BRICS, neuer Wachstumspol: gegen Iran-Sanktionen, 01.04.2012 (Friedensratschlag)
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BRICS – der "neue Wachstumspol"

Fünf-Staaten-Gipfel tagt in Indiens Hauptstadt

Von Hilmar König *

Unter dem Motto »BRICS-Partnerschaft für globale Stabilität, Sicherheit und Prosperität« treffen sich Staats- und Regierungschefs Brasiliens, Russlands, Indiens, Chinas und Südafrikas (BRICS) am Donnerstag (29. März) in Delhi zu ihrem 4. Gipfel. Gastgeber Indien übernimmt für ein Jahr den Vorsitz der Staatengruppe.

Auf dem umfangreichen Programm des Gipfels stehen Themen wie nachhaltige und ausgewogene Entwicklung, Nahrungsmittel- und Energiesicherheit, Klimawandel, die Eurokrise und Reformen der internationalen Finanzarchitektur. Vorgeschlagen wurde jüngst beispielsweise die Erhöhung der Einzahlungen der BRICS-Staaten in den Internationalen Währungsfonds bei gleichzeitiger Umverteilung der Quoten in diesem Fonds. Zu den politischen Themen des Gipfels werden gewiss auch die Entwicklungen im Nahen Osten, in Syrien und Iran gehören. Die BRICS-Staaten sind sich ihres wirtschaftlichen, politischen und strategischen Gewichts bewusst.

Immerhin repräsentieren sie etwas mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung, verfügen über rund ein Viertel der Landmasse unseres Planeten und weisen bemerkenswerte Wirtschaftswachstumsraten auf. Ihre natürlichen Ressourcen, die menschlichen und technologischen Kapazitäten sind längst nicht ausgeschöpft und machen die Gruppe zu einem wesentlichen Faktor in der Weltpolitik. Ganz zu schweigen von ihrem enormen militärischen Potenzial. Erklärtes Ziel ist der politische Dialog über eine demokratische, multipolare Weltordnung.

Vor der Presse in Neu-Delhi bezeichnete Sudhir Vyas, Sekretär für ökonomische Beziehungen im indischen Außenministerium, die Gruppe als »neuen Wachstumspol in einer multipolaren Welt«. Das habe sich im Verlauf der globalen Wirtschaftskrise gezeigt, als sie »eine vitale Rolle spielte und der Weltwirtschaft half, aus dem Schatten der Krise zu treten.«

Anand Sharma, Indiens Minister für Industrie, Handel und Textilien, schlug in die gleiche Kerbe, als er sich kurz vor dem Gipfel zuversichtlich gab, dass die BRICSStaaten auch künftig schnell wachsen werden. Zugleich verwies er darauf, dass »die Risiken für die Weltwirtschaft, die von der Schuldenkrise der Eurozone ausgehen, sowie Unsicherheiten auf den globalen Energiemärkten« natürlich auch Auswirkungen auf diese Staatengruppe haben. Der Gipfel finde zu einer Zeit statt, da man sich darum bemühe, eine nachhaltige Erholung vom globalen Abwärtstrend zu sichern.

Dem Treffen gingen am Mittwoch (28. März) eine Zusammenkunft der Handelsminister, ein Wirtschafts- und ein Finanzforum mit Vertretern der Außenhandels- und Entwicklungsbanken voraus. Nach ihrer Plenarsitzung am Donnerstag wollen die Staats- und Regierungschefs nicht nur eine Deklaration und ein Aktionsprogramm, sondern auch zwei Finanzabkommen unterzeichnen, die sich im Kern auf die Verwendung von Krediten in einheimischen Währungen im Rahmen der Gruppe beziehen. Der Handel zwischen den fünf Staaten wächst jährlich um durchschnittlich 28 Prozent und hat heute ein Volumen von ungefähr 230 Milliarden Dollar.

Die ursprünglich BRIC genannte Gruppe wurde 2006 auf russische Initiative geschaffen. Südafrika trat ihr 2010 bei. Der erste Gipfel fand 2009 im russischen Jekaterinburg statt. Es folgten Brasilia 2010 und Sanya in China 2011. Der nächste Gipfel ist für 2013 in Südafrika geplant.

