte Albanien durch ein ähnliches Pyramidensystem ins Chaos, was in eine Intervention der UNO mündete, um das Land vor der Anarchie zu bewahren.

* Aus: Neues Deutschland, 25. November 2008


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