Dieser Internet-Auftritt kann nach dem Tod des Webmasters, Peter Strutynski, bis auf Weiteres nicht aktualisiert werden. Er steht jedoch weiterhin als Archiv mit Beiträgen aus den Jahren 1996 – 2015 zur Verfügung.

Indien und der indisch-pakistanische Konflikt: Ereignisse ab Februar 2002

Zusammengestellt aus Agenturmeldungen

1. - 3. Februar 2002

Keine Annäherung zwischen Indien und Pakistan gab es auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Der pakistanische Außenminister Abdul Sattar und der nationale Sicherheitsberater Indiens, Brajesch Mischra, machten sich in ihren Referaten gegenseitig Vorwürfe, die Krise anzuheizen.
Am 3. Februar sollen nach Angaben indischer Medien im indisch-kaschmirischen Grenzgebiet 10 Moslem-"Extremisten" getötet worden sein.

4./5. Februar 2002

Am 5. Februar, dem so genannten pakistanischen "Solidaritätstag" mit Kaschmir, warf der pakistanische Militärmachthaber Musharraf Indien "Staatsterrorismus" vor. In einer Erklärung hieß es, niemand könne zusehen, wie Angehörige und Freunde getötet, gefoltert und vergewaltigt würden. Musharraf bot Indien Gespräche zur Lösung des Konflikts an, betonte aber gleichzeitig, Pakistan werde den Kampf der Menschen in Kaschmir für das Recht auf Selbstbestimmung politisch und moralisch unterstützen.

6. - 8. Februar 2002

Der afghanische Interimspräsident Hamid Karsai ist am 8. Februar zu einem zweitägigen Besuch in Islamabad eingetroffen. Dort traf er sich mit Pakistans Machthaber Musharaff. Beide Politiker betonten ihr gemeinsames Interesse an einem stabilen und vereinten Afghanistan.

9. - 12. Februar 2002

Am 12. Februar haben Indien und Russland einen Vertrag über die Lieferung von zwei russischen Atomreaktoren unterzeichnet. Die Meiler sind für das Atomkraftwerk Koodankulam im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu bestimmt und kosten rund 1,5 Mrd. US-Dollar (1,7 Mrd. €)

13. - 17. Februar 2002

Bevor der pakistanische Präsident Musharaff am 13. Februar zu Gesprächen nach Washington reiste, hatte er von "sicheren Anzeichen" für einen bevorstehenden indischen Atomwaffentest gesprochen. Indien bestritt den Vorwurf postwendend. Musharaffs Verdächtigungen seien "absolut ohne Grundlage", sagte der indische Premier Vajpayee am 13. Februar.
Bei den Gesprächen mit US-Präsident Bush am 14. Februar konnte Musharaff zwar keine Zusagen auf Rüstungslieferungen erhalten. Die USA wollten aber helfen, Pakistans Schulden bei amerikanischen Gläubigern in Höhe von 3,4 Mrd. EURO abzubauen. Bush sei auch bereit zu einer Zusammenarbeit der beiden Streitkräfte.

18. - 24. Februar 2002

Ein Manöver der indischen Luftwaffe an der Grenze zu Pakistan signalisierte am 19. Februar, dass die Spannungen in der Region keineswegs behoben sind.

25. - 28. Februar 2002

Am 26. Februar wurden bei einem Anschlag auf eine Moschee in Rawalpindi (Pakistan) zehn Menschen getötet und 15 zum Teil schwer verletzt. Der Militärmachthaber Mausharraf machte extremistische Gruppen, die "gegen die Politik der Regierung zur Terrorismusbekämpfung sind", verantwortlich.

Am 27. Februar kamen mindestens 57 Menschen bei einem Brandanschlag auf einen mit Hindus besetzten Zug in Westindien ums Leben. 80 Personen wurden verletzt. Der Anschlag stand vermutlich in einem Zusammenhang mit den Plänen des "Weltrats der Hindus" (VHP), auf den Trümmern einer vor 10 Jahren zerstörten Moschee einen Tempel zu errichten. Der Anschlag ereignete sich in der Provint Gujarat, die mehrheitlich von Moslems bewohnt ist. VHP-Mitglieder, die aus Indien einen Hindu-Staat machen wollen, hatten die über 400 Jahre alte Babri-Moschee von Ayodhya vor 10 Jahren geschleift. Sie hatten behauptet, davor habe an der selben Stelle ein Hindu-Tempel gestanden. In der Folge der Zerstörung der Moschee war es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems gekommen, bei denen über 3.000 Menschen getötet wurden. Nun will der CHP am 15. März mit dem Neubau des Tempels beginnen. Die Passaghiere des überfallenen Zuges hatten an einer Zeremonie des VHP teilgenommen, bei der der Platz für den künftigen Tempel einer "Reinigung" unterzogen wurde. Daher der Verdacht, die Attentäter seien Moslems. Der indische Premier Vajpayee, dessen Hindu-Partei dem VHP nahe steht, rief dazu auf, die Kampagne für den Bau des Tempels einzustellen. Auch der indische Innenminister Lal Krishna Advani distanzierte sich von den illegalen Bauplänen. Advani war seiner Zeit aber bei der Zerstörung der Moschee anwesend gewesen. Er behauptet aber, nicht dazu aufgerufen zu haben.
Am 28. Februar kam es in der Provinz Gujarat, in der das Zugattentat passierte, zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen Moslems. In Ahmedabad wurden Häuser und Geschäfte vomn Moslems zerstört, angezündet und geplündert. 28 Menschen, darunter 12 Kinder, verbrannten in ihren Häusern. Auch die indische Armee griff ein. 700 "Randalierer" wurden festgenommen. Zu Protesten kam es auch in anderen Landesteilen. Der indische Verteidigungsminister George Fenandes sagte, es müsse geprüft werden, ob der pakistanische Geheimdienst ISI hinter dem Zuganschlag stecke. Der radikal-hinduistische VHP rief zu landesweiten Protesten für den 1. März auf. Premierminister Vajpayee mahnte den VHP derweil zur Mäßigung.

