"Gaza. Land ohne Hoffnung"

Ein aufrüttelndes Buch der ARD-Hörfunkkorrespondentin Bettina Marx - Und ihr Tagesschau-Bericht "Albtraum Gaza-Streifen"

"Die humanitäre Lage ist genau so, wie sie sein sollte".
Zipi Livni als Außenministerin Israels

Gaza. Ein "winziger Streifen voller Elend und Verzweiflung."
Der Spiegel

Die ARD-Hörfunkkorrespondentin Bettina Marx berichtet: "Gaza. Land ohne Hoffnung".

Die Bombardierung des Gazastreifens zu Beginn des Jahres 2009 hat fast 1.400 Menschen das Leben gekostet, darunter waren hunderte Kinder. "Wir haben die Bevölkerung mit Flugblättern und sogar mit Telefonanrufen gewarnt", weist ein israelischer Militärsprecher Schuldvorwürfe an seine Regierung zurück. Aber wo hätte sich die Bevölkerung in Sicherheit bringen sollen in einem Landstrich, der nicht größer ist als Bremen, in dem aber dreimal so viele Menschen leben - 1,5 Millionen - und dessen Grenzen so streng bewacht werden, dass er immer wieder auch als das größte Freiluftgefängnis der Welt bezeichnet wird?

Über den Zugang nach Gaza wacht Israel rigoros. Während früher tausende Arbeiter in Israel den Lebensunterhalt für ihre Familien verdienten, dürfen heute nur noch wenige Palästinenser ihr Land verlassen. Selbst Studenten mit der Zusage für einen Studienplatz und einem Stipendium wird die Ausreise verweigert. Eine Generation nach der anderen wird um ihre Kindheit und Jugend betrogen, um ihre Chancen im Leben. Sie haben nie andere Kulturen kennen gelernt, andere Sprachen gehört, teilgehabt am normalen Leben.

Da die Bewohner von Gaza seit den neunziger Jahren keinen Kontakt mehr zu Israelis haben, haben sie sie auch nie als Arbeitgeber, als Kollegen oder als Freunde kennen lernen können. Für die meisten sind die Israelis nur Besatzer, Unterdrücker und Soldaten blutiger Militäroffensiven. Und weil israelische Journalisten seit Jahren aus dem Gaza-Streifen ausgesperrt sind und ausländische Korrespondenten kaum Zugang haben, ist das Bild in der Öffentlichkeit über die Zustände in Gaza sehr einseitig. Die Palästinenser erscheinen auf Fernsehbildern meist als wütende Menschenmasse oder als aggressive Einzeltäter, die sich gegenseitig bekämpfen und Raketen ins benachbarte Israel schießen, während sich zahlreiche Reportagen detailliert den Lebensbedingungen der Israelis widmen.

Bettina Marx studierte Judaistik und Islamwissenschaft. Viele Jahre berichtete sie als ARD-Hörfunk-Korrespondentin für den Deutschlandfunk aus Israel und die palästinensischen Gebiete. In ihrem Buch schildert sie aus eigener Anschauung das Leben in Gaza, einst einer der idyllischsten Landstriche der Region, und gibt in ihren Porträts seinen Bewohnern ihr Gesicht zurück. Sie besucht den Taxifahrer Raed, Ernährer einer vielköpfigen Großfamilie, der bei einem israelischen Granatenangriff 19 Familienmitglieder verlor, erlebt die entwürdigenden Kontrollen an der Grenze zu Israel mit, spricht mit Ärzten und Wissenschaftlern, von denen viele im Ausland studiert haben und die nach Gaza zurückgekehrt sind, um ihr Volk zu unterstützen.

Sie sprach aber auch mit jüdischen Siedlern, die auf ihr uraltes "gottgegebenes" Recht an diesem Land pochen, von der Kluft, die sich in Ermangelung jeder Gelegenheit und Bereitschaft zu nachbarschaftlicher Begegnung zwischen beiden Seiten aufgetan hat und die im Lichte der jeweiligen Klischees und Vorurteile über die "Anderen", "die Juden" einerseits und "die Araber" andererseits, immer tiefer und unüberbrückbarer wird. Und sie berichtet von den Schwierigkeiten und Gefahren, mit denen Journalisten bei ihrer Arbeit in Gaza konfrontiert sind, wenn sie überhaupt einreisen dürfen. Nach dem Ende der israelischen Angriffe ist Bettina Marx im März 2009 noch einmal nach Gaza zurückgekehrt und berichtet in einem Kapitel speziell über die aktuelle Situation dort.

Bettina Marx: "Gaza. Land ohne Hoffnung". Originalausgabe. Zweitausendeins 2009; 11 Fotos, 3 Karten, 348 Seiten; fester Einband; 19,90 €.

