Blutiger Sturm auf Tivoli Gardens

Jagd auf einen jamaikanischen Drogenbaron kostet mehrere Dutzend Menschen das Leben

Von Hans-Ulrich Dillmann, Santo Domingo *

Bei blutigen Auseinandersetzungen um die Entwaffnung einer Drogenbande im Karibikstaat Jamaika sind nach neuen Angaben der Rettungskräfte mehr als 60 Menschen getötet worden. Der gesuchte Gangster Christopher »Dudus« Coke wurde indes offenbar noch nicht gefasst.

2009 sorgte der Supersprinter Usain Bolt für positive Schlagzeilen, die Jamaika dem Vernehmen nach auch zusätzlichen touristischen Zulauf bescherte. Nun ist es das hässliche Gesicht der Karibikinsel, das Tag für Tag in die Nachrichten drängt: tödliche Gewalt. Die ist in Jamaika zwar Alltag – 2009 wurden 1660 Menschen auf dem 2,3 Millionen-Eiland ermordet –, hat global aber nur in Ausnahmefällen Nachrichtenwert. Die Stürmung des berüchtigten Westkingstoner Ghettos Tivoli Gardens gehört dazu. Dabei sind in der jamaikanischen Hauptstadt am Montag und Dienstag (24. und 25. Mai) mindestens 60 Personen getötet worden, darunter eine große Zahl von Zivilisten.

Mehr als 1000 Soldaten und Mitglieder von Polizeieinheiten hatten am Montag Tivoli Gardens gestürmt, wo sich der wegen Drogen- und Waffenhandels gesuchte Christopher »Dudus« Coke verschanzt hat. Auch am Dienstag waren nach Zeitungsberichten aus Kingston noch Explosionen und Schusswechsel zu hören. Der 41-jährige Coke soll nach einer Gerichtsentscheidung an die USA ausgeliefert werden. Ihm wird vorgeworfen, Chef einer kriminellen Bande in der Karibik zu sein und den US-amerikanischen Markt mit Drogen zu versorgen.

Die Auseinandersetzungen hatten in der vergangenen Woche begonnen, als die jamaikanischen Justizbehörden dem US-Auslieferungsersuchen stattgaben und die Inhaftierung des Veranstaltungsorganisatoren anordneten. Darauf riegelten Bewohner des Stadtviertels die Zufahrtswege mit Barrikaden ab, um »Dudus« Coke zu verteidigen, den sie als einen modernen Robin Hood verehren. Am Wochenende hatten Stadtteilbewohner mehrere Polizeistationen beschossen.

Am Montag begannen dann Spezialkommandos mit Räumgerät die zahlreichen Barrikaden in Tivoli Gardens zu durchbrechen. Zuvor war in den Stadtteilen, in denen sich vermutlich Mitglieder der Bande verschanzt hatten, der Strom abgestellt worden. Nach Angaben von Hospitalmitarbeitern, auf die sich die Tageszeitung »The Gleaner« beruft, waren unter den über 60 Getöteten mindestens vier Polizisten. »The Gleaner« sprach von einer »blutigen Offensive« gegen Tivoli Gardens, bei der auch Kinder getötet worden sein sollen. Schon in der Vergangenheit war der jamaikanischen Polizei immer wieder vorgeworfen worden, dass sie bei Auseinandersetzungen mit echten oder vermeintlichen Straftätern mit harter Hand vorgeht und auch vor extralegalen Hinrichtungen nicht zurückschreckt.

Schon vor zwei Jahrzehnten hatte der Tod des Adoptivvaters des jetzt Gesuchten zu gewaltsamen Auseinandersetzungen geführt. Lester Cokes, der Gründer der »Shower Posse«-Bande, die jetzt Christopher »Dudus« Coke kommandieren soll, war in einer Haftzelle umgekommen, als er auf seine Auslieferung in die USA wartete.

* Aus: Neues Deutschland, 27. Mai 2010


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