Rufer in der Wüste

Seit Jahrzehnten schreitet im Norden Kameruns die Desertifikation voran. Wer nicht weggezogen ist, droht zu verhungern. Bericht aus einem beispielhaften Dorf

Von Sylvestre Tetchiada/IPS *

Das Dorf Ngouma liegt im äußersten Norden Kameruns, etwa 1600 Kilometer von der Hauptstadt Jaunde entfernt. Wer hier noch lebt, kämpft ums nackte Überleben. Seit den 70er Jahren regnet es immer seltener. Die Wüste rückt immer weiter vor. Mittlerweile dauert die Trockenzeit bereits sieben Monate. Auf den Feldern wächst kaum noch etwas. Wer dazu in der Lage war, ist weggezogen. »Die Viehzüchter haben sich neue Weiden für ihre Herden gesucht«, erklärt der Dorfälteste Yaya Djouldé. »Und die Fischer sind nach Norden, Richtung Tschad, gegangen. Zur Grenze sind es ja nur neun Kilometer.«

406 der verbliebenen 538 Dorfbewohner sind Frauen. In der versteppten Landschaft hat man sie ihrem Elend überlassen. »Der Wassermangel und die jahrelange Ausbeutung der Böden haben aus Ngouma fast ein Wüstendorf gemacht«, sagt die 41jährige Chantal Moudeina. »Unsere Männer und unsere Kinder sind nach und nach weggezogen und haben uns hier zurückgelassen. Niemand ist da, der Wasser heranschafft. Wir selbst müssen täglich sieben Kilometer zur nächsten Wasserstelle laufen, wo es nicht einmal immer sauberes Trinkwasser gibt.«

Der Agronom Martin Ndongmo arbeitet im Umweltministerium der Nordprovinz Maroua, zu der Ngouma gehört. Er bestätigt, was Chantal Moudeina sagt: »Die Trockenheit ist das größte Problem dieses Dorfes. Das Ackerland ist versteppt. Überweidung und Abholzung haben die Bodenerosion noch verstärkt.« Den anderen Ortschaften in der Region, in der die Durchschnittstemperatur 45 Grad Celsius beträgt, geht es nicht viel besser. Seit den 70er Jahren liegt die Niederschlagsmenge unter einem Siebtel des Landesdurchschnitts.

Djouldé berichtet von den langjährigen Bemühungen der Menschen, das Austrocknen der Böden zu verhindern und den wenigen Regen in Gräben zu speichern. Diese Technik hat sich dank staatlicher Hilfe beispielsweise im Sahelland Burkina Faso bewährt. In ­Ngouma hat sie versagt. »Häufig fielen die Grabenwände beim ersten Windstoß in sich zusammen«, erklärt der Dorfälteste.

Auch das Ausstreuen von Stroh, das die Saaten vor den Sonnenstrahlen schützen sollte, blieb erfolglos. »Uns helfen weder Nichtregierungsorganisationen noch der Staat«, klagt Djouldé. »Wir kämpfen eigentlich ohne Chance gegen die ständig näher rückende Wüste.«

Die Nordprovinz Maroua ist 34263 Quadratkilometer groß. 11421 Quadratkilometer davon sind nach Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft und Entwicklung bereits Wüste. Lucie Aboudi von der Umweltschutzorganisation Save the Earth listet die Folgen auf: »Die ständigen Wanderungen der Herden führen zu Konflikten zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist nicht mehr gewährleistet. Dazu kommen Krankheiten, die auf verseuchtes Wasser zurückzuführen sind.« Kame­runs Landwirtschaftsministerium spricht von etwa 25000 Menschen, die im Norden des Landes von einer Hungersnot bedroht sind.

Die Regierung in Jaunde hat den Kampf gegen die Desertifikation seit Jahrzehnten als Hauptanliegen auf der Agenda. Schon zwischen 1969 und 1974, bei den ersten Anzeichen der Dürre, wurde ein Sonderausschuß gegen Wüstenbildung und Trockenheit gebildet. Martin Mbella, Geologe im nationalen geographischen Institut (IGN) in Jaunde: »Ein Agrarprojekt versuchte damals, den Bauern den sorgsamen Umgang mit dem Weideland beizubringen. Und die Getreidebehörde empfahl ihnen, Vorräte für die Trockenzeit anzulegen.«

Die sich im Norden ausbreitende Naturkatastrophe bringt Aktivisten in Rage. Sie werfen der Regierung fehlendes ökologisches Engagement vor. »Man kann bei jeder Katastrophe Komitees bilden, Aktionspläne schmieden und Konventionen unterzeichnen«, kritisiert die Lehrerin Pauline Akamba aus Kousserie im Norden Kameruns. »Doch ohne eine angemessene Finanzierung bringen die besten Absichten nichts. Wenn die Regierung hier vor Ort nichts unternimmt, wird sich die Wüste weiter ausbreiten.«

Der Preis, den Kamerun für den Vormarsch der Wüste bezahlen muß, ist bekannt. Das unabhängige französische Forschungsinstitut Centre de Coopération Internationale en Recherche Agronomique pour le Développement (CIRAD) in Jaunde hat errechnet, daß jährlich 0,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts durch Desertifikation verlorengehen.

* Aus: junge Welt, 1. Februar 2007

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