Fukushima ist Staatsgeheimnis

Japanische Regierung setzt drei Jahre nach dem Reaktorunfall auf Vertuschung

Von Fabian Lambeck *

Es ist ruhig geworden um den Katastrophenreaktor Fukushima Daiichi. Diese Ruhe verdankt sich auch dem enormen Druck, den man in Japan auf kritische Ärzte und Journalisten ausübt.

Vor knapp drei Jahren kam es im japanischen Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zu mehreren Kernschmelzen. Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist auch heute noch unklar. Die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) warnten am Montag in Berlin vor der Vertuschung gesundheitlicher Folgen durch die japanische Regierung.

Dass die Lage vor Ort viel dramatischer ist, als man offiziell eingesteht, zeigen die ärztlichen Untersuchungen von Kindern aus der Präfektur Fukushima. Nach Angaben von IPPNW sei die Zunahme von Schilddrüsenkrebs schon jetzt besorgniserregend. Lag die Krebsrate vor dem Reaktorunglück bei 0,35 Fällen pro 100 000 Kinder, kämen mittlerweile 13 Fälle auf 100 000. »Schilddrüsenkrebs ist sehr selten, erst recht bei Kindern«, so die Vorsitzende der deutschen IPPNW-Sektion, Angelika Claußen. Für ihre Organisation sei die Zunahme der Krebsfälle ein deutliches Indiz für eine erhöhte Strahlenbelastung. Zumal gilt: Wer als Kind verstrahlt wurde, trägt sein Leben lang ein erhöhtes Krebsrisiko.

Tatsächlich könnte die Situation rund um Fukushima noch schlimmer sein: Denn nach anderen Erkrankungen wie Leukämie, Lymphonen oder soliden Tumoren werde gar nicht erst gesucht, so Claußen. Auch die Säuglingssterblichkeit werde nicht gesondert erfasst. Dabei habe es in Weißrussland bereits im ersten Jahr nach der Katastrophe von Tschernobyl einen signifikanten Anstieg der Säuglingssterblichkeit gegeben.

Offenbar sollen die Ärzte auch nichts Auffälliges finden. »Während meines Aufenthalts in Japan im Oktober 2013 berichteten mir Ärzte immer wieder, dass sie unter Druck gesetzt wurden, wenn sie nach möglichen strahlenbedingten Veränderungen suchten«, berichtete die deutsche IPPNW-Chefin. Interessanterweise waren es auch Krankenversicherungen, die derartige Untersuchungen abwürgen wollten.

Die japanische Journalistin Oshidori Mako schilderte am Montag, wie die Behörden von den Folgen des Unfalls ablenkten. So würden etwa Schulen gezwungen, Obst und Gemüse aus der Region Fukushima zu verwenden, um deren Unbedenklichkeit zu demonstrieren. Mako berichtete zudem vom Besuch eines weißrussischen Arztes. Die von dem Mediziner auf dem Gelände einer Schule vorgenommen Messungen hätten teilweise bedenkliche Strahlenwerte ergeben. »Bei uns in Weißrussland hätte man die Schule längst evakuiert«, wunderte sich der Arzt. Doch in Japan sei der Unterricht einfach weitergegangen, so Mako, die in Japan als Expertin für Fukushima gilt.

Die Journalistin wunderte sich zudem, dass man Japan für ein freies Land halte. Sie selbst werde aufgrund ihrer kritischen Berichterstattung überwacht. Ihr Name finde sich auf einer staatlichen Liste, die sie als »Observierungsobjekt« ausweise. Tatsächlich zeigte Mako ein heimlich geknipstes Foto, auf dem einer ihrer Bewacher zu sehen sein sollte. Die ständige Bespitzelung führe dazu, dass sich mögliche Zeugen nicht mehr bei ihr meldeten. Zudem sei es für Pressevertreter noch schwieriger geworden, in der Sache zu recherchieren und Whistleblower zu finden, so Mako. Grund sei ein Ende 2013 verabschiedetes Gesetz zum besseren Schutz von Staatsgeheimnissen. Der Verrat »bestimmter Geheimnisse« wird seitdem mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft. »Dadurch wird es für Journalisten noch schwieriger, über kritische Inhalte zu berichten.« Zumal nicht genau definiert sei, was ein ein solches Geheimnis sei, beklagte Mako.

Kein Wunder, dass alles ruhig zu sein scheint. Der Japanologe Detlev Schauwecker, der seit über 40 Jahren im Land lebt, betonte: »Das Bild von der harmonischen Gesellschaft ist nicht zutreffend.« Es gebe durchaus Protest gegen die Regierung und ihre Atompolitik, doch werde dieser hierzulande nicht wahrgenommen. In Bezug auf die Politik Japans meinte Schauwecker: »Es gibt Mechanismen wie in totalitären Systemen.«

* Aus: neues deutschland, Dienstag, 4. März 2914


Schweigekartell in Japan

Drei Jahre nach Katastrophe von Fukushima: Regierung in Tokio setzt weiter auf Atomkraft. Stromkonzerne unterdrücken kritische Berichte, Tote werden nicht gezählt

Von Jana Frielinghaus **


Auf eine »Mauer des höflichen Schweigens« sei sie bei ihren Reisen in Japan immer wieder getroffen, sagt Angelika Claußen, bis Anfang 2013 Vorsitzende der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW). Wenn sie die Weitergabe von Expertisen zu den gesundheitlichen Folgen des Reaktorunglücks im sowjetischen Tschernobyl 1986 angeboten habe, sei dies stets kommentarlos übergangen worden, berichtete Claußen am Montag in Berlin.