1.-3. März 2002

Im Bundesstaat Gujarat eskaliert weiter die Gewalt. In der Hauptstadt Ahmedabad lieferten sich rund 2.000 Hindus und Moslems blutige Straßenschlachten, bei denen bis zum 1. März bereits 295 Menschen ums Leben kamen. Die Regierung schickte mehrere tausend Soldaten in die Stadt und verhängte den Ausnahmezustand auch in mehreren anderen Städten der Region. Mehr als 1.200 Randalierer wurden festgenommen.
Am 2. und 3. März gingen die Ausschreitungen trotz Militärpräsenz unvermindert weiter. Betroffen waren vor allem ländliche Regionen in Gujarat. Insgesamt wurden bislang über 450 Todesopfer gezählt. In manchen Fällen wurden einfach Gebäude angezündet; die Menschen darin verbrannten bei lebendigem Leib. Die indische Regierung machte indirekt auch Pakistan für die Ausschreitungen verantwortlich. Behördenvertreter verboten die Ausstrahlung der Fernsehsender "Star News" und des pakistanischen PTV. In Indien selbst darf die Religionszugehörigkeit von Gewalttätern nicht genannt werden, um Vergeltungsakten vorzubeugen.

4. - 6. März 2002

Nach den tagelangen blutigen Unruhen hat sich die Lage in der westindischen Provinz Gujarat am 4. und 5. März entspannt. Es kommt aber immer noch zu vereinzelten Gewaltaktionen. So griffen am 5. März radikale Hindus in der Stadt Sanjeli zwei katholische Missionsstationen an. Die Zahl der Todesopfer wurde mit mindestens 580 angegeben. Ein Polizeisprecher sagte aber, die endgültige Zahl könne auch noch auf mehrere Tausend steigen.
Am 5. März demonstrierten in der Provinzhauptstadt Ahmedabad rund 800 Hindus und Moslems gemeinsam für den Frieden.

Neben muslimischen Organisationen fordern nun auch verschiedene christliche Organisationen ein staatliches Verbot extremistischer Hindu-Organisationen. In einer Stellungnahme des All India Christian Council vom 6. März hieß es, mehrere Hindu-Gruppierungen verfolgten eine "Hasskampagne gegen Minderheiten" und bildeten Hunderttausende Anhänger für den bewaffneten Kampf aus. In Indien sind nur rund zwei Prozent Christen (80 % Hindus, 12 % Moslems).

Die bekannte indische Schriftstellerin Arundhati Roy ("Der Gott der kleinen Dinge") ist am 6. März zu einer eintätigen Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil sie das Gericht beleidigt habe. Roy war wegen ihres Protestes gegen das umstrittene Narmada-Staudammprojekt angeklagt worden. Da sie sich weigerte zu dem Prozess zu erscheinen, wurde sie wegen "Missachtung des Gerichts" verurteilt.

7. - 10. März 2002

Am 7. März wurden Berichte kolportiert, nach denen sich die Kaschmir-Rebellen in ihrem Kampf gegen Indien zusammenschließen wollen. Zur Zeit gibt es mehrere Dutzend Organisationen. Sie sollten auf sieben bis neun reduziert werden. Die moslemischen Rebellen wollen die indische Provinz Jammu und Kaschmir von Indien abtrennen.

Der indische Innenminister Lal Krishna Advani hat am 9. März ein pakistanisches Angebot für Friedensgespräche abgelehnt. Jeder Dialog sei bedeutungslos, wenn Pakistan nicht seine Unterstützung für den Terrorismus in Kaschmir einstelle, erklärte Advani.

Den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems in Indien sind in der vergangenen Woche mindestens 706 Menschen zum Opfer gefallen. Dies gab die indische Regierung am 9. März bekannt. Die Behörden rechnen aber noch mit weiteren Opfern. Nach Angaben der Polizei wurden in den Unruhen seit Ende Februar mehr als 2.000 Häuser und 1.900 Geschäfte sowie mehr als 900 Fahrzeuge zerstört. Die Polizei nahm 4.000 Personen fest.