Das sagt die Presse

Ein wichtiges Buch.
Es liefert zahllose Details dieses so verwirrenden und anscheinend ausweglosen Kampfes um land zwischen Israelis und Palästinensern. Und man versteht, weshalb der Hass dort immer weiter wächst ... Am Ende kann man nachvollziehen, dass dieser Teil der Welt immer noch ein Pulverfass ist. Und dass sich daran nichts ändern wird, solange Gaza ein Gefängnis ist."
(Claudia Decker, Bayerischer Rundfunk, 2.6.2009)

Ein Buch, das alle unsere deutschen Gemeinvorstellungen von Israel-Palästina vom Kopf auf die Füße der Tatsachen stellt.
"Das ist ein gewaltiges Buch, das nur beschreibt, das aus der Fülle eines engagierten Reporterlebens nur erzählt, was den Personen geschehen ist, die sie im Gaza-Streifen erlebt hat ... Liest man sich in diesem immer gut geordneten, aber wahnsinnig materialreichen Buch fest, erkennt man die Vorzüge dieser Autorin gegenüber den bisherigen, die man zu diesem Konflikt gelesen hat ... Die Autorin muss nicht urteilen, so gut wie nie kommentieren: Alles ergibt sich für den Leser aus dem, was sie an Realität erlebt."
(Rupert Neudeck, 19.4.2009)



Albtraum Gaza-Streifen

Rund 1,5 Millionen Menschen leben im Gaza-Streifen auf engstem Raum. Gewalt und Armut gehören seit Jahren zu ihrem Alltag. Mehrere internationale Hilfsorganisationen aber schlagen nun Alarm: So schlimm wie zurzeit war die Lage noch nie. Vor allem Kinder gehören zu den Leidtragenden.

Von Bettina Marx, ARD-Hörfunk, Studio Tel Aviv, 6. März 2009

Amira ist nur einen Monat alt geworden. Vorgestern Abend wurde sie bei Kämpfen zwischen Israelis und Palästinenensern von einem Querschläger getroffen. Am Mittwoch wurde sie unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in Gaza beigesetzt. Ihr Vater trug den kleinen Leichnam, eingebettet in einen Kranz aus Blumen. Amira ist das vorläufig letzte Opfer unter palästinensischen Kindern. Mehr als 20 Kinder und Jugendliche wurden bei der jüngsten Gewalt im Gazastreifen getötet. Sie sind die Leidtragenden eines Konflikts, dessen Ende nicht abzusehen ist.

John Ging, Direktor von UNRWA, dem Hilfswerk der Uno für die palästinensischen Flüchtlinge in Gaza, warnt vor den Konsequenzen von Gewalt und Elend. "Die Zivilbevölkerung von Gaza bezahlt den Preis für das politische Versagen - und das muss sofort geändert werden", fordert Ging. Sonst verpasse man den Punkt, an dem es keine Rückkehr mehr gebe. "Die Menschen werden sich einer Ideologie von Gewalt und Extremismus hingeben, und es wird immer schwieriger sein, das zu ändern." Ging gibt zu bedenken, dass die Hälfte der Bevölkerung unter 18 Jahre alt ist. "Diese jungen Leute verpassen ihre Ausbildung, denn wir können keine Kreide hereinbringen, keine Notizblöcke, kein Papier für Schulbücher." Diese Blockade, diese Bestrafung der Bevölkerung zerstöre den Prozess, der aus diesem Durcheinander führen könne.

So schlimm war es noch nie

So schlimm wie jetzt war es noch nie im Gaza-Streifen. Zu diesem Ergebnis kommen auch acht humanitäre und Menschenrechtsorganisationen, unter ihnen Amnesty International, Care, Oxfam und Christian Aid. In Großbritannien haben sie einen Bericht vorgelegt, der die Lage in Gaza als humanitäre Implosion beschreibt. 80 Prozent der 1,5 Millionen Menschen, die in dem kleinen Küstenstreifen leben, sind demnach von Lebensmittelhilfe abhängig. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent, in der Privatwirtschaft sogar bei 70 Prozent. Die Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung stehen vor dem Zusammenbruch, das Gesundheitssystem kann die medizinische Versorgung nicht mehr leisten.

John Ging, der UNRWA-Direktor, bestätigt den Bericht in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Jazeera. "Die Lage in Gaza ist inhuman nach jedem Standard. Wir haben die Perspektive verloren", beklagt er. "Die Welt ist abgestumpft gegenüber dem Leid der Menschen von Gaza, die Politik ist gescheitert. Und das Ergebnis ist grauenhaftes Leid. Das befördert eine extremistische Ideologie und läuft allen Bemühungen um die Fortsetzung des Friedensprozess zuwider." Das Elend in Gaza sei beispiellos, so Ging. Und diese Situation dauere nun schon viel zu lange an. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Studie der Hilfsorganisationen. So schlimm wie im Augenblick sei es seit Beginn der israelischen Besatzung im Jahr 1967 nicht gewesen.

Quelle: ARD Hörfunk, 6. März 2009; www.tagesschau.de


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