Trommeln gegen die Milliardäre

Die von der Finanzkrise gebeutelten Isländer sorgten mit ihren Protesten für Neuwahlen

Von Irina Domurath, Reykjavík *

Die isländische Regierung hat am Freitag den Weg für vorgezogene Neuwahlen freigemacht. Die regierende Unabhängigkeitspartei wolle dem Parlament Wahlen Anfang Mai empfehlen, sagte Regierungschef Geir Haarde in Reykjavik. Er selbst werde nicht mehr antreten – offiziell wegen einer schweren Erkrankung. Den Rücktritt der Regierung hatten tausende Isländer seit Monaten mit ihren Protestaktionen gefordert.

Ein eisiger Wind weht mit Orkanböen durch Islands Hauptstadt Reykjavík. Etwa einhundert Demonstranten stehen vor dem kleinen Parlamentsgebäude in der Innenstadt und schlagen vor den Augen und Ohren der Polizei auf Trommeln, Eimer und Pfannen, stimmen Sprechchöre an und entzünden kleine Feuer. Bis zum Abend werden es immer mehr werden. Manchmal sind es mehrere Tausend. Und wie jeden Tag werden sie bis tief in die Nacht dort stehen. Ihr Zorn richtet sich insbesondere gegen Geir Haarde, den isländischen Premierminister, und David Oddson, den Vorsitzenden der isländischen Zentralbank.

Eier und Schneebälle gegen Tränengas

David Oddson war vor Geir Haarde Premierminister, mit 13 Jahren sogar der am längsten amtierende. In seine Zeit fielen die radikale Privatisierung der Banken und die Öffnung Islands für internationale Spekulationsgeschäfte. Danach wurde er Chef der Zentralbank und überwachte die Tätigkeiten der Banken. In jüngster Zeit zeichnete Geir Haarde für die politischen Rahmenbedingungen der Finanzwirtschaft verantwortlich. Beide verbinden nicht nur politische Bande, sondern auch persönliche Freundschaft. Daher wird ihnen auch die Schuld für die Misere gegeben, in der Island steckt. Und die Proteste, die – nur durch die Weihnachtspause des Parlaments unterbrochen – seit dem Zusammenbruch des Wirtschaftssystems im Herbst des vergangenen Jahres andauern, verstärken sich immer mehr.

Die Protestierenden sind friedlich, doch in ihnen brodelt es. Als sie glaubte, die Massen nicht mehr kontrollieren zu können, setzte die Polizei schon Tränengas ein. Die Demonstranten antworteten mit dem Werfen von Eiern, Schneebällen und Steinen. In der Fernsehübertragung aus dem Plenarsaal konnte jeder sehen, dass die Politiker die Rücktrittsforderungen deutlich vernehmen können.

Es sind die größten Proteste seit dem Beitritt Islands zur NATO 1949. Die Stimmung auf der sonst so friedlichen Insel ist anders, seit die Wirtschaftskrise und der nahende Staatsbankrott jeden einzelnen erreicht haben. Jetzt lassen die Isländer ihrem Frust freien Lauf, wie etwa der Demonstrant, der im November mit seinem Plakat »Verdammte beschissene Scheiße!« Berühmtheit erlangte. Er traf mit diesem Slogan den Kern der isländischen Befindlichkeit. Denn viele wissen nicht, auf wen sie zuerst wütend sein sollen: auf die USA, die bis 2004 eine Militärbasis auf dem im Kalten Krieg strategisch wichtigen Island unterhielten und nun dem vermeintlichen Freund trotzdem keine Hilfe anboten. Auf Großbritannien, dessen Premier unter Anwendung eines Anti-Terror-Gesetzes die isländischen Bankkonten in England einfror und den Fall der Banken damit besiegelte. Auf Geir Haarde und David Oddson oder auf sich selbst, weil so viele in die Falle getappt sind, Kredite über Kredite für Auto und Wohnung aufzunehmen – und die lang anhaltende finanzielle Belastung zu unterschätzen. Die übliche Gelassenheit der Isländer ist in jedem Fall aufrührerischer Wut gewichen.

Korruptionsvorwürfe aus allen Schichten

»Sie spekulierten weltweit mit der Isländischen Krone, privatisierten die Banken, verkauften sie an ausgewählte Parteimitglieder, die im Zuge dessen unglaublich reich wurden«, fasst Gunnar Hansson die Kritik an der politischen Führung zusammen. »Sie haben die Banken praktisch für umsonst bekommen. Plötzlich hatte dieses kleine Land viele neue Milliardäre, die eine geschmacklose, aufgeblähte Party nach der anderen feierten und der Rest der Bevölkerung muss nun lange dafür bezahlen«, so der 38-jährige bekannte Schauspieler.

Mit dieser Ansicht steht der Familienvater nicht allein da. Die isländische Bevölkerung hält die gesamte Führungsriege für korrumpiert und giert nun nach politischer Reinigung. Die Korruptionsvorwürfe kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, von revolutionären Studenten, mittleren Angestellten und Professoren gleichermaßen.

