Kollektivbestrafung macht 500 Palästinenser obdachlos

Ein Bericht aus der israelischen Friedensbewegung über die fast alltägliche Gewalt

Am 4. Juli erhielten wir die folgende Meldung aus der israelischen Friedensgruppe Gush Shalom:

In der Nacht zum 3. Juli wurde ein israelischer Siedler namens Yair Har-Sinai in der Nähe der Siedlungsenklave Sussia im Süden des Westjordanlandes erschossen. Siedlerkollegen, die tags darauf sehr ausgiebig befragt wurden, sagten zwei Dinge über ihn: dass er im Unterschied zu anderen Siedlern kein Gewehr trug und behauptete, für Koexistenz (mit den Palästinensern) zu sein; und dass er mehr als jeder andere Siedler stets eifrig darauf bedacht war, "Staatsland", das heißt konfiszierten palästinensischen Boden, in Anspruch zu nehmen und deshalb Tag und Nacht seine Schafe dort weiden ließ, "um diesen Boden zu wirklich jüdischem Land zu machen" - aus Sicht der Siedler das größte mögliche Lob. Dieser irregeleitete Mensch kann einem leid tun, wie überhaupt die ständig wachsende Zahl der Opfer, die der heftige Wirbelsturm der vergangenen neun Monate fordert. Aber jeder unparteiische Beobachter muss einräumen, dass Har-Sinais beide Eigenschaften sich glatt widersprachen. Man kann nun mal nicht ein Freund von Koexistenz sein, und noch weniger ein unbewaffneter Pazifist, und gleichzeitig aktiv beteiligt an der Enteignung seiner Nachbarn. Har-Sinai starb an diesem Widerspruch.

Dies war in der Nacht zum 3.7. Am Morgen des 3. Juli, nur Stunden, nachdem Har-Sinais Leichnam gefunden wurde, drang israelisches Militär in benachbarte palästinensische Dörfer ein, sprengte systematisch Häuser und die Höhlen, in denen viele der armen palästinensischen Bauern wohnen, zerstörte Plantagen und schüttete Brunnen zu. 500 Menschen wurden obdachlos gemacht. Bislang sind noch nicht alle Einzelheiten bekannt, da die Armee das ganze Gebiet umstellt hat und weder Menschenrechtsaktivisten oder selbst dem Roten Kreuz, das anbot, die eben enteigneten Familien mit Zelten zu versorgen, den Zugang gestattet.

Es handelte sich eindeutig um einen Akt kollektiver Bestrafung, in flagranter Verletzung des Völkerrechts. Und, noch schlimmer: ein Mord wurde zum Vorwand genommen, um mit der Umsetzung eines langfristigen, umfassenden Enteignungsplans fortzufahren. Schon 1982 war das gesamte Gebiet - 86.000 Dunum - zum "militärischen Sperrgebiet" erklärt und den dort wohnenden Palästinenser befohlen worden wegzuziehen, um Platz zu schaffen für die Gründung israelischer Siedlungen. Sie weigerten sich, die Reihe kleiner Dörfer zu verlassen, die oft mehr aus Höhlen als Häusern bestanden und in denen ihre Vorfahren Jahrhunderte lang gelebt hatten: Wad Rakhaim, Karbet al-Nabi, Imnaizel, al-Shatneh und Kharbet al-Sussia (den Namen wie die Böden des letztgenannten eignete sich die in der Nähe gegründete israelische Siedlung an). Die letzten beiden Jahrzehnte führten sie ein prekäres Dasein auf dem, was von ihrem Land übrig geblieben war, ständig Übergriffen und Anmaßungen der Siedler ausgesetzt. Nun wird anscheinend der Mord benutzt, um das Enteignungswerk zum Abschluss zu bringen. Diese tragische und empörende Geschichte illustriert wie wenig anderes die Sackgasse, in der wir stecken. Die israelische Regierung fordert einen Waffenstillstand: "vollständig, absolut ruhig, bei dem auch nicht ein Schuss fällt und nicht ein Stein geworfen wird" - so die Worte von Ministerpräsident Sharon. Aber gleichzeitig wird den Siedlern erlaubt, weiterhin ihre bewaffneten Enklaven zu vergrößern und ihre Nachbarn zu enteignen, und dies unter dem Schutz und bei aktiver Mitwirkung der mächtigsten Armee des Nahen Ostens.

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