Israel, Naher Osten, Apartheid (Friedensratschlag)
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"Die Apartheid hat keine Zukunft" - Nelson Mandela und die israelische Politik

Ein fingierter Brief an Thomas L. Friedman (Kolumnist der New York Times)

Den folgenden fingierten Brief schrieb nicht Nelson Mandela Anfang April 2001, sondern ein Student in Südafrika. Er ist für uns von der Homepage der Universität von Johannesburg heruntergeladen worden. Der anonyme Autor verwendet Originalzitate und Standpunkte des "wise old man" und überträgt diese Sichtweise auf die Verhältnisse in Israel/Palästina.

Lieber Thomas,
Ich weiß, dass du und ich den Frieden im Nahen Osten wünschen, aber bevor du fortfährst, über die notwendigen Bedingungen aus einer israelischen Perspektive zu sprechen, solltest du wissen, was ich darüber denke. Wo soll ich beginnen? Wie wäre es mit 1964?

Lass mich zitieren, was ich während meines Prozesses gesagt habe. Es ist heute genauso wahr wie damals: "Ich habe gegen eine weiße Vorherrschaft gekämpft und ich habe gegen eine schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich habe nach dem Ideal einer demokratischen und freien Gesellschaft gestrebt, in der alle Menschen in Eintracht und mit gleichen Chancen leben. Es ist ein Ideal, für das ich zu leben und das ich zu erreichen hoffe. Und wenn es sein muss, ist es auch ein Ideal, für das ich zu sterben bereit bin."

Heute erkennt die Welt, erkennen Schwarze und Weiße, dass die Apartheid keine Zukunft hat. In Südafrika wurde sie beendet durch unsere eigenen entschlossenen Massenaktionen, damit Frieden und Sicherheit entstehen konnten. Diese Massenbewegung des zivilen Ungehorsams und andere Aktionen konnten nur in die Errichtung der Demokratie münden. Vielleicht ist es ungewohnt für dich, die Situation in Palästina oder genauer: die Struktur der politischen und kulturellen Beziehungen zwischen Palästinensern und Israelis als ein Apartheid-System zu betrachten. Das kommt daher, dass du fälschlicherweise davon ausgehst, das Problem Palästinas hätte 1967 begonnen. So war es deiner jüngsten Kolumne "Bush`s First Memo" in der New York Times vom 27. März 2001 zu entnehmen. Du schienst überrascht darüber zu sein, dass auch noch Probleme von 1948 auf eine Lösung warten, wovon das wichtigste das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge ist.

Der palästinensisch-israelische Konflikt ist eben nicht nur eine Frage der militärischen Besetzung und Israel ist kein Land, das "normal" gegründet wurde und nur zufällig 1967 ein anderes Land besetzt hat. Die Palästinenser kämpfen nicht für einen "Staat", sondern für Freiheit, Befreiung und Gleichheit, so wie wir für Freiheit in Südafrika gekämpft haben. In den vergangenen Jahren, insbesondere während der Regierungszeit der Arbeitspartei, ließ Israel erkennen, dass es nicht gewillt war zurückzugeben, was es 1976 besetzt hatte: Die Siedlungen sollten bleiben, Jerusalem sollte unter israelischer Oberhoheit bleiben und die Palästinenser sollten keinen unabhängigen Staat haben, sondern weiter unter israelischer wirtschaftlicher Abhängigkeit stehen, die in der Kontrolle Israels über Grenzen, Land, Luft, Wasser und Meer besteht. Israel dachte nicht an einen "Staat", sondern an "Abtrennung" ("separation"). Der Nutzen einer Abtrennung liegt für Israel in der Möglichkeit, den jüdischen Staat jüdisch zu halten und keine palästinensische Minderheit zu haben, die irgendwann in der Zukunft zu einer Mehrheit werden könnte. Sollte dies geschehen, wäre Israel gezwungen, entweder ein weltlicher oder binationaler Staat zu werden, oder sich nicht nur de facto, sondern auch de jure in einen Apartheid-Staat zu verwandeln.

Thomas, wenn du die Umfragen der letzten 30 oder 40 Jahre verfolgst, stößt du auf einen ausgeprägten Rassismus: Ein Drittel der israelischen Bevölkerung bekennen sich offen dazu Rassisten zu sein. Dieser Rassismus ist von der Art: "Ich hasse Araber" und "Ich wünschte, dass die Araber tot sind." Auch wenn du dir das Rechtssystem in Israel ansiehst, wirst du finden, dass es die Palästinenser diskriminiert, und wenn du darüber hinaus die 1967 okkupierten Gebiete betrachtest, siehst du, dass hier sogar zwei Rechtssysteme zur Anwendung kommen, die zwei unterschiedliche Herangehensweisen an Menschenleben repräsentieren: eine für palästinensisches Leben und die andere für israelisches Leben. Hinzu kommen zwei unterschiedliche Ansichten über Besitz und Land. Palästinensisches Eigentum wird nicht als Privateigentum angesehen, weil es beschlagnahmt werden kann. Bezüglich der israelischen Besetzung der Westbank und des Gazastreifens kommt noch ein Moment hinzu. Die so genannten "Autonomen palästinensischen Gebiete" sind Bantustans. Dies sind begrenzte Einheiten innerhalb der Machtstruktur des israelischen Apartheid-Systems. Der palästinensische Staat kann nicht ein Nebenprodukt des jüdischen Staates sein, nur um die jüdische Reinheit Israels aufrecht zu erhalten. Israels Rassendiskriminierung gehört zum Alltag der meisten Palästinenser. Seitdem Israel ein jüdischer Staat ist, genießen Israels Juden Sonderrechte, die Nicht-Juden nicht haben. Palästinensische Araber haben in einem "jüdischen" Staat keinen Platz. Apartheid ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Israel hat Millionen von Palästinensern ihrer Freiheit und ihres Eigentums beraubt. Es hat ein System kolossaler Rassendiskriminierung und Ungleichheit aufrecht erhalten. Es hat - unter Missachtung der Regeln des internationalen Rechts - systematisch Tausende von Palästinensern eingekerkert und gefoltert. Es hat einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung, insbesondere gegen Kinder geführt. Die Antworten, die Südafrika auf die Missachtung der Menschenrechte gab, begannen mit der Abschaffung der Praktiken bzw. der Apartheid-Politik - sie werfen ein Licht darauf, was auch die israelische Gesellschaft unbedingt tun muss, bevor man von einem gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten und vom Ende der Apartheid-Politik sprechen kann.

Thomas, ich lehne Nahost-Diplomatie nicht ab. Aber ich mit dir nicht so nachsichtig sein wie deine Anhänger. Wenn du Frieden und Demokratie willst, werde ich dich unterstützen. Wenn du eine offizielle Apartheid willst, werden wir dich nicht unterstützen. Wenn du rassistische Diskriminierung und ethnische Säuberung willst, werden wir uns dagegen weden. Wenn du dir klar darüber bist, was du willst, sag es mir.

Aus dem Englischen: Pst

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