»Das Schlimmste ist, dass es die kleinen Leute trifft, die mit dem Bankengeschäft nichts zu tun haben«, erzählt Hansson. Er weiß, wovon er spricht, erfüllte er sich doch Ende 2007 einen Kindheitstraum, als er damit begann, Vespa-Roller nach Island zu importieren. Das Geschäft lief gut an, die Isländer waren interessiert. Aber mit dem freien Wertverfall der isländischen Krone wurde es immer schwieriger und schließlich unmöglich, die Importkosten zu tragen. »Ich bin nicht sehr zuversichtlich, was die Zukunft meines kleinen Geschäfts angeht«, sagt er. Die Kredite für sein Auto und die Eigentumswohnung übersteigen den Wert der Güter um ein Vielfaches, hatte Hansson die Rückzahlung wegen der Instabilität der Krone doch extra in ausländischen Währungen vereinbart. Jetzt sind diese Währungen für die überwältigende Mehrheit der Isländer, die sich in der Vergangenheit wegen der horrenden Mietpreise gezwungen sahen, eine Wohnung zu kaufen, zu teuer geworden.

Diese Probleme haben auch die 50-jährige Politikwissenschaftlerin Áslaug und ihr Mann. Da beide seit vergangenem Oktober ohne Arbeit sind, rätseln sie, wie sie ihre Schulden bezahlen sollen. »Gott sei Dank sind die Kinder aus dem Haus«, sagt Áslaug und trommelt weiter auf ihren Blechtopf vor dem Parlament. Tausende verloren im vergangenen Herbst ihre Jobs. Auch wenn die Arbeitslosenquote von etwa 2,6 Prozent immer noch weit unter dem europäischen Durchschnitt liegt, bedeutet sie für Island – bis zum Sommer des vergangenen Jahres herrschte fast Vollbeschäftigung – einen Anstieg um mehr als 300 Prozent in nur vier Monaten. Tendenz steigend.

Besonders hart getroffen hat es neben dem Import- und Bankensektor auch die Baubranche. Wie die Hochhäuser in der Innenstadt von Reykjavík zu Ende gebaut werden sollen, weiß niemand. Es wird vermutet, dass nur die Fassade mit den Fenstern zu Ende gebracht wird, der Rest muss erst einmal warten. Auf der Baustelle für das lang geplante Konzerthaus, das dem Isländischen Sinfonieorchester endlich ein zu Hause sein soll, wird noch gearbeitet, aber die Einweihung im Dezember 2009 wird vielleicht verschoben. Die zumeist polnischen Bauarbeiter verlassen in Scharen das Land. Der ebenfalls in der Kälte ausharrende Bjarki arbeitete bis zum vergangenen Herbst für zwei Bauunternehmen. Eines davon ging sofort beim Ausbruch der Krise bankrott. Im anderen arbeitet der 37-jährige Ingenieur jetzt nur noch zu 50 Prozent, ohne zu wissen wie lange noch.

Es gibt allerdings auch krisensichere Branchen wie die Fischerei- und die Aluminiumindustrie, die beiden Grundfesten der isländischen Wirtschaft. Der Tourismus kann von dem sonst so schmerzlichen Wertverfall der Krone auch nur profitieren. Denn für Besucher ist das einstmals teure Island jetzt erschwinglich geworden, die Preise sind auf internationalen Durchschnitt gesunken. Dieser Branche wird die Krise also nichts anhaben, ganz im Gegenteil.

Und so lassen sich die Isländer nicht unterkriegen. »Wir sind schon durch härtere Zeiten gegangen«, hört man immer wieder. Um nicht tatenlos herumzusitzen, belegt Bjarki jetzt Kurse im Projekt- und Risikomanagement an der Universität. Wie er drücken Tausende erstmals oder wieder die Schulbank, machen Abschlüsse und Aufbaustudiengänge oder orientieren sich beruflich völlig um. Die Zahl der Schul- und Hochschulabschlüsse steigt. In dem Land, das ohnehin eine der höchsten Hochschulbildungsraten der Welt vorweist, wächst somit eine breite Bildungselite heran.

Dankesbriefe an die Färöer Freunde

Nachdem die Isländer von den USA im Stich gelassen wurden und die Beziehungen zum einstigen Freund Großbritannien mehr als frostig sind, hat die Krise dem Land gezeigt, welche die wahren Freundesnationen sind. Die skandinavischen Länder gaben Island im November den so bitter benötigten ersten Kredit, die kleinen Färöer Inseln zogen nach. Zu dieser Zeit rangen die Isländer bereits wochenlang um eine Kreditvergabe mit dem IWF und der EU. Daher waren sie ob des Mini-Kredites des kleinen Landes so gerührt, dass sie persönliche Dankeskarten an die Einwohner der Färöer Inseln schrieben. Der drohende Engpass an ausländischen Produkten, die mit der im Ausland so ungeliebten Isländischen Krone bezahlt werden müssen, konnte zunächst abgewendet werden.

Gunnar Hansson ist noch voller Hoffnung: »Ich habe drei Kinder. Sie öffnen meine Augen und lassen mich erkennen, was am meisten im Leben zählt, und das ist ganz sicher nicht Geld. Wenn die Dinge zu gut aussehen, um wahr zu sein, dann sind sie es höchstwahrscheinlich nicht«, philosophiert er und ergänzt: »Ich glaube, dass wir aus unseren Fehlern lernen können. Im Herzen bin ich ein Optimist.«

Noch im Dezember gab Zentralbankchef Oddson dem »Fréttabladid«, der größten Tageszeitung Islands, ein Interview, in dem er für den Fall seines Rücktritts vom Posten des Zentralbankchefs ankündigte, in die Politik zurückkehren zu wollen. Das klang für viele wie eine Drohung. Umso mehr wollen die Menschen mit ihren Protesten seinen und den Rücktritt der gesamten Regierung erzwingen.

* Aus: Neues Deutschland, 24. Januar 2009


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