Gemeinsam mit der jungen japanischen Journalistin Oshidori Mako und dem deutschen Japanologen Detlev Schauwecker, der sich in der Anti-AKW-Bewegung der Präfekturen Kyoto und Fukui engagiert, schilderte die Ärztin die Situation in dem ost­asiatischen Land drei Jahre nach der bisher größten nuklearen Katastrophe weltweit. Am 11. März 2011 waren in Folge eines schweren Erdbebens im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi vier Reaktorblöcke explodiert. Seither senden die Nachrichtenagenturen immer wieder Kurzmeldungen über Lecks in den Tanks, in denen mittlerweile 400000 Tonnen extrem verseuchtes Grund- und Kühlwasser lagern. Täglich gelangen 300 Tonnen hochradioaktives Wasser in den Pazifik, wie die Regierung in Tokio im August 2013 einräumen mußte (siehe jW vom 26.10.2013).

Die Schilderungen von Oshidori Mako vermittelten einen Eindruck davon, wieviel Energie Nippons Regierung, regionale Behörden und die mächtigen Stromkonzerne darauf verwenden, eine ernsthafte Evaluation der gesundheitlichen Folgen des Super-GAUs und kritische Berichte zu unterbinden. Detlev Schauwecker zufolge wid die Katastrophe auch an japanischen Schulen so gut wie gar nicht thematisiert. Nur über die Schäden durch den Tsunami im Nordosten Japans werde gesprochen.

Oshidori Mako gelingt es immer seltener, Interviews mit Ärzten und Betroffenen zu führen. Behördenvertreter rückten ihr bei entsprechenden Versuchen auf den Leib, schnitten Gespräche mit, fotografierten, notierten sich die Namen und Autokennzeichnen von Müttern aus den verstrahlten Gebieten, mit denen Mako über die Situation ihrer Familien reden wollte. Zur allgemeinen Verunsicherung trage das »Gesetz zum Schutz besonderer Staatsgeheimnisse«, das die Abe-Regierung 2012 verabschiedete, bei. Darin sei weder klar definiert, was ein solches Geheimnis ist, noch, welche Strafen auf dessen »Verrat« stehen, erläuterte Mako auf jW-Nachfrage.

Angelika Claußen berichtete, Ärzte, die weitergehende Gesundheitstests vornehmen wollten, würden massiv von Krankenkassen, aber auch von Ärztefunktionären unter Druck gesetzt. Die Kassen drohten beispielsweise, den Medizinern »keine Patienten mehr zu schicken«.

Ein Schweigekartell gibt es jedoch nicht nur auf nationaler Ebene. Im Dezember 2012 vereinbarten der Gouverneur der Präfektur Fukushima und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA ein »Memorandum of Cooperation«, dem zufolge letztere Unterstützung bei Dekontamination und Gesundheitstests leistet – und dafür sorgt, daß etwa Schilddrüsen­screenings nur von ausgewählten Ärzten vorgenommen werden. Dennoch sprechen die offiziellen Zahlen zu Schilddrüsenkrebserkrankungen in der Region für sich. Ohne radioaktive Belastung gibt es nur 0,35 Fälle auf 100000 Einwohner. In der Präfektur Fukushima wurden von 2011 bis Ende 2013 bei unter 18jährigen 33 Fälle und 44 Verdachtsfälle festgestellt, was einer Häufigkeit von 13 je 100000 Einwohner entspricht. Andere durch Radioaktivität bedingte Erkrankungen wie Leukämien, erhöhte Säuglingssterblichkeit, Mutationen etc. werden in Japan nach der Katastrophe nicht systematisch erfaßt – »getreu dem Motto: Wer nicht sucht, kann auch nicht finden«, so Claußen.

Besonders dramatisch ist nach Angaben der IPPNW-Aktivistin die Lage der Liquidatoren. Von den Arbeitern, die nach der Katastrophe in den Reaktorruinen tätig waren, seien nur 15 Prozent direkt beim AKW-Betreiber Tepco angestellt gewesen. Nur sie haben jedoch Anspruch auf kostenlose Krebsvorsorgeuntersuchungen – wenn denn eine Strahlendosis von 100 Millisievert pro Jahr erreicht werde, so Oshidori Mako. Tepco sorge jedoch in den meisten Fällen dafür, daß die Betroffenen vor Erreichen dieses Wertes entlassen oder in Tochterfirmen weiterbeschäftigt würden. 85 Prozent der Liquidatoren sind Claußen zufolge ohnehin in »Sub-Sub-Subunternehmen« tätig und damit von jeder Versorgung ausgeschlossen. Außerdem tauchen sie, wenn sie sterben, in den Statistiken von Tepco und IAEA nicht auf. Außerdem werden vom Konzern nur diejenigen Todesfälle registriert, die sich bei der Arbeit ereigneten.

Unmittelbar nach der Katastrophe wurden zunächst alle AKW in Japan abgeschaltet. Doch im Februar kündigte die Regierung an, drei neue Reaktoren fertig bauen zu lassen, deren Errichtung nach dem Super-GAU unterbrochen worden war. Außerdem sollen im Frühjahr die ersten stillgelegten Meiler wieder in Betrieb genommen werden.

** Aus: junge Welt, Dienstag, 4. März 2914


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