Neuer isländischer Finanzkrimi

Untersuchungsbericht erhebt schwere Vorwürfe gegen die frühere Elite

Von André Anwar, Stockholm *

Große Aufregung in Island: Am Montag (12. April) hat eine vom Parlament eingesetzte, unabhängige Kommission ihren lange erwarteten Untersuchungsbericht über die Verantwortlichkeiten beim finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenbruch im Herbst 2008 vorgestellt. Am Pranger steht die frühere konservative Machtelite.

Viele Isländer machten bislang vor allem die britische Regierung für den Finanzkollaps ihres Landes verantwortlich, denn London ließ 2008 die Gelder der isländischen Großbank Kaupthing über ein Antiterrorgesetz kurzfristig einfrieren. Ein neuer Untersuchungsbericht legt nun aber nahe, dass die alte isländische Machtclique selbst wesentlich dazu beitrug, aus dem einst reichen Land ein armes zu machen. Die Schlüsselfiguren um die konservative Unabhängigkeitspartei, die das Land seit 1945 prägte, trügen die Verantwortung, legte die Ermittlergruppe auf einer Pressekonferenz in Reykjavik dar. Vor allem Zentralbankchef David Oddsson, heute Chefredakteur einer großen Zeitung, wird benannt. Des Weiteren werden dem ehemaligen Regierungschef Geir Haarde, Finanzminister Arni Mathiesen und dem Chef der Finanzaufsichtsbehörde teils grob fahrlässiges Verhalten vorgeworfen.

Die Topmanager der drei großen Banken waren international in riskante Spekulationen verwickelt und hatten einen Schuldenberg aufgebaut, der das Bruttoinlandsprodukt Islands zehnfach überstieg. 2007 und 2008, also nach Ausbruch der internationalen Finanzkrise, sollen die großen isländischen Banken ein Drittel ihrer Kredite an Empfänger ausgereicht haben, die bereits hoch verschuldet waren und keine Rückzahlungsmöglichkeiten hatten. Ein Teil der Gelder verschwand auf Auslandskonten. Privatpersonen aus den Chefetagen der Banken und Wirtschaft hätten sich bereichert, heißt es im Bericht.

Doch nicht nur die privaten Banken tragen Verantwortung. So verschlampte die Notenbank einen Kredit der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel über 500 Millionen Dollar. Angestellte vergaßen, die Abmachung zu verlängern. Zentralbankchef David Oddsson habe zudem im April 2008 ein Hilfsangebot anderer europäischer Zentralbanken abgelehnt. »Hauptgrund für den Zusammenbruch war, dass die Banken zu schnell wuchsen«, sagte Ermittlerin Sigirdur Benediktsdottir. »Die Größe unserer Banken verzwanzigfachte sich in sieben Jahren durch die unkontrollierte Deregulierung.« Weil die eigene Zentralbank kaum eigene Währungsreserven hatte, brach dann der Kurs der isländischen Krone zusammen. Der über 2000 Seiten zählende Hauptteil des Berichts wird über den Buchhandel erhältlich sein. Man komme mit den Vorbestellungen gar nicht mehr mit, so Ingdor Asgeirsson vom herausgebenden Verlag. Die erste Auflage sei schon vor dem Druck ausverkauft gewesen. »Wir gehen von mehr Abnehmern als bei den populärsten Kriminalromanen aus«, sagt Asgeirsson.

Im Herbst 2008 kam es im Sog der Finanzkrise zur Pleite und Zwangsverstaatlichung der drei isländischen Großbanken. In der Folge verlor die Krone massiv an Wert, die Arbeitslosigkeit stieg und die Regierung musste zurücktreten. Nur Notkredite des IWF und Hilfen von Nachbarländern verhinderten die Zahlungsunfähigkeit. Die Bevölkerung leidet unter unbezahlbar gewordenen Fremdwährungskrediten für Haus und Auto.

* Aus: Neues Deutschland, 14. April 2010


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