Die Griechen und ihr Leben in Saus und Braus

Von Maritta G. Efthimiadis, Thessaloniki *

Griechenland soll und darf nicht untergehen, die Troika diskutiert, plant und realisiert gemeinsam mit ihren diversen Gesprächs- und Verhandlungspartnern immer neue finanzielle Hilfsmittel, fordert allerdings dafür als Gegenleistung die offizielle Abgabe der „Regierungs-Hoheitsrechte“, sowie den kompletten Ruin der griechischen Gesellschaft, denn anders können die Maßnahmen zu immer neuen Einsparungen in Ellas nicht mehr gesehen werden. Bislang trifft es nämlich ausschließlich den kleinen Mann, in Deutschland würde man es vielleicht mit „Der Michel muss bluten“ ausdrücken.

Nun schlägt die die Liberaldemokratische Partei Russlands großzügig den Beitritt Griechenlands vor, mit der Begründung „dass Russland ausgewogene Methoden für die Beendigung der Wirtschafskrise wird finden können, in die Griechenland durch EU-Standards getrieben wurde, wodurch die Interessen der eigenen Bürger auf keinen Fall geschmälert würden.“ Quelle: http://de.rian.ru/politics/20111020/261058994.html

Auch aus China kommt angeblich Hilfe: Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao war Anfang Oktober in Athen und meinte "China wird große Anstrengungen unternehmen, um die Länder der Euro-Zone zu unterstützen und Griechenland ein Überwinden der Krise zu ermöglichen" (Quelle: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,720927,00.html) , womit er also nicht nur die marode Wirtschaft Griechenlands anspricht, er ist sogar bereit, die gesamte Eurozone vor dem Ruin zu bewahren.

Und weiter: Das Hilfspaket für Griechenland soll zur Auszahlung kommen, 8 Millionen Euro sind also quasi auf dem Weg hierher, doch es ist bereits klar, dass auch diese Zahlung an der Lage in Ellas nicht viel Verändern wird (Quelle: http://www.handelsblatt.com/politik/international/troika-sieht-griechenland-nicht-vor-2021-am-kapitalmarkt/5442650.html)

Langsam bekommt man hier den Eindruck, die Hauptrolle in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ zu spielen, denn jeden Tag spielt sich das Gleiche ab – und wer es bislang nicht bemerkt hatte, der gelangt spätestens jetzt zu dieser Einsicht. Jeden Tag neue Hiobsbotschaften bezüglich der wirtschaftlichen und finanziellen Lage, in der wir uns befinden, und fast jeden Tag ein neues „Hilfsangebot“.

„Kann das eigentlich tatsächlich noch ein Zufall sein oder steckt da System dahinter“, das ist die Frage, die sich allmählich zwangsläufig stellt.

Woher kommt eigentlich das plötzliche, mit solcher Vehemenz an den Tag gelegte Interesse an diesem kleinen Ländchen auf dem Europäischen Kontinent, das bislang gerade als teures Urlaubsland getaugt hatte, und in das man trotzdem immer wieder gereist ist, weil die Mentalität der MENSCHEN hier als so angenehm empfunden worden ist? Geht es dabei tatsächlich darum, den Euro zu retten und die bereits vergebenen Kredite abzusichern? Ist es denn wirklich etwas Neues, dass die an Griechenland vergebenen Gelder IMMER in irgendwelchen Löchern versickern und über Jahrzehnte nicht zurückgezahlt werden?

Auch sehr interessant ist folgende Frage: Der weltweit bekannten Korruption in politischen Kreisen sowie in den Chefetagen der Manager, Reeder und Investoren, die hier offensichtlicher ist als in anderen Ländern (Korruption ist keine ursprünglich griechische Erfindung und existiert überall!), wird zwischenzeitlich weniger Beachtung geschenkt als der angeblichen Tatsache, dass dieses VOLK sein Land ruiniert habe, weil es „in Saus und Braus“ habe leben wollen.