* Aus: neues deutschland, 29. März 2012

BRICS-Staaten wollen weiter mit Iran Geschäfte machen

Indien und China haben während des BRICS-Gipfels in Delhi ihre Absicht bekundet, den Handel mit Iran fortzusetzen. Dies meldete am 29. März The Economic Times (das Wirtschaftsfachblatt der Indian Times). Damit widersetzen sich die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Welt den Bemühungen der USA und der EU, ein globales Embargo gegen die iranische Wirtschaft zustande zu bekommen. China und Indien bekamen demonstrative Unterstützung durch die drei anderen Mitglieder des BRICS-Bündnisses, Russland, Brasilien und Südafrika.

Dieser Schritt ist nicht nur von großer politischer Bedeutung, sondern hat auch wirtschaftliche Wirkung. Die BRICS-Staaten sind längst keine vernachlässigbare wirtschaftliche Größe mehr in der Welt. Ihr Anteil am Weltsozialprodukt stieg von 8,4 Prozent im Jahr 2000 auf 18,2 Prozent im Jahr 2010. Damit zogen diese fünf Staaten immerhin mit der EURO-Zone gleich. Einer seriösen Prognose zufolge soll die Wirtschaftsleistung der BRICS-Gruppe bis zum Jahr 2016 auf 23,8 Prozent steigen.

Zwar wird der Westen weiter versuchen, den Iran zu isolieren, nach der Ankündigung von Delhi dürfte das aber nun sehr schwer werden.

Im Folgenden bringen wir einen kurzen Auszug aus dem Originalartikel in The Economic Times, der überschrieben ist mit: "BRICS refuses to side with US in showdown with Iran":

India and China have defiantly declared their intention to continue trading with Iran, rebuffing US attempts to force them and other countries to cut economic ties with Tehran over its nuclear programme.
As both countries raised a banner of revolt at the US-led efforts to economically strangle Iran, they received support from Russia, South Africa and Brazil, in what could resonate around the world as a flexing of muscles by the BRICS powers, the new grouping of emerging powers whose leaders are holding their fourth summit meeting in Delhi this week.
While India and China have reasons to chafe at the US, not least because Iran is a big source of oil to their economies, the apparent sympathy for their stand from the other BRICS countries could drive a wedge in the Western efforts to isolate Iran. Russia and Brazil are self-reliant in oil, while South Africa has other import sources, and all three have no particular reason to humour Tehran. (...)



BRICS-Botschaft

Von Olaf Standke **

Auch Akronyme können den Wandel in der Welt verdeutlichen. BRICS gab es vor einer Dekade noch nicht. Dahinter verbirgt sich eine Staatengruppe, die zunehmend Einfluss auf die globale Entwicklung nimmt. Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika stellen mit rund drei Milliarden Menschen über 40 Prozent der Weltbevölkerung und mehr als ein Fünftel der Weltwirtschaft, mit Wachstumsraten, von denen andere nur träumen können. Selbst wenn sie sich inzwischen abgeschwächt haben. In Zeiten der Finanzkrise erhofft sich sogar mancher konkrete Beiträge der sogenannten Schwellenländer zur Lösung der hausgemachten Probleme in der Eurozone.

So groß die Unterschiede zwischen den BRICS-Staaten selbst auch sind, sie wollen nun mit gemeinsamen Institutionen ihre Zusammenarbeit und ihre Rolle auf der Weltbühne ausbauen. Was um so bemerkenswerter ist, da etwa China und Indien als regionale Konkurrenten gelten. Deshalb stand auf der Tagesordnung des gestrigen Gipfels in Delhi die Gründung einer gemeinsamen Investitionsbank, die grenzüberschreitend Entwicklungs- und Infrastrukturprojekte finanzieren soll - als Alternative zum Internationalen Währungsfonds und zur Weltbank, die trotz aller Kräfteverschiebungen noch immer von den USA, Japan und den europäischen Industriestaaten dominiert werden und sich nach Meinung der BRICS-Staaten viel zu langsam reformieren. Doch nicht nur Chinas Staatschef Hu Jintao weiß: Wollen sie ihr internationales Gewicht erhöhen, müssen sie neben der Kooperation in Wirtschaft, Handel und Finanzen auch das »politische Vertrauen« untereinander weiter vertiefen.

** Aus: neues deutschland, 30. März 2012


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