"Jack Bauer" mit dem Bulldozer

In Kameruns Hauptstadt Yaoundé werden die Ärmsten Opfer einer rabiaten Stadtplanung / Jetzt regt sich erster Widerstand

Von Bernard Schmid *

Der Anhalter, den meine Gruppe kamerunischer Freunde und Begleiter auf dem Weg von der Wirtschaftsmetropole Douala in die Hauptstadt Yaoundé im Auto mitgenommen hat, ist richtig begeistert. Der etwa Vierzigjährige redet sich beinahe in Rage. Sein Mund quillt über von Lob für den neuen »Generalbeauftragten« (délégué) der Regierung für den städtischen Raum Yaoundé: Gilbert Tsimi Evouna, mit Spitznamen aus unerfindlichen Gründen auch gern »Jack Bauer« genannt.

»Jack Bauer« ist in der Bevölkerung durchaus umstritten. Er gibt sich gerne als »scharfer Hund«, der mit harter Hand durchgreift – insbesondere gegen die Bewohner von Elendsvierteln, die dadurch die Gesetze übertreten haben, dass sie in »illegal errichteten« Häusern und Barackenbauten leben. Wohnungen allerdings, die oft seit Jahren, ja seit Jahrzehnten an ihrem Platz stehen, auch wenn sie zuvor in keinem Bebauungsplan vorgesehen waren. Aber an Bebauungspläne hielt sich lange Jahre hindurch ohnehin niemand, begonnen bei den Behörden und ihren führenden Vertretern.

Tausende Familien wurden vertrieben

Unser Anhalter sieht das anders: »Endlich sorgt jemand mal für Ordnung! Und nehmen Sie nur, wie er den Verkehr geregelt hat! Früher herrschte das reine Verkehrschaos. Alle fuhren, ohne Ampeln und ohne Vorfahrtsregeln, wild durcheinander, wie es ihnen passte. Und jetzt wird auf jeder größeren Kreuzung ein Polizist stationiert. Und wehe dem, der sich nicht an nunmehr endlich respektierte Vorfahrtsregeln hält. Da kann einer Minister sein und es wird ihm trotzdem kein Pardon gegeben …« Die anderen Fahrgäste sitzen, ob seines Enthusiasmus, nur schweigend daneben und lassen ihn reden.

Die Regierung in Yaoundé strebt eine Modernisierung an, die sich insbesondere in der urbanistischen Umgestaltung der größeren Städte des Landes niederschlagen soll. Denn diese sollen zunehmend für Geschäftsleute, Teilnehmer an internationalen Kongressen und auch Touristen attraktiv gemacht werden. In der Hauptstadt Yaoundé sind, nach Angaben der Zeitung »Le Messager«, bis August dieses Jahres bereits über 5000 Familien aus ihren Wohnungen vertrieben worden. Oft ohne Entschädigung und ohne dass man sie darüber unterrichtet hätte, wohin sie nun gehen können. Manche der Betroffenen sind in ihre Ursprungsdörfer zu den dort lebenden Eltern oder Großeltern zurückgekehrt. Andere suchten in anderen Stadtteilen oder Elendsquartieren innerhalb von Yaoundé Zuflucht – wo sie aber mitunter nach kurzer Zeit, im Zuge erneuter Räumungen, wiederum vertrieben wurden, wie »Le Messager« mit vielen Beispielen dokumentiert.

Hingegen gingen die Behörden in der einwohnerreichsten Stadt Kameruns, der Wirtschaftsmetropole Douala, bislang noch nicht so brachial vor. Dort wurden nur in relativ geringer Zahl Häuser und Hüttenbehausungen zwangsgeräumt und zerstört – und dies meistens nur an solchen Stellen, wo sie dringend notwendige Arbeiten für den Bau von Straßen und Wasserleitungen behinderten. In der Bevölkerung wird dies durchaus akzeptiert; jedenfalls stößt es nicht auf größeren Protest.

Dies lässt sich für die Verwaltungshauptstadt Yaoundé, welche die Regierung gern zum »Schaufenster« des Landes – und ganz Zentralafrikas – mit aufpolierter Fassade machen möchte, nicht behaupten. Dort wird die Räumungswelle der letzten Wochen von vielen Einwohnern mit ohnmächtigem Zorn aufgenommen. In den Quartieren von Ntaba, Elig-Edzoa und Etoa-Meki kamen die Bagger ab Mitte August. Mitten in der Regenzeit, wenn es oft mehrere Stunden am Tag ausgiebig und wie aus Kübeln vom Himmel schüttet, wurden Häuser und Werkstätten zerstört.