11. - 17. März 2002

Im indischen Bundesstaat Gujarat haben wieder Kämpfe zwischen Hindus und Moslems begonnen. Zwischen 30 und 40 Häuser sind nach Polizeiangaben in Brand gesteckt worden. Zwei Hindus wurden getötet, als die Polizei gegen eine Hindu-Menschenmenge vorging.

Der Oberste indische Gerichtshof verbot am 13. März ein Gebet radikaler Hindus auf einem auch von den Moslems geheiligten Gelände in der Stadt Ayodhya. Die für den 15. März geplante Zeremonie wäre eine große Provokation für die Moslems gewesen. Der Richterspruch ist auch eine Niederlage für den nationalistischen Premier Vajpayee, der zwar nach Außen Neutralität vortäuschte, in Wirklichkeit aber die radikalen Hindus fördert.

Bei einer Explosion in einem indischen Zug in der nördlichen Provinz Punjab sind am 14. März zwei Menschen getötet und 30 verletzt worden. Vermutlich wurde die Explosion durch eine Bombe verursacht.

In verschiedenen Städten nahm die indische Polizei am 15. März mehrere Tausend Menschen fest. Ayodhya wurde von Tausenden Sicherheitskräften abgeriegelt, um zu verhindern, dass der Weltrat der Hindus (VHP) mit dem verbotenen Tempelbau beginnt. So begnügte sich der VHP mit einer symbolischen Zeremonie, bei der einem Vertreter der Regierung (!) zwei geschmückte Bausteine für den Tempel überreicht wurden.

Bei einem Anschlag auf eine protestantische Kirche im Diplomatenviertel der pakistanischen Hauptstadt Islamabad wurden am 17. März fünf Menschen getötet und 40 verletzt. Die meisten Opfer waren Ausländer, darunter auch die Frau und Tochter eines US-Diplomaten. Über die Täter wurde nichts bekannt.

18. - 22. März 2002

Am 20. März wurde in der pakistanischen Stadt Lahore ein Lokalpolitiker der Pakistanischen Volkspartei PPP, Akhlaq Ahmad Guddo, von Bewaffneten angegriffen und schwer verletzt. Seine beiden Leibwächter wurden erschossen. Das Motwiv für die Tat war unklar.
Im indischen Teil Kaschmirs wurden zwei Kinder getötet, als Moslemextremisten einen Militärkonvoi mit Minen treffen wollten.
Der CIA-Chef George Tenet sagte am 20. März in Washington, seit 30 Jahren sei die Gefahr eines Kriegs zwischen Indien und Pakistan nicht so groß gewesen wie heute. Die USA seien "zutiefst besorgt", dass in konventioneller krieg zu einem Atomkrieg eskalieren könnte.

Am 22. März kam es wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems im indischen Bundesstaat Gujarat. In der Industriestadt Baroda wurden zwei Menschen erstochen. Die Polizei verhängte über mehrere Stadtviertel eine Ausgangssperre.

23. - 31. März 2002

Am 25. März wurde in Sinagar/Indien ein führender Vertreter der kaschmirischen Unabhängigkeitsbewegung, Yasin Malik, festgenommen. Malik ist Chef der Befreiungsfront für Jammu und Kaschmir.
Am 26. März verabschiedete das indische Parlament eine Regierungsvorlage "Anordnung zur Terrorismus-Prävention" mit 425 gegen 296 Stimmen. Dieses sog. Anti-Terror-Gesetz räumt der Regierung weit reichende Rechte im Kampf gegen "extremistische" Organisationen ein. Verdächtige können beispielsweise bis zu 90 Tagen (andere Quellen sprechen von 30 Tagen) ohne Gerichtsverfahren festgehalten werden. Oppositionsführerin Sonia Gandhi kritisierte das Gesetz. Es untergrabe die indische Verfassung und verletze grundlegende Menschenrechte. Es ziele auf die Unterdrückung Oppositioneller sowie religiöser und ethnischer Minderheiten.

Am 29. März begann in Karatschi/Pakistan der Prozess gegen die mutmaßlichen Entführer des ermordeten US-Journalisten Daniel Pearl. Aus Sicherheitsgründen tagt das Gericht gegen den Hauptangeklagten Sheik Omar und die anderen Angeklagten im Zentralgefängnis der Stadt.

Am 30. März überfielen drei mutmaßliche Moslemextremisten einen Hindu-Tempel im Süden Kaschmirs. Dabei kamen zehn Menschen ums Leben. In der Stadt Jammu blieben daraufhin am 31. März und 1. April die Geschäfte geschlossen, nachdem Hindu-Organisationen zu einem Streik aufgerufen hatten. Die Tat hat auch wieder die seit Februar nie vollständig beendeten Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindus im Bundesstaat Gujarat neu entfacht.


Zurück zur Chronik-Übersicht

Zurück zur Indien-Seite

Zurück zur Homepage