Dass die Griechen - wie es in letzter Zeit so gern in Berichten der Gattung und des Niveaus „BILD sprach als Erste mit den Toten“ dargestellt und auch bereitwillig von vielen Lesern per Kommentare weiter verbreitet wird - angeblich „in Saus und Braus“ gelebt hätten, ist mehr als zweifelhaft, denn als z.B. in Deutschland Fernseher, Fotoapparate, später dann auch Computer bereits in den meisten Haushalten Einzug gehalten hatten, musste der Grieche noch immer im Ausland arbeiten, um sich das alles erwirtschaften und kaufen zu können.

Konsumpaläste sind erst im Verlauf der letzten etwa 20 Jahre zur festen Einrichtung in Ellas geworden, niemand hätte vorher das Geld gehabt, so einen Ort auch nur zu betreten, es gab sie schlicht und ergreifend gar nicht, da niemand das Geld zum Konsumieren gehabt hätte.

Die Konsequenzen, die sich daraus ergaben, sind nicht ganz uninteressant.

Ein Beispiel: Die ersten, damals noch „Personal Computer“ (PC) genannten Rechner, hatten einen Festplattenspeicher von um die 500 Mbyte, was für die Griechen unvorstellbar ist, denn ihre erste Bekanntschaft mit einem Computer im eigenen Haus begann zu der Zeit, als die unterste Grenze von 5 Gbyte schon ganz normal war. Während also wir in Deutschland schon fröhlich auf Tastaturen herumhackten und uns noch mit MS-DOS plagten, da war hier der Besitz eines Farbfernsehers schon ein großes Ereignis, an einen eigenen Computer war noch gar nicht zu denken.

Ein weiteres Beispiel ist der Besitz eines modernen Autos, der ebenfalls erst seit etwa 20 Jahren auch der breiten Masse möglich ist, vorher war das dem Normalverbraucher nicht möglich. Selbst die Komplett-Finanzierung eines Gebrauchtwagens gestaltete sich vor 10 Jahren noch als sehr schwierig, einen Neuwagen zu finanzieren jedoch war kein Problem (als Quelle dienen hier tief greifende, persönliche Erfahrungen, die gerne vergessen werden möchten).

Der ganze „Saus und Braus“ hat in Ellas erst mit Beginn der 90-er Jahre begonnen, und dass die Möglichkeit zum hemmungslosen Konsumieren nicht langsam und allmählich, wie etwa in Deutschland, seinen Einzug gehalten hatte, sondern quasi von heute auf morgen, ist heute mit Sicherheit nicht positiv zu werten.

Der sicherlich verantwortungslose Umgang mit dem Aufnehmen von Krediten um einen Computer, eine Videokamera, nicht zu vergessen ein Auto, am besten noch mit einer 2,0-Liter-Maschine und einem schicken Emblem wie BMW oder so zu kaufen, hat viel mit der jetzigen Verschuldung des EINZELNEN zu tun, denn wer seinen Zahlungen nicht nachkommt, kann nicht einfach die Hand heben und einen Offenbarungseid leisten, so etwas ist hier zu Lande unbekannt. Vor ein paar Jahren sind daher eine große Anzahl neuer Autos Zahlungsunfähiger kurzer Hand einfach abgeholt worden.

Das Nachholbedürfnis war groß, die Kreditangebote noch viel größer.

DER PLÖTZLICHE PSEUDO-REICHTUM, GENAU GENOMMEN JEDOCH NUR DIE VON KREDITGEBERN (= Banken) FREIZÜGIG (AN-)GEBOTENE MÖGLICHKEIT, SICH HEMMUNGS- UND GRENZENLOS ZU VERSCHULDEN, hatte so unvermittelt seinen Einzug gehalten, dass ein verantwortungsvoller Umgang damit nicht hat erlernt werden können. Wie kleine Kinder, die erst nichts gehabt hatten und dann plötzlich einen Haufen Spielsachen vorgesetzt bekamen, griffen die Menschen nach allem gleichzeitig – und verschuldeten sich ohne nachzudenken und zumeist weit über ihre persönlichen Grenzen hinaus.

