Island rechnet ab

Verantwortliche für die Krise verhaftet. Vermögen von Reichen eingefroren

Von Georg Brzoska *

Interpol fahndet nach dem früheren Aufsichtsratschef der zusammengebrochenen isländischen Kaupthing-Bank. Der 49jährige Sigurd Einarsson, der in London lebt, wird wegen Betrugs gesucht, wie aus dem internationalen Haftbefehl des Bezirksgerichts in Reykjavik hervorgeht. Das berichtete die Nachrichtenagentur dapd am Donnerstag. Seit dem 6. Mai wurden bereits vier der höchsten ehemaligen Kaupthing-Manager verhaftet. Zuletzt waren am Montag die Banker Ingolfur Helgason und Steingrimur Karason in der isländischen Hauptstadt bei ihrer Ankunft aus Luxemburg, wo sie leben, verhaftet worden. Ihnen werden Betrug, Fälschung von Dokumenten und Verstöße gegen das Aktiengesetz vorgeworfen. Bei einer Verurteilung drohen ihnen bis zu acht Jahren Gefängnis.

Die Finanzbehörde des Landes kündigte kürzlich an, daß die isländischen Vermögen der meisten Oligarchen wegen des Verdachtes auf Steuerhinterziehung beschlagnahmt werden. Für fünf von ihnen ist das bereits geschehen. Außerdem soll auf Anordnung eines britischen Gerichtes das weltweite Vermögen von Jon Asgeir Johannesson, eines der schillerndsten isländischen Wirtschaftsbosse, eingefroren werden.

Durch eine schnelle und radikale Deregulierung und Privatisierung waren die isländischen Oligarchen und Banker zu global agierenden Aufkäufern geworden, die sich als »neue Wikinger« feiern ließen. Zuletzt betrugen die Verpflichtungen der drei führenden Banken das Elffache des isländischen Bruttoinlandsprodukts. Im Oktober 2008 brach das Kartenhaus innerhalb weniger Tage zusammen. Am 12. April wurde der Abschlußbericht des Parlamentskomitees zu den Ursachen und Verantwortlichen des Crashs veröffentlicht. Seitdem sind nicht nur die Justizbehörden aktiv, eine breite Bewegung fordert Rechenschaft. Mehrere führende Politiker traten zurück, einige leitende Journalisten verließen ihre Posten unter Protest, weil sie von den Medienunternehmen zu Schönfärberei angehalten wurden.

* Aus: junge Welt, 14. Mai 2010


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