Bulldozer kamen ohne Vorwarnung

In manchen Fällen wurden zwei Tage zuvor Vorwarnungen ausgesprochen, in anderen kamen die Bulldozer wie aus heiterem Himmel. Die meisten Kameruner beobachten die Ereignisse mehr oder minder entsetzt vor dem Fernseher und kommentieren, wie etwa die Jugendliche Ingrid: »Wie herzlos! Wie kann man nur! Die armen Leute, mitten in der Regenzeit …«

Wer nicht ins Stadtbild passt, wird einfach an den Rand oder hinaus gedrängt. »Aber was nutzt es, eine schöne Stadt zu haben«, fragt Franck Olivier Kouame von der Wohnrauminitiative »Collectif interafricain des habitants« deshalb in Fernseh- und Zeitungsinterviews, »mit Einwohnern, die leiden?« Ihm zufolge sind »über 90 Prozent derer, die geräumt wurden, mittellose oder arme Familien«. Die neue rabiate Stadtplanung mit dem Bulldozer sei »auch eine Illustration des wachsenden Abstands zwischen Reichen und Armen, der beängstigende Ausmaße annimmt«. Sie drohe sich allmählich aber auch gegen die Wohlhabenden zu wenden, da die Zerstörung ganzer Siedlungen und ihres sozialen Geflechts zu einer ständig wachsenden Kriminalität führe.

In Ntaba kommen wir kurz nach dem Durchgang der Bagger an. Wir sehen noch die frischen, verkohlten Trümmer: Die Grundmauern der festen, gemauerten und zementierten Häuser, die es in dem Elendsviertel – neben eher barackenähnlichen Bauten – auch gab, wurden im Anschluss an die Arbeit der Planierraupen mit Benzin übergossen und abgebrannt.

Einige junge und ältere Männer haben sich an die Straße gesetzt und verkaufen Gegenstände wie etwa Eisenbauteile, die sie aus den Ruinen geholt haben. Zum Teil handelt es sich um frühere Einwohner, die auf diese Weise etwas von ihrer Habe retten, während andere sich darüber beklagen, alles verloren zu haben: Bücher, Geschirr, Möbel, Hausratsartikel. Andere wiederum sind Spitzbuben, die von außerhalb kamen und sich an dem bereichern, was für viele Einwohner eine Katastrophe darstellt.

Regierung bislang vom Protest unbeeindruckt

Im Stadtzentrum demonstrieren unterdessen ein paar hundert der früheren Anwohner vor dem Sozialministerium. Nicht alle ehemaligen Bewohner, denn kaum jemand glaubt an den Erfolg kollektiven, gar politischen Handelns. Mit »Politik« verbinden junge Leute eher Bilder von Wahlkundgebungen, bei denen Bündel von Geldscheinen an die braven Anhänger verteilt werden. Dennoch ballt sich nun öffentlich vorgetragener Protest zusammen.

Eine Frau schreit in die Kameras: »Ich war schwanger, ich habe soeben entbunden! Und jetzt sitzen wir auf die Straße! Wo sollen wir hin, kann uns das einer von den Verantwortlichen mal erklären?« Ein Mann trägt unter einer Decke eine Leiche vor den Kameras her. Es ist eine, wie er angibt, 92-jährige Frau, die nach mehreren Übernachtungen unter freiem Himmel infolge des Abbruchs ihres Hauses an Unterkühlung verstorben ist.

Am folgenden Tag demonstrieren die aufgebrachten Vertriebenen vor dem Amtssitz des Premierministers. Doch unmittelbar werden sie nichts erreichen. Allerdings laufen einige Tage später Gerüchte um, wonach insgeheim einige Entschädigungszahlungen getätigt worden seien. Das hindert die Regierung nicht daran, Tage später einen weiteren Abbruch vorzunehmen. Dieses Mal trifft es La Briqueterie, ein innerstädtisches Viertel, das seit Langem Bestand hatte. Seit den dreißiger, verstärkt seit den fünfziger Jahren wurde es vor allem durch Haussa bewohnt, wie man hier Einwanderer aus dem Norden Kameruns und aus Nachbarländern in der Sahelzone nennt. Bekannt war das Quartier für seinen Markt, wo man unter anderem Wildfleisch von Stachelschweinen, Buschratten oder Affen finden konnte.

Der »untere« Teil des Stadtviertels wurde vollständig platt gewalzt. Er befand sich hangabwärts, in wenigen hundert Metern Entfernung von den Regierungsgebäuden und in Steinwurfweite von dem neuen riesigen Sportpalast, den kürzlich, wie so viele Repräsentativbauten im Land, eine chinesische Firma errichtet hat.

Bis wohin wird die Bulldozerpolitik gehen können, bevor sie auf ernsthafte Widerstände stößt? Das ist bislang nicht ausgemacht. Aus La Briqueterie wird erstmals berichtet, es habe, so die Zeitung »Le Jour«, Versuche der – 48 Stunden vor der Räumung informierten – Bewohner gegeben, sich zusammenzuschließen, um Baggern und Polizisten Widerstand entgegen zu setzen. Allerdings sei ihr Widerstand durch mehrere Lastwagenkolonnen Anti-Aufstands-Polizei im Keim erstickt worden. Ob die Regierung sich das allerdings oft erlauben kann, bleibt abzuwarten.

* Aus: Neues Deutschland, 11. Oktober 2008

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