Auch das überall bekannte Bauen eines Hauses über Jahre hinaus, also weiterzumachen, sobald wieder Geld zum Bauen erspart und übrig war - was für Griechenland typisch und völlig normal gewesen war - fand ein jähes Ende mit der Möglichkeit, große Kredite aufzunehmen, und die Griechen verschuldeten sich ganz unbeschwert.

Unentschuldbar, ganz sicher, und niemand anders als die Kreditnehmer selbst sind letztendlich dafür verantwortlich. So sind die oben stehenden Tatsachen nicht etwa als Entschuldigung für den sorglosen, kurzsichtigen bis verantwortungslosen Umgang der Menschen mit dem Kreditsystem zu verstehen, sondern lediglich als mögliche Erklärung. Sich weitere Gedanken über die möglichen Gründe für die so plötzlich in Griechenland eingeführten Möglichkeiten, sich per Kredite und Kreditkarten "bis auf die Knochen" zu verschulden, bleibt jedem selbst überlassen.

Aber wir haben da ja auch noch die Steuerhinterziehung, die wäre beinahe vergessen worden! Vor allem die des kleinen Mannes, also des Bauarbeiters, der nach Feierabend noch hinter dem Rücken des Finanzamts zum Malochen geht. Und die des Privatlehrers, der im Monat satte 300 bis 600 Euro verdient ohne Sozial- und Krankennversicherungsbeiträge abzuführen, um von dem, was dann NICHT mehr übrig bleibt, auch noch Steuern zu zahlen (mögliche Gründe dafür siehe „Schwarzarbeit in Griechenland“ hier im Blog). Weitere Beispiele der Steuerhinterziehung könnten natürlich genannt werden, ob die jedoch ausreichten, um ein Land in den Ruin zu führen, darf bezweifelt werden.

Langsam müsste es doch auffallen, dass die (bewusst?) gesteuerte Aufmerksamkeit der breiten Masse auf das unverantwortliche Handeln eines ganzen Volkes, das angeblich ein Land in die totale Katastrophe getrieben habe, von dem ablenkt, was zwischenzeitlich kaum mehr Beachtung findet:

Während Kostas Normalverbraucher kaum mehr die Mittel zum täglichen (Über-)Leben hat, während Steuern immer weiter erhöht werden bei sinkenden Einkommen, während Arbeitsplätze eliminiert werden und ein Geschäft nach dem anderen schließen muss, während dem „kleinen Mann“ die Schuld an der momentanen Situation in die Schuhe geschoben wird, ... während man also mit allem diesen beschäftigt ist, hört man immer weniger von korrupten Geschäften, die Millionenbeträge erwirtschaften (oder gibt es die plötzlich nicht mehr?), von Politikern, die ihre Stellung dafür nutzen, um sich noch mehr zu bereichern (oder haben sie damit plötzlich aufgehört?), von suspekten Geschäften großer Investoren, die an eine Runde Monopoly erinnern (oder bringt das plötzlich keine Gewinne mehr ein?), usw.

Während propagiert wird, dass sich „die Griechen“ auf Kosten insbesondere des deutschen Steuerzahlers ein Leben „in Saus und Braus“ gönnen, vermutet man hier, dass das zur angeblichen Rettung nach Ellas geschickte Geld in irgendwelchen schwarzen Löchern verloren geht, denn die Troika macht sich zwar die Mühe, ständig neue Vorschläge zum Ruinieren des Kostas Normalverbrauchers zu machen, wohin jedoch die geschickten Hilfsmittel fließen, das hat sie offensichtlich nicht zu überprüfen.

Korrupt ist ergo nur Kostas Normalverbraucher, dessen Konsumverhalten daher zwischenzeitlich auf Schritt und Tritt überprüft werden soll und wird, auf eine zweckgebundene Verteilung der Hilfsgelder muss jedoch offensichtlich nicht geachtet werden, man scheint den dafür Verantwortlichen grenzenloses Vertrauen entgegen zu bringen.

Der so genannten „Misswirtschaft der Regierungen“ ist meines Wissens nicht einmal im Ansatz auf den Grund gegangen worden, sollte jemand über gegenteilige Informationen verfügen, wäre ich sehr erfreut, wenn das hier gepostet würde.

Die unzähligen großen, in ganz Griechenland verteilten Schilder mit dem Hinweis, der Bau dieser Straße sei durch finanzielle Unterstützung der EU erfolgt, irritieren, sobald man von einem Schlagloch ins nächste knallt, bis man sich dann letztendlich auf einem Schotterweg befindet. Würde man die auf diesen Schildern genannten Euro-Beträge addieren, auf welchen Gesamtbetrag würde man wohl kommen? Die zweckgebundenen Zahlungen aus der EU-Kasse, die Regierungen und Ministerien dieses Landes immer und immer wieder kassiert haben, wo sind sie hingekommen?

Fleißig und unentwegt kontrollieren die Mitglieder der Troika, ob dem Leben „in Saus und Braus“ des Kostas Normalverbrauchers endlich Einhalt geboten wurde, ob er mit ausreichend hohen Steuern belastet wird, ob die Entwicklung der Teuerungsrate bei Lebensmitteln auch den Anforderungen und Bedürfnissen "des Landes" entsprechen, aber bislang ist nichts, aber auch gar nichts bekannt geworden von einer Überprüfung dessen, ob die Gelder der EU, die mit Sicherheit auch zu den zurück zu erstattenden Krediten zählen, auch tatsächlich dort gelandet sind, wo sie hätten landen sollen. Genau genommen haben die MENSCHEN in Ellas gar keinen Einblick in die Verwendung der Gelder, die sie mit den ihnen auferlegten Repressalien zurückzuzahlen haben.

Unklar ist auch, welche Interessen tatsächlich dazu führen, dass die „Hilfsbereitschaft“ von Außen so groß ist.

Eine Hilfsbereitschaft, die basiert auf der offensichtlich angestrebten, lückenlosen Kontrolle des Kostas Normalverbrauchers, dem Einführen immer neuer und höherer Steuern, dem fristlose Kündigen von Mitarbeitern ohne vorherige Ankündigung, den Einsparungen im Ausbildungssystem (es fehlen nicht nur immer noch viele Bücher, auch an Lehrern mangelt es), dem Zerschlagen eines Staatsapparates, der überflüssig sein mag, jedoch nicht von heute auf morgen eliminiert werden kann ohne große, menschliche Opfer, dem abrupten Privatisieren sämtlicher staatlicher Unternehmen ... Die Liste könnte endlos weitergeführt werden, während eine Aufstellung über ein Reduzieren der Einkommen von großen und kleinen Politikern gar nicht zu erstellen ist, da dafür jegliche Hinweise oder Quellen fehlen.

Welches tatsächliches Ziel hinter allem steckt, was gerade getan wird, um dem Leben des Kostas Normalverbrauchers „in Saus und Braus“ ein Ende zu bereiten, kann nur vermutet werden. Dass die verschiedenen Schritte zu weiteren Einsparungen in keinem Fall zu mehr führen können und werden, als zum endgültigen Bankrott der einfachen MENSCHEN hier, scheint aber unumstößlich festzustehen. Zu vermuten, welches Ziel dabei verfolgt wird, bleibt jedem selbst überlassen.

Schaut man allerdings in die anderen EU-Staaten und beobachtet die dortige politische und wirtschaftliche Entwicklung, dann stellt sich die Frage, wie lange es wohl dauern mag, bis jedes einzelne Mitglied dieser Union selbst zu einem „Schweine“-Staat wird ...

* Dieser Beitrag erschien im Blog von Maritta G. Efthimiadis, die seit 12 Jahren in Griechenland lebt. Ihr Blog heißt "Ellas" (nach: "elladazoi", auf griechisch Ελλάδα ζωή - das bedeutet wörtlich übersetzt lediglich "Griechenland Leben"); http://elladazoi.blogspot.com


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